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Radeln am Nord-Ostsee-Kanal: Auf die Plätze, Leinen los!

Von Bernd Ellerbrock

140 Meter langer Stahlkoloss gegen Radfahrer: Wer am Nord-Ostsee-Kanal radelt, kommt schnell in Versuchung, ein Wettrennen gegen eines der Containerschiffe zu wagen. Protokoll eines Duells über 100 Kilometer.

Nord-Ostsee-Kanal: Wettfahrt gegen die "Hanse Courage" Fotos
Bernd Ellerbrock

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Wie dieses Wettrennen ausgehen wird, weiß ich schon vorher: Ich werde gewinnen. Ich lasse mich nicht abschrecken von den 10.800 Pferdestärken, die meinen Gegner vorantreiben. Auch der Name flößt mir keine Angst ein, was heißt schon "Hanse Courage"? Der Einzige, der hier couragiert ins Derby geht, bin ja wohl ich, der Radler.

Mein Sparringspartner ist das größte der Schiffe, die frühmorgens in der Großen Seeschleuse von Brunsbüttel liegen - 140 Meter lang, 23 Meter breit, 11.000 Tonnen Tragfähigkeit. Allerdings dürfen Schiffe im Nord-Ostsee-Kanal (NOK) eh nicht schneller fahren als 15 km/h, da wird sogar geblitzt. Aber das bleibt unter uns.

Die Schleuse ist an diesem Tag in Betrieb, kein Schiebetor aus Kaiser Wilhelms Zeiten klemmt. Freie Fahrt also bis zur 99 Kilometer entfernten Schleuse Kiel-Holtenau für den Containerfrachter, auf den ich am Jachthafen warte. Ein schrilles Klingeln kündigt an, dass das Schleusentor sich gleich öffnet: Start um 8.30 Uhr.

Gemächlich schiebt sich "Hanse Courage" in den Kanal und nimmt langsam Fahrt auf. Schnell ein Foto, dann trete ich in die Pedale. Hier am Ufer auf dem Wirtschaftsweg werde ich nun bleiben, so lange ich kann, und den Frachter an einigen markanten Stellen ablichten.

Wer dicke Pötte gucken will, bleibt am Kanal

"Hanse Courage" wird die 900 bunten Blechboxen an Bord nach Kaliningrad und St. Petersburg bringen. Die Passage durch den sogenannten Kiel-Kanal verkürzt ihren Weg um rund 250 Seemeilen. Durch ihn werden jährlich 100 Millionen Tonnen Fracht von über 30.000 Schiffen durch den Kanal transportiert. Er ist damit eine der meistbefahrenen künstlichen Wasserstraßen der Welt.

Der offizielle Fernradwanderweg, beworben als "Straße der Traumschiffe", hingegen führt 315 Kilometer lang in großen Schleifen immer wieder ins Landesinnere Schleswig-Holsteins. Doch wer dicke Pötte gucken will, bleibt am Kanal.

Mit 20 km/h rolle ich dahin und hänge "Hanse Courage" schnell ab. Erst an der Grünentaler Hochbrücke will ich sie, und zwar von oben, wiedersehen. Ich spekuliere darauf, dass das Feederschiff irgendwann in eine der zwölf Weichen muss, um auf entgegenkommende Schiffe zu warten, weil der Kanal für eine Begegnung zu eng ist. Doch als ich die beiden nächsten Parkbuchten Kudensee und Dückerswisch passiere, ahne ich, dass das nicht klappt: Hier warten die aus Kiel kommenden Schiffe auf die aus Brunsbüttel und nicht umgekehrt!

"Hanse Courage" wird also mit konstanter Geschwindigkeit durchfahren. Ich dann eben auch. Der Radweg am "spiegelgleichen Seekanal" ist gut ausgebaut, und Höhen sind nicht zu überwinden. Dummerweise fehlt just heute der übliche Schiebewind aus Westen - weshalb schlaue Radwanderer auch in Brunsbüttel starten. Stattdessen Ostwind von vorn.

