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Wiesn 2012: Das verkannte Volksfest

Ein Plädoyer von Denis Krick

Saufen bis der Arzt kommt - die Schattenseiten des Münchner Oktoberfests sind bekannt und der Ruf mittlerweile ramponiert. Doch die Traditionsveranstaltung ist mehr als die Summe aller Bierleichen. Sie ist Exportschlager, Hochamt bajuwarischer Lebensart und ein echtes Fest des Volkes.

Oktoberfest in München: Auf die Wiesn, fertig, los! Fotos
dapd

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"Wursthalle" steht in großen Lettern auf dem Dach der riesigen Halle. Viele Besucher tragen Lederhosen oder fesche Dirndl. "Prosit", rufen sie in einer Tour. Männer nennen sich "Opas", und die Frauen bezeichnen sich als "Omas". Willkommen auf dem Wurstfest im beschaulichen New Braunfels, Texas, USA! Seit 1961 gibt es die German-Gaudi. Vorbild ist - natürlich - das Münchner Oktoberfest.

Das Volksfest auf der Theresienwiese hat weltweit Nachahmer inspiriert. Egal ob in China, Kanada oder in Hannover - überall spielt inzwischen die Musi auf, wird Bier aus Maßkrügen getrunken und Schweinshaxe serviert. Das Münchner Oktoberfest ist ein Exportschlager wie Autos von Daimler oder Turbinen von Siemens.

Aber nichts geht über das Original. Wenn am 22. September das erste Bierfass mit dem wunderschönen Worten "O'zapft is" angestochen und das Oktoberfest somit offiziell eröffnet wird, dann strömen wieder Zehntausende Touristen aus allen Ecken und Enden dieser Welt auf die Wiesn. Die meisten allerdings mit nur einem Ziel: eine rechte Gaudi zu erleben beziehungsweise sich besinnungslos zu saufen.

Willenlose Teenager bis zum Erbrechen

Das Image des größten Volksfestes weltweit hat gerade aus diesem Grund in den vergangenen Jahren stark gelitten. Die Wiesn sei zu voll, sagen viele. Ob damit die sieben Millionen Menschen gemeint sind, die sich verteilt auf knapp zwei Wochen durch die Zeltstadt drängeln, oder der durchschnittliche Alkoholpegel der Besucher, sei dahingestellt. Zahlreiche TV-Dokumentationen, in denen Volltrunkene, Schlägereien und willenlose Teenager bis zum Erbrechen die Hauptrollen spielen, scheinen jedoch Letzteres zu untermauern.

Das ist eine Tragödie. Denn wer das Oktoberfest als bajuwarische Ballermann-Ausgabe herabwürdigt, der tut ihm unrecht. Die Wiesn ist mehr als die Summe ihrer Bierleichen. Sie ist trotz stattlicher Preise (die günstigste Maß Wiesn-Märzen 2012 kostet 9,30 Euro) ein wahres Fest des Volkes.

Die meisten Münchner lieben diese anstrengenden zwei Wochen - obwohl damit auch jede Menge Unannehmlichkeiten (Wildpinkler, überlasteter Nahverkehr, unzählige Kotzepfützen) verbunden sind. Sie schmeißen sich in Lederhosen und Dirndl und genießen das Brauchtum in vollen Zügen. Allerdings sollten Auswärtige davon absehen, sich ebenfalls in bayerisch anmutende Trachtenvariationen zu kleiden. Das Oktoberfest ist kein Karneval - und das sehen auch viele Bayern so.

Radi und Reiberdatschi

Um die Mittagszeit sind die Bierzelte meist noch nicht überfüllt und die Kapellen spielen traditionelle Blasmusik. Dann ist die Wiesn am Schönsten. Maßbier, Hendl, Radi und Reiberdatschi schmecken in dieser Zeit besonders gut. Und wer die einfache Frage "Seid's ihr lustig?" mit einem kräftigen "Ja" beantworten kann, der darf gerne an den Tischen mit den Münchnern mitfeiern. Sogar als Preuße.

