Nordseeinsel Amrum Lost in Öömrang

Wer auf Amrum landet, versteht manchmal die Welt nicht mehr. So fremd klingt der Dialekt der Einheimischen. Ein lektionsreicher Inselbesuch bei einem der Hüter des nordfriesischen Sprachschatzes.

Dörte Nohrden

Von Dörte Nohrden


Der Weg zu Jens Quedens führt durch die Ual Saarepswai und entlang des Nei Stich. Auch durch die Lunstruat kommen wir auf der Suche nach dem Mann, der uns bei der Entschlüsselung der seltsamen Namen helfen soll.

Plattdeutsch ist das mit Sicherheit nicht, das uns hier in Norddorf, Amrums nördlichstem Dorf, an jeder Straßenecke begegnet. Ist Amrum gar eine skandinavische Exklave, springen hier gleich Wikinger aus den Rosenhecken? Nein, die waren zwar auch mal hier, aber dieses Sprachmysterium, das ist: Öömrang, Amrumer Friesisch.

Gud dai, begrüßt uns Jens Quedens mit festem Händedruck. Der 72-Jährige trägt einen ergrauten Rauschebart, Karohemd und Jeans. "Willkommen im letzten Haus vor England", sagt er und bittet in seiner Friesenküche an den Tisch. Vor ihm liegt ein dicker Ordner. Darin: selbstentwickeltes Lehrmaterial für den Öömrang-Unterricht. Seit über 40 Jahren hütet Quedens Amrums besonderen Sprachschatz.

Wer auf der Insel Ferien macht, findet überall Hinweise auf dieses ureigene Idiom, das - wie Deutsch, Englisch und Niederländisch - zu den westgermanischen Sprachen zählt. Die Ortseingangsschilder auf Oomram - Amrum - sind zweisprachig, die "MS Eilun" - die "MS Insel" - schippert Urlauber zu den Halligen und Seehundbänken. Viele Häuser tragen Namen auf Amrumer Friesisch. Dabei spricht nur noch ein Viertel der etwa 2000 Insulaner heute noch den für Urlauberohren so fremd klingenden Dialekt.

Gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen unterrichtet Quedens, eigentlich Buchhändler, Verleger und Fotograf, interessierte Einheimische und zugereiste Saisonarbeiter - und heute gibt er auch uns ein paar Lektionen, die mehr sind als reiner Sprachunterricht. Wer Öömrang lernt, erfährt auch viel über die Seele der kleinen Insel im nordfriesischen Wattenmeer. Los geht's:

Lektion 1: "Leewer duad üs slaaw"

Im Friesischen schreibt man alles klein, bis auf Namen und Satzanfänge. "Lieber tot als Sklave" lautet der friesische Wahlspruch schlechthin. Die Friesen, so Quedens, seien seit jeher vor allem eines: freiheitsliebend. Erkennbar nicht nur daran, dass man von Amrums rot-weißem Leuchtturm direkt auf einen FKK-Campingplatz spähen kann. "Wir hatten durch die Seefahrt seit Jahrhunderten Handelsbeziehungen zu Orten auf der ganzen Welt, während man auf dem Festland mit dem Ochsenkarren gerade mal bis ins nächste Dorf kam", erzählt er schmunzelnd und nicht ohne Stolz.

Bis vor gut 150 Jahren gehörte die Insel lange Zeit zu Dänemark, trotzdem machten die Amrumer lieber ihr eigenes Ding, statt Steuern zu zahlen. Merke auch: Friesisch ist nicht gleich Friesisch. Auf Amrum spricht man Öömrang, auf der Nachbarinsel Föhr Fering und auf Sylt Sölring. Selbst auf dem nordfriesischen Festland verwirren sechs weitere Dialekte des Friesischen. Am ehesten verstehen sich noch die Föhrer und Amrumer untereinander, doch auch hier: Schuftet der eine in seiner tauköögem (Waschküche), tut der Amrumer es in der sauköögem. Nicht zu vergessen: Nicht nur die Nordfriesen, sondern natürlich haben auch die Ost- und Westfriesen eigene Dialekte.

Lektion 2: "Rüm hart, klaar kimang "

Lange Vokale schreibt man doppelt; es gibt weder ein langes -ie noch ein Dehnungs-h. Das merkt man sich am besten mit diesem wunderbaren Friesenvers: "Rüm hart, klaar kimang". "Weites Herz , klarer Horizont" - vier Worte, die beschreiben, was man fühlt, wenn man auf dem letzten hohen Dünenkamm steht und gen Westen blickt, oder durch den Wind über Europas breitesten Strand hinweg aufs Meer zuläuft.

Im Guten wie im Schlechten sind die Amrumer tief mit dem "Blanken Hans", ihrer tobenden Nordsee, verbunden. In der Ära des Walfangs etwa gab sie ihnen viel, mit heftigen Sturmfluten nahm sie ihnen bisweilen Mann und Maus. Dafür nahmen die Friesen dem Alphabet ein paar Buchstaben...

