Münchens Südosten Kunst im Ziegenstall

Einst dienten die Münchner Viertel Haidhausen und Au als Slum für mittellose Tagelöhner, heute schätzen Kreative die einzigartige Atmosphäre. Auch kulinarisch hat sich einiges getan - doch die als Armenspeisung eingeführte Rumfordsuppe schmeckt in veränderter Rezeptur immer noch.

Kurt F. de Swaaf

Einst strandeten hier am Isarufer die Hoffnungen. Sie kamen vom Land, aus Dörfern und aus der Knechtung, angelockt von der städtischen Freiheit und dem Traum vom Wohlstand. Doch sie durften nicht rein, die Flüchtlinge. Das spätmittelalterliche München hielt seine Tore verschlossen. Seine Bürger wollten möglichst wenig mit den zugereisten Habenichtsen zu tun haben. Sie innerhalb der Stadtmauern leben zu lassen - undenkbar.

Somit blieb dem Lumpenproletariat keine andere Wahl, als sich außerhalb niederzulassen, im Hochwasser-Überschwemmungsgebiet des Flusses zum Beispiel. Man baute sich Hütten und verdiente sein Brot als Pinselmacher, Korbflechterin, Froschhändler oder gar als Goldwäscher an der Isar. Ein hartes Leben, meist ohne Aufstiegschancen.

Wer heutzutage durch den Münchner Stadtbezirk Au-Haidhausen spaziert, findet kaum Hinweise darauf, dass dies de facto nichts anderes als ein ehemaliges Slumviertel ist. Vor allem Haidhausen hat sich zu einer beliebten Wohngegend mit gut sanierter Bausubstanz und einer gehobenen Shopping-Infrastruktur gemausert. Verschwunden die Elendsquartiere, die noch im 19. Jahrhundert regelmäßig von Typhus und Cholera heimgesucht wurden.

Die damals grassierende Armut veranlasste Benjamin Thompson, einen britisch-amerikanischen Abenteurer im Dienste des Kurfürsten Karl Theodor, 1790 sämtliche Landstreicher und Bettler festnehmen und sie in einem "Militärischen Arbeitshaus" im Stadtviertel Au Uniformen produzieren zu lassen. Thompson wurde dank seiner Ideen zum Reichsgrafen Rumford geadelt. Den Zwangsverpflichteten ging es nicht unbedingt schlecht. Sie erhielten einen relativ hohen Lohn für ihre Arbeit und kostenlose Mahlzeiten. Zur Kräftigung gab es täglich Rumford-Suppe, ein überaus sättigendes und schmackhaftes Gericht auf der Basis von Graupen und Erbsen, welches zu Unrecht ziemlich in Vergessenheit geraten ist.

Almhütte in der Großstadt

Trotz allem: Es gibt noch sichtbare Spuren der Vergangenheit. Am östlichen Ende der Preysingstraße trifft der Besucher auf eine Ansammlung stadtuntypisch niedriger Häuschen. Eines davon, der Kriechbaumhof, sticht geradezu ins Auge: Hat sich hier eine Almhütte in die Großstadt verirrt? Nicht ganz. Der seltsame, deplatziert wirkende Holzbau ist ein traditionelles Haidhauser Herbergshaus.

Solche Anwesen wurden ab Mitte des 17. Jahrhunderts zunehmend zur Unterbringung der armen "kleinen Leute" gebaut. Dahinter stand eine Reform der Besitztumsrechte, welche erstmalig "Stockwerkseigentum" und "Gelaßeigentum" ermöglichte. So konnten Handwerker und sogar Tagelöhner eine eigene Bleibe von einem oder mehreren Zimmern erwerben. Die Eigentumswohnung war geboren.

Der Kriechbaumhof stand ursprünglich an anderer Stelle. Er wurde 1976 abgetragen und später wieder aufgebaut. Anschließend hat sich hier der Jugendverband des Deutschen Alpenvereins einquartiert. Gegenüber liegt der Herberghof, so etwas wie ein winziges Dorf mit hübschen, leicht verwilderten Gärtchen. In einem der alten gemauerten Kleinhäuser ist der Kinderhort untergebracht. Die Tür steht offen, an der Garderobe im Gang hängen reihenweise bunte Regensachen. Von drinnen ertönt fröhliches Stimmengewirr, während auf dem Dach eine Kohlmeise zwitschert. Walnüsse fallen krachend auf das Kopfsteinpflaster.

Eva Sperner wohnt und arbeitet schon seit 20 Jahren im Haidhauser Herbergenhof. "Ich habe mir hier ein Zuhause geschaffen" sagt die gebürtige Schwäbin. Sie ist Glasdesignerin. Ihr Atelier zeugt von erfahrener Kreativität - ein schlicht eingerichteter, freundlich wirkender Ort.