Nach zwei Stunden steht für mich die erste "Bergwertung" an: Mit viel Kurbelei auf dem kleinsten Gang fahre ich in Serpentinen die 42 Meter zur Hochbrücke hinauf. Um die Ecke biegt gerade ein Schleppverband der "Verkehrsgruppe 7", denn heute wird die Ostsee-Fähre "Berlin" nach Dänemark überführt. Daher müssen also alle Schiffe von Kiel kommend in die Wartebuchten.

Im Windschatten der Fähre taucht auch schon "Hanse Courage" auf. Schnell das Beweisfoto, klick, und im großen Bogen - ein Umweg! - an den Kanal zurück. Das erste Mal sehe ich dort das Heck meines Gegners, muss beschleunigen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Das wahre Rennen hat begonnen.

Bier und Matjes an der Schiffsbegrüßungsanlage

20 Kilometer habe ich, um als Erster an der Lotsenstation Rüsterbergen zu sein. Normalerweise hätte ich an der Fähre Fischerhütte eine Pause im lauschigen Biergarten eingelegt oder die vielen Angler befragt, ob sie wirklich Fische aus diesem Graben ziehen. Oder ich hätte den Auswechselarbeiten an den Dalben in der Weiche Oldenbüttel länger zugeschaut, noch eine Weile mit anderen Radwanderern Klönschnack gehalten und mit Shipspottern gefachsimpelt. Nächstes Mal - ich muss weiter.

Kurz vor der Fähre Breiholz fahre ich eine Weile neben meinem Kontrahenten her, den Blick aufs Tacho: konstant 15 km/h. Ob Kapitän, Lotse oder Crew mich sehen? Die ahnen ja gar nicht, dass sie heute an einem Rennen teilnehmen.

An der Lotsenstation hat "Hanse Courage" mehr als die Hälfte der Strecke bewältigt. Ein Versetzboot rauscht vom Ufer ab, um den Lotsen für die Passage nach Kiel zu bringen und den bisherigen von Bord zu holen. Die Eisenbahnhochbrücke mit Schwebefähre in Rendsburg erreiche ich vor dem Schiff. Bitte lächeln! Klick.

Dort - aber am anderen Ufer - befindet sich die Schiffsbegrüßungsanlage. Dort werden Fahnen gedippt und Nationalhymnen abgespielt (für meinen Rivalen die von Antigua Barbuda), dort gibt es Kaffee und Kuchen, Bier und Matjes und vom Schiffsansager Geschichten und Erläuterungen für das zahlreiche Publikum an Sommertagen. Für mich heute aber nicht.

Ab hier ist der Radfahrer gegenüber dem Schiff benachteiligt. Erstens beginnen nun lange Umwege, wie gleich hier in Rendsburg wegen der am Kanal gelegenen Werften. Und bei Königsförde führt die Route sogar ins hügelige Landesinnere, ob man will oder nicht. Am Kanal zurück, wartet eine anstrengende Holperstrecke mit abgehobenen Platten und Schotter, die mich ausbremst. Auch die Kräfte schwinden nach fünfstündiger Fahrt in der heißen Sommerluft. Als an der letzten Autofähre vor Kiel "Hanse Courage" endlich vor mir auftaucht, will ich nur noch eins: mein Rennen beenden und gewinnen.

Beim Einlaufen in die Schleuse Holtenau schieße ich mein vorletztes Beweisfoto, radele die letzten 500 Meter Strecke den Minihügel zum Leuchtturm hinauf. Tachostand: 112 Kilometer! Den Bierdurst gelöscht, den Hunger von einer Portion Labskaus gestillt, erblicke ich "Hanse Courage" gegen 17 Uhr in der Kieler Bucht ein letztes Mal. Klick.

