Berliner Pension 11. Himmel: Urlaub im Plattenbau

Von Marie-Charlotte Maas

Die Räume heißen "Esszimmer kleinkariert" oder "Bett im Kornfeld", viele Mitarbeiter haben das Teenageralter noch vor sich: Wer im "11. Himmel" in Berlin übernachtet, sollte kein normales Hotel erwarten. Manche Gäste sehen danach den umliegenden "Problembezirk" mit anderen Augen.

Pension "11. Himmel": Kinder als Hoteldesigner Fotos
Marie-Charlotte Maas

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Aus der Küche haben Gäste abends einen unvergesslichen Blick auf die benachbarten Plattenbauten. Sie sehen den blauen Schein der Fernseher und das schwach glimmende Licht der Zigaretten, die auf den Balkonen geraucht werden. Gleich hinter den Betonhäusern beginnt die grüne Landschaft Brandenburgs. In der Pension selbst gibt es keinen Fernseher, kein Internet - wer im sogenannten 11. Himmel im Berliner Stadtteil Marzahn-Hellersdorf übernachtet, soll lieber die Gegend kennenlernen, als sich mit digitalem Schnickschnack abzulenken.

Im zehnten und elften Stockwerk eines Plattenbaus haben die Kinder des Viertels zusammen mit Künstlern aus aller Welt zwei Wohnungen zu Pensionsräumen umgebaut. Der Kopf hinter der Institution ist die Sozialpädagogin Marina Bikádi. Sie kümmert sich um das Kulturhochhaus, um das dazugehörige Café, das im Erdgeschoss des Plattenbaus untergebracht ist, um den Kinderkeller, in dem sich die Jugendlichen des Viertels zum Spielen, Basteln und Hausaufgabenmachen treffen. Und um die beiden Pensionen.

Das Kulturhochhaus soll dazu beitragen, das Image des Viertels zu verbessern und den Kindern aus dieser Gegend eine Perspektive zu bieten. Marina Bikádi wünscht sich, dass die Besucher mit offenen Augen durch den Stadtteil gehen, der in Berlin keinen allzu guten Ruf genießt. Ihm die Aufmerksamkeit schenken, die er verdient hat - auch wenn es hier kaum Restaurants, Galerien oder kleine Designerläden gibt wie in den populäreren Vierteln der Stadt.

Kinder als Hotelpersonal

Die Pensionsmitarbeiterinnen Angelique, zehn und Chantal, elf, spielen gerade Mau-Mau im Kinderkeller. Regelmäßig kommen sie nach der Schule hierher und empfangen Gäste, beziehen Betten und machen Essen. Immer zusammen mit einer der erwachsenen Mitarbeiterinnen. Die Arbeit macht den beiden Spaß, "viel mehr als das Helfen zu Hause". Chantal und Angelique sind schon kleine Profis im Hotelgeschäft.

Ältere Jugendliche kümmern sich um die Gestaltung der Flyer und die PR-Arbeit. Einige von ihnen hat es nach dem Schulabschluss sogar in die Hotel-und Gastronomiebranche gezogen. "Die Mitarbeit am Projekt soll eine berufliche Orientierung für die Kinder sein und ihnen neue Perspektiven eröffnen", erklärt Bikádi. Für das Trinkgeld vom vergangenen Jahr sind alle zusammen nach Nordrhein-Westfalen gefahren, ins Movie World nach Bottrop, das hatten sich die Kinder gewünscht.

An diesem Abend wohnt kein anderer Gast in der Pension 11. Himmel. Erst am nächsten Vormittag wird ein Ehepaar anreisen. In der "Pension hoch cehn", die eine Etage tiefer liegt, wohnen zur Zeit zwei Litauerinnen. Viele Gäste kommen aus dem Ausland, sogar aus Asien war schon Besuch da, in einem japanischen Reiseführer steht die Adresse als Geheimtipp.

Kuckucksuhr oder britisches Landhaus?

Das Prinzessinnenzimmer ist im orientalischen Stil mit plüschigen Kissen und einem Baldachin eingerichtet. Es ist auch das Lieblingszimmer von Chantal und Angelique. Es gibt ein Zwanziger-Jahre-Zimmer, das Zimmer "Bett-im-Kornfeld" und das "Esszimmer kleinkariert", das mit der an den Wänden angebrachten Kuckucksuhr und den gestickten Bildern viele Gäste an die Wohnung ihrer Großeltern erinnern dürfte.

