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Ostsee-Frachtschiffreise: Eiszeit an Bord

Krachendes Eis, dichter Nebel, feuchte Kälte: Was wenig verlockend klingt, ist für hartgesottene Frachtschifftouristen ein ersehntes Abenteuer. Auf der "TransPulp" erlebte Bernd Ellerbrock eine Fahrt durchs Packeis der Ostsee - und wie es sich anfühlt, wenn es nicht mehr weitergeht.

Ostseefahrt mit Containerschiff: Krachendes Packeis, dichter Nebel Fotos
Bernd Ellerbrock

Was das Faszinierende an einer Frachtschiffreise ist? Hier erlebt man als Passagier Seefahrt noch hautnah, ist Gast auf einem Arbeitsschiff. Und die Krönung für Kenner ist eine zünftige Fahrt durch Packeis. Genau das haben wir vor. Es ist Ende März, und die Eisdecke auf der Ostsee hat jetzt ihre größte Ausdehnung erreicht.

Doch als wir morgens pünktlich am Lübecker Nordlandkai stehen, ist unser Schiff noch nicht da. Keine "TransPulp" weit und breit, dabei sollte sie schon seit mehreren Stunden ihre Ladung im Hafen löschen. Am Abend und nach zwölf Stunden Verspätung erfahren wir den Grund für die Verzögerung. Der Frachter war im dicksten finnischen Packeis steckengeblieben und hatte sich nur mühsam wieder befreien können. Wir sind hocherfreut: je mehr Eis, desto besser! Das Abenteuer ruft.

Doch zunächst quartieren wir uns in unserer Kajüte ein, die zwar nicht geräumig, aber äußerst komfortabel ist: mit Fernseher, Internetanschluss, Kühlschrank und Klimaanlage. Irgendwann in der Nacht vernehmen wir dann das vertraute Brummen und Vibrieren der schweren Schiffsmotoren - endlich sind wir auf See.

Die "Transpulp" ist eines von drei Schwesterschiffen der schwedischen TransLumi Line, die in einem Pendelverkehr dreimal die Woche Kemi und Oulu anlaufen. Verchartert an StoraEnso, einen der größten Papierproduzenten der Welt, ist es ihre Aufgabe, rund um die Uhr Papier zu transportieren. Die auf Frachtschiffreisen spezialisierte Agentur Zylmann in Kappeln konnte uns die Reise vermitteln.

Im Winter mit doppelter Schubkraft

Zum Frühstück erscheinen wir auf den letzten Drücker. Zu sehen gibt es eh nichts, so trüb und nebelig empfängt uns der neue Tag, an dem Kurs auf Göteborg genommen wird. Zeit genug, ein wenig das Schiff zu erkunden, während es mit etwa 20 Knoten (circa 37 km/h) unter der Großen Beltbrücke hindurch zieht.

Wie bei Frachtschiffreisen üblich, dürfen wir Passagiere uns auf der "TransPulp" frei bewegen, nur Lade- und Maschinenraum sind tabu. Also kapern wir erst mal die Brücke, die voll verglast das Schiff in einer Breite von stattlichen 26,5 Metern überspannt. Dort finden wir das übliche nautische Equipment vor: Displays, Computer, Monitore mit Live-Bildern der Überwachungskameras, Radar, Sprechfunkgeräte und vieles, was für uns unverständlich bleibt.

Das Schiff verfügt über Fitnessraum, Sauna und mehrere Aufenthaltsräume für die 13-köpfige Besatzung und eine hypermoderne Kombüse. Alle drei Monate wechselt die schwedische Mannschaft, die Philippinos hingegen bleiben sieben Monate.

Im Hafen von Göteborg, dem größten Skandinaviens und Verteilerzentrum im ewigen Papierkreislauf, wird die "TransPulp" mit schwerem Schiffsdiesel versorgt. Im Sommer wird hier nur jede zweite Woche "gebunkert", weil dann nur eine der beiden 12.000-PS-Antriebe im Einsatz ist. Im Winter jedoch ist wöchentliches Auftanken vonnöten - der Grund ist das Packeis.. In den kalten Monaten braucht die "TransPulp" die geballte doppelte Schubkraft, um durchs Eis zu kommen.