Allgemeine Informationen
... sind erhältlich bei der Touristischen Arbeitsgemeinschaft Nord-Ostsee-Kanal e.V., Schiffbrücken Galerie, 24768 Rendsburg, Tel.: 04331/6963844, Internet: www.tag-nok.de
Fachinformationen
...zum NOK gibt es bei der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nord, Hindenburgufer 247, 24106 Kiel, Tel.: 0431/3394348, Internet: www.wsd-n.wsv.de
Besichtigungen
Sowohl die Schleusenanlagen in Brunsbüttel wie in Kiel können von Aussichtsplattformen besichtigt werden oder im Rahmen von begleiteten Führungen, die angeboten werden (Brunsbüttel: Tourist-Information, Tel.: 04852/836624 - Kiel: Vorstand des Maritimen Viertel e. V., Tel.: 0151/21247791 oder Kiel Marketing, Tel.: 0431/679100).
Ausstellungen zum NOK
Brunsbüttel: Schleusenmuseum ATRIUM, Gustav-Meyer-Platz, 25541 Brunsbüttel (geöffnet täglich vom 15. März bis zum 15. November von 10.30 bis 17.00 Uhr, Tel.: 04852-8850)
Kiel: Schleusenausstellung in den Räumen der Technischen Marineschule Kiel, Arkonastraße 1, 24106 Kiel (geöffnet Sonnabends von 13 bis 17 Uhr, ganzjährig auf Anfrage, Tel.: 0151/21247791)
Literatur und Karten
Radwanderkarte "Nord-Ostsee-Kanal", 1:50.000, BVA, 9,95 Euro;
"Nord-Ostsee-Kanal-Route", 1:50.000, bikeline, 12,90 Euro;
"Kleines ABC des Nord-Ostsee-Kanals", Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, 9,95 Euro
Ausflugsdampfer / Rückfahrt
Da es keine Zugverbindung zwischen Kiel und Brunsbüttel gibt, empfiehlt sich eine Rückfahrt mit dem Schiff. Mit dem historischen Schaufelraddampfer "Freya" sind solche kompletten NOK-Passagen (Dauer: ca. sieben Stunden) in beide Richtungen möglich und werden regelmäßig angeboten: Reederei Adler, Boysenstraße 13, 25980 Sylt / OT Westerland, Servicetelefon: 01805/123344, Internet: www.adler-schiffe.de

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Bild 1
bewarzer-fan 03.09.2014
das Rad steht aber nicht sehr dynamisch da :-)
2. Wow!
Hamberliner 03.09.2014
Ich gratuliere zu der Kondition. Eine beachtliche Distanz. Ähnlich Spaß macht das Mäandern, wenn ich es mal so nennen darf, also möglichst viele Kanalfähren zu benutzen um möglichst oft das Ufer zu wechseln. Ein weiters Spielchen, das in Schleswig-Holstein gut passt, ist das Verfolgen von Heißluftballons, um die Landung zu erleben. Was ich allerdings nur per Motorrad mache, mit dem Fahrrad würde es schwierig. Man gelangt dabei in entlegene Ecken und Gegenden, die man noch gar nicht kannte, und es ist immer spannend ob man in eine Sackgasse geraten ist oder weiterkommt. Nur wenn man dem Begleitfahrzeug der Ballonfirma begegnet wird es langweilig, weil man dann sieht, wohin man fahren mus.
3. Warum fahren Sie nicht zurúck?
zufriedener_single 03.09.2014
224km am Stück sind keine große Sache...
4. geil B-)
scottbreed 03.09.2014
respect B-) würde ich auch gern mal machen B-) ich fahre ja auch gerne jeden zweiten Tag mit dem mountainbike (richtiges mountainbike) 50 bis 70 Kilometer im Gelände (Berge und so) aber währe bestimmt lustig B-)
5. Ernsthaft?
der-leser 03.09.2014
Ca. 100 km bei 15 km/h werden hier als großartige Leistung verkauft?
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