Die Pension "Himmel hoch cehn" ist ganz im englischen Landhausstil gehalten, auf dem Kaminsims steht ein Bild von Prinz Charles. Kinder und Künstler haben mit ihren gemeinsamen Ideen viel Witz bewiesen. Die meisten Gegenstände stammen vom Flohmarkt, einiges haben sie geschenkt bekommen.

"Wir wollten, dass die Kinder durch das Gestalten der Zimmer einen Einblick in andere Lebenswelten bekommen, dass sie sich inspirieren lassen. Viele von ihnen sind nicht oft verreist, sie kennen nur die Platte", erklärt Marina Bikádi. Wie lebte man in den zwanziger Jahren? Wie könnte ein orientalisches Zimmer aussehen? All das haben die Kinder im Vorfeld recherchiert.

Einmal in der Platte wohnen

Im "Zimmer kleinkariert" liegt ein Gästebuch auf dem Tisch. Mit Einträgen aus ganz Deutschland - aus Wuppertal und Wiesbaden, Hamburg, Frankfurt und Franken. Eines haben fast alle ehemaligen Gäste gemein: Sie sind begeistert, und sie wollen wiederkommen. "Es ist etwas anderes, in der Platte zu wohnen, als sie nur von außen zu sehen" schreibt ein Pärchen aus Groß-Gerau.

Auch Berliner wohnen ab und zu in den Pensionen, erzählt Marina Bikádi, häufig sind es Paare, von denen ein Partner in einem Plattenbau aufgewachsen ist und dem anderen einen Eindruck von seiner Jugend vermitteln möchte. Vor kurzem war eine Dame aus Charlottenburg mit ihren zwei Töchtern zu Gast, die beiden waren noch nie im Osten Berlins. Solche Geschichten mag Bikádi, sie möchte, dass die Gäste sich mit dem Stadtteil auseinandersetzen: "Wer nur billig wohnen möchte, ist hier an der falschen Adresse." Schon für elf Euro kann man eine Nacht in den Pensionen verbringen, das Projekt erhält staatliche Unterstützung als Investition für Gegenden, denen der Abstieg zum sozialen Brennpunkt droht.