Als das Schiff am nächsten Mittag in Göteborg ablegt, steigt die Spannung: Wann werden wir die Eiszone erreicht haben? Wie lange dauert es noch? Theoretisch wissen wir es, weiter nördlich, in Höhe von Stockholm soll es ins Eis gehen. Das schwedische Meteorologische und Hydrographische Institut stellt im Internet täglich einen Eisreport in Form einer Übersichtskarte bereit. Das Grau und Dunkelrot für "very close pack ice" und das schraffierte Orange für "close pack ice" zeigen, dass die Eisdecke momentan die ganze Bottenwiek umfasst, also die nördliche Ostsee. Fünf Zentimeter dick im Süden und bis zu 80 Zentimeter dick vor Kemi und Oulu, unseren beiden Zielhäfen.

Hämmern und Krachen

Der dritte Tag vergeht mit Einweisungen durch den leicht missgestimmten Sicherheitsoffizier Gustav, da Gäste auf der vorhergehenden Reise seinen Anweisungen nicht gefolgt waren. Wir müssen uns in wasser- und feuerfeste Sicherheitsanzüge quetschen und bekommen zudem eine Führung durchs Schiff. Auch ein opulentes vorgezogenes schwedisches Oster-Abendbuffet von Köchin Marianne Gustavsson verkürzt uns die Zeit.

Gegen Mitternacht ist es dann endlich soweit. Wir können das Eis nicht sehen, nicht riechen, nicht spüren - aber hören können wir es. Es holt uns aus dem Schlaf! Zerbrochene Eisschollen klackern an der Außenhaut des Schiffes entlang. Mal nur ein Schmurgeln, dann ein lautes Hämmern, bisweilen ein Krachen. Der hohle Schiffsrumpf ist ein idealer Klangkörper für die Eiskollision. Ab und an beginnt das Schiff zu zittern, stoppt etwas ab, um sich dann wieder gegen das Eis zu stemmen. Ein Kampf, wer hier wohl der Stärkere ist (Schiff oder Eis?) findet in dieser Nacht (noch) nicht statt.

Kurz vor Sonnenaufgang erreichen wir offenes Wasser, doch irgendwann schließt sich die Eisfläche wieder, Nebel kommt auf, und die "TransPulp" muss sich den Weg freifräsen. Mit der Bugnase wird das Eis in zackigen Rissen geknackt, driftet auseinander, schiebt sich übereinander und verwirbelt an der Bordwand. Dann bäumt es sich senkrecht auf, fällt zischend wieder zusammen und trudelt schließlich nach Achtern.

Bei einer Eisdicke von 5 bis 20 Zentimetern verliert das Schiff kaum an Geschwindigkeit, es läuft konstant seine knapp 20 Knoten und pflügt sich mühelos durch die weiße Masse. Immerhin verfügen die "TransPulp" und ihre Schwestern über eisverstärkte Rümpfe, deren Festigkeit der finnisch-schwedischen Eisklasse 1A entspricht. Bis zu 80 Zentimeter dickes Eis können sie brechen.