Lektion 3: Weg mit den überflüssigen Buchstaben

Warum z schreiben, wenn es auch anders geht. "Ein z wird ganz einfach zu ts, ein x wiederum zu ks", lehrt Quedens. Wie zum Beispiel im Verb waaks - wachsen. Quedens selbst ist mit seinem Nachnamen gerade noch einmal davon gekommen, denn auch das q, v oder y benutzen die Amrumer nicht.

Überhaupt sei Öömrang eine Sprache der Verben und verwende kaum Substantivierungen, sagt der Friesisch-Experte. Auf Amrum betreibt man keinen Häuserbau, sondern man baut Häuser. Manche bekommen schnöde Dachpfannen, andere ein Reetdach. Besonders hübsch sind die verträumten Friesenhäuser im Dörfchen Nebel, die sich teils seit Jahrhunderten gegen den Westwind stemmen. Apropos Haus...

Lektion 4: Ein hüs ist ein hüs ist ein hüs

Die Inselfriesen verwenden keine Doppelkonsonanten. Ein Haus ist ein hüs, gesprochen mit scharfem s. Womit wir bei einem durchaus ernsten Thema wären: Die Haus- und Grundstückspreise auf Amrum sind hoch. Und auch ein Grund dafür, dass viele jüngere Insulaner von Amrum wegziehen. Sie lösen ein Fährticket "nach Deutschland", erzählt Quedens amüsiert. "Und kaum sitzen sie im Zug nach Hamburg, sprechen sie plötzlich doch Friesisch miteinander, wie eine Geheimsprache."

Quedens lässt sich viel einfallen, um seine Muttersprache lebendig zu halten. In seinem Verlag nahm er sich bereits Lindgren-Übersetzungen an, auch "Maks an Moorits" stehen in den Regalen seiner Buchhandlung - zweisprachig auf Hochdeutsch und Öömrang verfasst. Auch für Erwachsene sind Kinderbücher eine prima Sache, um ein Gefühl für das Friesische zu bekommen, findet Quedens. Das "Nordfriisk Instituut" in Bredstedt bietet sogar einen kostenlosen Online-Sprachkurs für Friesisch-Fans an.

Lektion 5: "Koon 'am at jauen en rüm hüür?"

Nicht leicht zu merken, aber viel wert ist die letzte Lektion für heute, die Quedens uns lehrt. Ein Satz, der einem auf Amrum, nicht nur die Herzen, sondern auch die Türen öffnet: "Kann man bei euch ein Zimmer mieten?".

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Sumerer 29.08.2017
1.
"Wer auf Amrum landet, versteht manchmal die Welt nicht mehr. So fremd klingt der Dialekt der Einheimischen. Ein lektionsreicher Inselbesuch bei einem der Hüter des nordfriesischen Sprachschatzes." Nicht nur wer auf Amrun landet, versteht manchmal die Welt nicht mehr. Das ist auf Pellworm ebenso und auch in Wales oder in China, wo trotz gleicher Schrift, die Aussprache völlig unterschiedlich ist. Für Arabisch gilt dies auch - man denke nur an Hocharabisch und lokale Dialekte.
spoe 29.08.2017
2. Kein Dialekt - sondern eine eigene Sprache mit verschiedenen Dialekten
Das man als nicht friesisch sprechender Mensch auf Amrum Föhr und den anderen Inseln und Halligen nichts versteht, liegt daran, dass es eine eigne Sprache und eben kein Dialekt ist. Die Friesische Sprache hat wiederum verschiedene Dialekte.........
rhf-berlin 29.08.2017
3. Amrum
Als ich vor Zeiten dort (und anderswo in Nordfriesland, auch auf dem Festland) temporäre Arbeits- und Schlafstatt fand, ging die böse Bezeichnung "Alcatraz" für dieses Eiland um.
schwelle 29.08.2017
4. Kleiner Hinweis...
Friesen finden es übrigens nicht lustig, wenn man ihre Sprache als Dialekt bezeichnet...
mathias.unger 29.08.2017
5. Es geht um FRIESISCHE DIALEKTE
Ist schon klar, dass die Friesen es nicht gern hören, wenn von einem Dialekt gesprochen wird. Sie sprechen schließlich ihre eigene Sprache. Im Vorspann wird das allerdings nicht sehr deutlich! Aber im sehr stimmungsvollen und farbigen Artikel der Autorin wird dann sehr schnell klar, dass es in dem Fall nur um friesische Dialekte geht. Die waren mir vor der Lektüre überhaupt nicht bekannt. Ein Dank an Dörte Nohrden, sie hat eine Wissenslücke bei mir geschlossen.
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