Nach einem ruhigen Schlaf im Prinzessinnenzimmer wirken im Tageslicht die Plattenbauten weniger heimelig als am Vorabend. Es ist wieder einmal regnerisch und grau. Aus dem Treppenhaus tönen die üblichen Geräusche Berufstätiger, die sich auf den Weg zur Arbeit machen. Schlüsselklappern, Abschiedsrufe, das Summen der Aufzugstüren. Und irgendwie fühlt man sich bereits heimisch im 11. Himmel von Marzahn.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Kinderarbeit, hübsch verbrämt
Alfons Emsig 10.07.2012
Kaum zu glauben, was man in Berlin alles als hip verkaufen kann. Und ein paar Fotos mehr hätten dem Artikel vielleicht gut getan - oder sind die anderen Zimmer noch liebloser gestaltet als die im Artikel abgebildeten?
2. Nette Idee
Die Exklusivmeldung 10.07.2012
Zitat von sysopDPADie Räume heißen "Esszimmer kleinkariert" oder "Bett im Kornfeld", viele Mitarbeiter haben das Teenageralter noch vor sich: Wer im "11. Himmel" in Berlin übernachtet, sollte kein normales Hotel erwarten. Manche Gäste sehen danach den umliegenden "Problembezirk" mit anderen Augen. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,841315,00.html
Sicher, aber wer eine Nacht auf dem Heuboden eines Bauernhofes verbringt, sieht deshalb die Arbeit von Landwirten nicht grundsätzlich anders. Genausowenig wie jemand, der freiwillig eine Nacht im Knast verbringt. Es ist für die Gäste ein Ausflug in eine andere Welt. Am nächsten Morgen reisen sie wieder ab. Und was bleibt? Verständnis für die Situation der Bewohner im Plattenbau? Eher nicht. Eine nette Idee, aber wieso das nun wiederum aus Steuergeldern gefördert wird (warum erhöht man nicht schlicht die Zimmermiete?), verstehe ich nicht.
3. Genauigkeit wäre Trumpf
C. Streeper 10.07.2012
Hier haben wir einen netten und bedingt informativen Artikel -- leider erfährt man nicht, wo genau denn diese Pension liegt: in Marzahn oder Hellersdorf. Wer über Berlin schreibt, sollte vielleicht den Unterschied zwischen Stadtteil und Bezirk kennen; den gibt es übrigens auch zwischen PR (also Öffentlichkeitsarbeit) und Reklame. Wer mal eine Grundschule besucht hat, sollte eigentlich auch davon gehört haben, dass Substantive groß geschrieben werden: das "Zum" bezieht sich schließlich aufs "Machen", nicht auf die "Hausaufgaben". Tja, kann ja noch werden, aber Kinder sollten eigentlich sehen, wie es richtig gemacht wird. Schließlich ist zu hoffen, dass diejenigen, von denen hier die Rede ist, diesen Artikel auch lesen.
4. ungenau
billger 10.07.2012
Zitat von sysopDPADie Räume heißen "Esszimmer kleinkariert" oder "Bett im Kornfeld", viele Mitarbeiter haben das Teenageralter noch vor sich: Wer im "11. Himmel" in Berlin übernachtet, sollte kein normales Hotel erwarten. Manche Gäste sehen danach den umliegenden "Problembezirk" mit anderen Augen. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,841315,00.html
Der Artikel ist ungenau recherchiert. Ich würde Marzahn-Hellersdorf nicht als "Stadtteil" bezeichnen. Vielmehr ist es ein *Stadtbezirk*, der immerhin 250.000 Einwohner hat. Weiterhin muss man sagen , dass der *Stadtbezirk* Marzahn-Hellersdorf sehr inhomogen ist, wie viele Berliner Stadtbezirke. Zu ihm gehört z.B. auch der Ortsteil Biesdorf, der ausschließlich aus Einfamilienhäusern besteht und selber ca. 25.000 Einwohner hat. Auch der Begriff "Plattenbau" wird mir im Artikel zu oberflächlich verwendet. Plattenbauten im Sinne von Wohngebäuden, die aus Betonfertigteilen errichtet wurden, gibt es überall auf der Welt. Dazu muss man nicht nach Marzahn-Hellersdorf reisen. Das Besondere besteht doch darin, dass es sich um Plattenbau-Hochhäuser in einem bestimmten (DDR-)Stil handelt. Aus meiner Sicht hat der Artikel zwar offenbar den Anspruch, Klischees zu widerlegen, bestätigt sie im Text aber dann teilweise - fälschlich. Wer Berliner Plattenbau-Hochhäuser sehen will kann sich auch in Lichtenberg, Hohenschönhausen oder im Märkischen Viertel umsehen. Was ich sagen will, die Darstellung: Marzahn=Plattenbau ist falsch, eben ein Klischee.
5. Du meine Güte!
mortimer001 10.07.2012
Was sind denn das schon wieder für durchweg negative, kleinbürgerliche und engstirnige Kommentare!? Alfons Emsig, hier geht es sicherlich nicht um "Kinderarbeit", sondern darum, Perspektiven zu schaffen. Gehen sie doch mal abends in solch einem Stadtteil auf einen Spielplatz und schauen sich an, was die Teenager (die übrigens vor nicht allzu langer Zeit auch mal Kinder waren) dort so treiben -glauben sie mir, Exclusivmeldung, dann würden Sie auch lieber ein paar Euro Steuergelder in die Hand nehmen und etwas tun. Diese Kids haben damit ein substantielles Erfolgserlebnis, das möglicherweise ein großer Motor für deren Zukunft sein kann. Es gibt deutlich zu wenig solcher Projekte, die an der Basis unserer Gesellschaft anpacken. Und zu viele Menschen, die beim Anblick der sogenannten "Problembezirke" am liebsten über allem stehend, milde lächelnd von oben herabblicken, ohne auf die Idee zu kommen, auch mal einen Finger krumm zu machen.
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