Fotoserie zum Oktoberfest Wiesn-Melancholie

Das Oktoberfest eint Menschen aus aller Welt, jeder findet hier seinen Platz. Davon ist Christoph Grothgar fasziniert - er fotografiert melancholische, verträumte und sogar zärtliche Seiten des größten Volksfests der Welt.

Christoph Grothgar

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Manchmal schlägt das Leben einen Kreis. So wie auch bei Christoph Grothgar. "Während meine Eltern in München das Oktoberfest besuchten, wurde ich gezeugt", sagt der 47-jährige Fotograf und lacht. Geboren in Düsseldorf, aufgewachsen in London, lebte Grothgar viele Jahre in Großbritannien, ehe er nach Deutschland und 2011 zurück nach Bayern kam - und bei der nächsten Wiesn dabei war.

"Beim ersten Mal auf dem Oktoberfest hatte ich natürlich die Geschichte im Hinterkopf, dass meine Eltern dort eine gute Zeit hatten", sagt Grothgar. Aber auch jede Menge Vorurteile: zum Beispiel "Steh im Zelt nicht unter einem der Balkone, sonst fällt dir eine Maß auf den Kopf" oder "Trink nicht so schnell, sonst bist du sehr schnell besoffen". Und auch, dass es dort hart hergehen würde.

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Oktoberfest in Schwarzweiß: Wiesn-Melancholie

Für Christoph Grothgar kam es anders. Er traf auf Münchner, die mit jedem gequatscht haben, jedem zuprosteten und lustig waren. Die gute Stimmung gefiel ihm - seitdem ist er Wiesn-Fan. Den Anstoß zu seinem Bildband "Fifth Season" erhielt er, als er im Sommer auf der Theresienwiese den Aufbau der Festzelte beobachtete. Noch waren nur die Skelette der Bauten zu erkennen - "ein Moment, den viele Wiesn-Gänger nicht mitbekommen".

"Ich wollte das Oktoberfest aus der Sicht eines Neuen begleiten", sagt er - als Wiesn-Anfänger. Drei Jahre lang pilgerte er ab 2012 über das Fest, tagtäglich bis in den Abend. Er beobachtete die Feiernden in den Zelten von Augustiner bis Löwenbräu und Hacker und die Kellnerinnen mit kiloschweren Biergläsern. Er fing romantische Momente ein: wie etwa ein Liebespaar beim nächtlichen Kuss. Und bierselige: wie ein Männerduo im Rauschschlaf.

All dies in Schwarzweiß. "Ich bin ein großer Fan der schwedischen Fotografen Anders Petersen und Christoph Strömholm. Beides sind markante Geschichtenerzähler, die primär in Schwarzweiß gearbeitet haben oder arbeiten", sagt Grothgar, der nach dem Fotografiestudium in Großbritannien zunächst im Mode- und Beautybereich arbeitete, sich heute aber als Dokumentationsfotograf sieht.

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"Farbe lenkt eher ab", sagt Grothgar. Bei Schwarzweißfotos hingegen werde der Fokus auf bestimmte Aspekte gelenkt: auf Formen, auf das Spiel von Licht und Schatten: "Da kann die Phantasie aktiv werden." Seine Bilder haben etwas Melancholisches, Romantisches, und genau das suche er auch, sagt er. Festbesucher, die sturzbetrunken sind, porträtiert er zurückhaltend, eher liebevoll als bloßstellend. "Manchmal passiert es halt, dass Menschen über Bord gehen", sagt der Fotograf.

Was für ihn das Oktoberfest ausmacht? "Alle werden aufgenommen, egal, woher sie kommen oder was sie machen. Jeder findet seinen Platz, jeder hat Spaß", sagt der zugezogene Münchner. Und "wenn die Sonne scheint, gibt es nichts Besseres als eine Haxen und eine Maß draußen im Augustinergarten".

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