Im Fenster hängen weiße Glasbilder mit Schriftzeichen, dahinter das satte Grün von Bäumen und Bambus im Garten. Aus einer Kiste ragen Metallstäbe mit gelben Glasplatten empor. Sie zeigen die Gesichter von lachenden oder nachdenklich schauenden Menschen. Solche Glasporträts, die auf Fotos basieren, sind eine von Sperners Spezialitäten. Abhängig vom Lichteinfall wirkten sie sehr verschieden, sagt die Künstlerin.

Paradies für Kreative

Sperner ist nicht die einzige Kunstschaffende im Quartier. Nebenan lebt die Goldschmiedin Andrea Hiebl, in anderen Herbergshäusern haben sich Bildhauer sowie eine Malerin niedergelassen. Der Hof ist eine wahre Künstlerkolonie, die ursprünglich aus einer Notlage heraus geboren wurde. Denn in den Achtzigern war die historische Bausubstanz in miserablem Zustand.

Es musste etwas geschehen, aber was? Sperner kann sich noch gut an die damalige Zeit erinnern. Sie hatte ihr früheres Atelier nur wenige Schritte von ihrem heutigen Domizil entfernt. "Die Häuser hatten kaum Komfort und waren sehr eng." Für eine Luxussanierung taugten sie gewiss nicht. Die Stadtverwaltung entschied sich aber auch gegen einen Abriss. Man beschloss daraufhin, die Herbergen nach einer gründlichen Renovierung an Künstler zu vermieten, und zwar nur an solche, die gleichzeitig hier wohnen und arbeiten wollten.

Die Idee wurde ein Erfolg. "Dies ist eine große Lebensgemeinschaft", erklärt Sperner. Gerade unter Künstlern sei es nicht einfach, so etwas zu schaffen, "weil jeder doch sehr sein Eigenleben hat". Im Herbergenhof gehe es um "Stärkung durch die Verstärkung mit anderen". Inzwischen hat sich dieses Prinzip auf ganz Haidhausen ausgeweitet. Viele Kreative des Viertels haben sich im Projekt "Obacht!" zusammengeschlossen und veranstalten gemeinsam eine Kulturbiennale.

Im "Üblackerhäusl" in der Preysingstraße 58 kann man sich ansatzweise ein Bild über die Lebensbedingungen der früheren Herbergshaus-Bewohner machen. Das Mini-Museum zeigt zwei Zimmer, eingerichtet wie um die vorige Jahrhundertwende. Enge und biederer Stolz sprechen daraus. "Und ist dein Reich auch noch so klein, das Sonnenlicht dringt doch herein", heißt es auf einem bestickten Leintuch an der Wand.

Sushi statt Suppe

Der ehemalige Ziegenstall des Üblackerhäusls dient jetzt als Ausstellungsraum. Jedes Jahr können die Besucher hier Werke von elf verschiedenen Künstlern besichtigen, sagt Ingo Glass, ein liebenswert kauziger Bildhauer. Er und seine Frau leben im Obergeschoss und betreuen das städtische Kleinmuseum. "Wir verbinden das Alte mit dem Neuen." Glass sitzt in seinem mit Büchern vollgepackten Schreibzimmer und zeigt ein Röntgenbild seiner Wirbelsäule. Alles voller Schrauben, das verdanke er die Schlepperei bei der Arbeit an seinen Skulpturen. Aus einer Regalnische starrt einem eine ausgestopfte Schleiereule entgegen.

Auch anderswo in Au-Haidhausen gehen offenbar viele ungewöhnliche Menschen ihren Ideen nach. Das Ehepaar Giovanni Montella und Reiko Horikoshi zum Beispiel betreibt an der Rosenheimer Straße das Lokal "Due Golfi", ein italienisch-japanisches Bistro mit nur vier Tischen. Die beiden haben sich vor einigen Jahren in München kennengelernt. "Ich hatte früher schon ein größeres italienisches Restaurant, wollte aber unbedingt etwas mit meiner Frau zusammen machen", erzählt Montella. Reiko Horikoshi arbeitet derweil am Sushi mit süßem Balsamico-Essig. Es duftet nach Reis, Espresso und geröstetem Brot.

Von solcher kulinarischer Vielfalt konnte das Lumpenproletariat vor 200 Jahren nur träumen. Um die Herstellungskosten auf etwa zwei Pfennig pro Portion zu senken, wurden bei der Rumfordsuppe häufig die Graupen komplett durch billigere Kartoffeln ersetzt, manchmal verdickte altes Weißbrot die Mixtur. Gewürzt wurde lediglich mit Salz - die damalige Version des Gerichtes dürfte zwar kräftigend, aber nicht übermäßig schmackhaft gewesen sein.



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