Doch unser immer freundlicher, aber wortkarger Kapitän Hillberg ist jetzt gar nicht zufrieden. Der Nebel passt ihm nicht. Trotz Hightech-Instrumentarium hätte er gerne freie Sicht auf das, was vor ihm liegt. Denn nach 20 Metern ist Schluss mit der Aussicht. Das Schiff fängt überdies mächtig an zu ruckeln und zu schaukeln, verliert an Fahrt, das an den Rumpf polternde Eis wird immer dicker. Nur noch zwölf Knoten. Hier in diesem Gebiet, erklärt uns Hillberg, sei er auf der Hinfahrt nach Lübeck stecken geblieben. Und das würde er ungern ein zweites Mal erleben.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Auf der Suche nach der Reiße
Norbert-Norb 20.01.2011
Nach dem ich diesen Artikel gelesen habe, will ich jetzt genau die gleiche Reiße unternehmen bzw. wäre dafür interessiert. Auf der Webseite von zylmann --> http://www.zylmann.de/ konnte ich leider genau die Reiße nicht finden.
2. 20 Sekunden
geoshd 20.01.2011
Zitat von Norbert-NorbNach dem ich diesen Artikel gelesen habe, will ich jetzt genau die gleiche Reiße unternehmen bzw. wäre dafür interessiert. Auf der Webseite von zylmann --> http://www.zylmann.de/ konnte ich leider genau die Reiße nicht finden.
http://www.zylmann.de/index.php?id=40&no_cache=1&tx_ticzylmannpassage_pi1[detail]=758 Mann, mann, mann. Und es heißt Reise. Nichts für ungut.
3. Sampo
Mikko, 20.01.2011
Zitat von sysopKrachendes Eis, dichter Nebel, feuchte Kälte: Was wenig verlockend klingt, ist für hartgesottene*Frachtschifftouristen ein ersehntes Abenteuer. Auf der "TransPulp" erlebte Bernd Ellerbrock eine Fahrt durchs Packeis der Ostsee - und wie es sich anfühlt, wenn es nicht mehr weitergeht. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,738902,00.html
Im Artikel wird der in Kemi liegende historische Eisbrecher "Sampo" erwähnt. Die "Sampo" fuehrt den ganzen Winter ueber Tagesfahrten ins Eis durch. Wer einmal die Gelegenheit dazu haben sollte, dem kann ich das nur wärmstens empfehlen. Es ist ein sagenhaftes Gefuehl mitten im Eis zu stoppen, auszusteigen und auf der zugefrorenen Ostsee einen Spaziergang oder im Thermoanzug ein Bad hinter dem Schiff zu nehmen. Sagenhaft!
4. Antwort
Norbert-Norb 20.01.2011
Zitat von geoshdhttp://www.zylmann.de/index.php?id=40&no_cache=1&tx_ticzylmannpassage_pi1[detail]=758 Mann, mann, mann. Und es heißt Reise. Nichts für ungut.
Sorry, hab darauf nicht geachtet. Mein erster Beitrag und schon gegen die Wand gefahren. Aber vielen Dank für den Link :)
5. willkommen im Club
the_flying_horse, 20.01.2011
Zitat von Norbert-NorbSorry, hab darauf nicht geachtet. Mein erster Beitrag und schon gegen die Wand gefahren. Aber vielen Dank für den Link :)
Locker bleiben, der Ton hier im Forum ist oft hart, aber dafür oft auch herzlich...willkommen im Club.
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Containerschiffsreise
Preise
Eine Woche Fahrt auf einem Containerschiff in der Einzelkabine ist für rund 750 Euro samt Versicherungen zu bekommen.
Bedingungen
Wegen der Widrigkeiten von Wind und Wetter, Komplikationen an den Terminals und weiteren Unwägbarkeiten müssen sich Frachtschiff-Urlauber darauf einstellen, erst etwa 24 Stunden vor Einschiffung Nachricht zu erhalten. Und nicht jede Reise führt auch präzise zu den Häfen, die im Prospekt ausgewiesen sind.
Anbieter
Inzwischen haben sich einige Unternehmen auf Frachtschiff-Touristik spezialisiert und vermitteln die unterschiedlichsten Passagen (Fahrgebiete, Länge der Reise, Schiffstypen) an maritim Interessierte, zum Beispiel: Frachtschiff-Touristik Kapitän Zylmann, Fachreiseagentur für Seereisen Kapitän Hoffmann
Buchtipp
Peer Schmidt-Walther: "Frachtschiffreisen - Als Passagier an Bord". Koehlers Verlagsgesellschaft; 216 Seiten; 24,90 Euro

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