Man muss sich ein wenig auf den Frohsinn einlassen und akzeptieren, dass es auch mal in Ordnung ist, schon um 11 Uhr morgens den ein oder anderen Liter Bier zu trinken. Das Oktoberfest ist ein Katalysator der bayerischen Lebensart. Vieles scheint für den Zugereisten auf den ersten Blick extrem. Und doch stehen die meisten von ihnen nach einigen Stunden auf den Bänken und singen lauthals "Auf und nieder" - und dies ist nicht nur dem Alkohol geschuldet.

Auf der Wiesn gibt es mehr zu entdecken als nur die Bierzelte. Es geht nicht nur ums Saufen. Außerhalb der Trinkhallen warten der Vogelpfeifer und klassische Attraktionen wie die Hexenschaukel, das Teufelsrad und der Schichtl. Das Oktoberfest hat eine über 200 Jahre alte Geschichte, und hier wird sie in Ehren gehalten.

Sollten Sie also bislang nicht auf dem Oktoberfest gewesen sein, dann vergessen Sie schleunigst alle TV-Aufnahmen von taumelnden Australiern, grölenden Teenagern oder aufdringlichen Mannsbildern, die sie aus dem Privatfernsehen kennen. Fahren Sie nach München auf die Wiesn, verlangen Sie "Oa Mass!" und machen Sie sich selbst ein Bild. Das größte Volksfest der Welt wartet - und eigentlich sollte jeder Deutsche es zumindest einmal in seinem Leben besucht haben.

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insgesamt 101 Beiträge
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    Seite 1    
1. Oa Mass
Oachkatzlschwoaf 20.09.2012
Zitat von sysopdapdSaufen bis der Arzt kommt - die Schattenseiten des Münchner Oktoberfests sind bekannt und der Ruf mittlerweile ramponiert. Doch die Traditionsveranstaltung ist mehr als die Summe aller Bierleichen. Sie ist Exportschlager, Hochamt bajuwarischer Lebensart und ein echtes Fest des Volkes. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,855800,00.html
Bestellen Sie A Mass, nicht Oa (das bedeutet: Ei !). Bajuwarische Lebensart ?! Sie haben keine Ahnung! In "Tracht" geht man erst seit einigen Jahren auf die Wiesn, vorher - besonders die Jugendlichen - niemals! Gehen Sie mal auf die wirklich bayerischen Volksfeste in Straubing, Rosenheim, Dachau etc. Dann werden Sie nie wieder diesen widerlichen Suff-Kommerz aufsuchen! Viele Grüße aus München!
2. Stimmt genau,
unifersahlscheni 20.09.2012
wer es nicht erlebt hat, weiß gar nicht was er verpasst. Und unter der Woche findet man tagsüber immer irgendwo ein Platz in den Festzelten. Einfach herrlich. :)
3. optional
averagejoe 20.09.2012
Gegen einen über den Durst ist nichts einzuwenden - gegen die Massenvernichtung tierlichen Lebens auf dieser Veranstaltung allerdings schon. In der heutigen Zeit einfach nur noch inakzeptabel.
4. Kasperltheater
Leser222 20.09.2012
Traditionell ist bei der Wiesn nur noch, dass die Preise jedes Jahr ein bisserl höher und die Australier ein bisserl besoffener sind. Wenn Sie einmal im Weinzelt Schampus aus gekühlten halbliter-Steingutkrügen getrunken haben, wissen Sie, wo die Wiesn angekommen ist. Alter Wiesn-Joke: "wia bringst an Breissn zum woana? Ziag eam sei Trachtenjopperl aus." Zum Glück gibt's aber noch Volksfeste, die zur Überschrift passen.
5. Grauenhaft,
Hank Hill 20.09.2012
wer hoert sich freiwillig Blasmusik an, oder trinkt Bier aus 1 Liter Masskruegen ? Letzteres ist nach kurzer Zeit eine schale Bruehe. Dass viele Auslaender das Oktoberfest toll finden ist in Ordnung. Aber warum sollte ein gesunder Mensch diese Veranstaltung besuchen ?
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