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Pfälzer Pionier in der Türkei: Ein Winzer, zwei Welten

Von Oliver Lück

Edle Tropfen aus der Öküzgözu-Rebe: Der Pfälzer Helmut Krauss war der erste deutsche Weinbauer in der Türkei. Dank seiner Kreationen entwickelte sich ein kleines Dorf in der Ägäisregion zum Touristenmagnet - jetzt plant er exotische Plantagen im Zellertal.

Winzer aus der Pfalz: Pendler zwischen Welten Fotos
Oliver Lück

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Helmut Krauss sieht nicht aus wie jemand, der das Risiko liebt. Er hat rotblonde Haare und einen kleinen Bauch, trägt eine Brille und einen roten Pullover mit weißen Streifen. Auch sein Gesicht neigt etwas zur Röte. Sein monoton pfälzischer Singsang lässt den 56-Jährigen eher unaufgeregt und bodenständig wirken, wie jemand, der seine Heimat nicht so gerne verlässt.

Doch in dem Mann kann man sich täuschen. Die Geschichte von Krauss, dem deutschen Winzer aus Rheinland-Pfalz, und Sirince, dem türkischen Dorf im Hinterland der Ägäischen Küste, klingt vielleicht auch deshalb ein bisschen mehr wie ein Märchen.

Acht Kilometer windet sich die staubige Straße in Serpentinen von der Kleinstadt Selçuk hinauf. Sirince liegt so versteckt zwischen mit Feigen- und Pfirsichbäumen bewachsenen Hügeln, Olivenhainen und Weinbergen, als hätte man es vergessen. Bei klarer Sicht kann man über das Meer bis nach Europa gucken, dann zeichnen sich die Berge der griechischen Insel Samos deutlich am Horizont ab.

In Sirince aber lebt heute jeder der 600 Menschen vom Tourismus. Vor zehn Jahren war das noch anders: Damals gab es nicht mehr als eine Handvoll kleiner Läden, die Hausweine und Olivenöl in Plastikflaschen verkauften. Das Bergdorf war allenfalls ein Geheimtipp unter türkischen Touristen.

Türkische Weine nach deutschem Vorbild

"Die Türkei", sagt Helmut Krauss, "ist für mich von Anfang an ein großes Abenteuer gewesen. Ich habe nichts über das Land und die Kultur gewusst." Im Urlaub fängt alles an. Gemeinsam mit seiner Frau reist er 1994 das erste Mal nach Izmir und weiter an die Strände südlich der Dreimillionenstadt. Als ein türkischer Freund von einem abgelegenen Dorf im bergigen Hinterland erzählt, machen sie einen Tagesausflug.

Krauss probiert die Fruchtweine der Bauern und ist begeistert. Er erkennt schnell das Potential - die fruchtbaren Böden, das milde Klima und die stetig hohe Luftfeuchtigkeit durch die Nähe zum Meer sind wie geschaffen für den Weinbau. "Die Idee, türkische Weine nach deutschem Vorbild auszubauen, war schnell geboren", erzählt er. Bis es allerdings soweit sein würde, sollten noch Jahre vergehen.

Lange ärgert er sich mit der türkischen Bürokratie herum. Genehmigungen aus Ankara müssen besorgt werden. Gemeinsam mit zwei türkischen Teilhabern pachtet er schließlich eine leer stehende Olivenfabrik, gleich am Eingang des Dorfes. Er beginnt mit dem Aufbau der Kellerei. Maschinen werden aus Deutschland gebracht, Rebstöcke werden gepflanzt.

Krauss ist der erste deutsche Winzer in der Türkei. 1999 keltert er den ersten Jahrgang, einen Fruchtwein aus Heidelbeeren. "Die Türken lieben süße Desserts", erzählt er. So ist ihm von Anfang an klar, dass auch süße Weine bevorzugt werden. Er arbeitet mit den Obstbauern zusammen, kauft ihre Ernten: Pfirsiche, Granatäpfel, Heidelbeeren und Brombeeren für die Fruchtweine, rote und weiße Trauben für die trockenen Qualitätsweine. Einheimische Reben wie Öküzgözü und Boazkere sind milde rote Sorten mit ausgeprägten Beerenaromen, Sorten wie Emir und Sultaniye bringen lebendige Weißweine mit vollen Pfirsich- und Mandarinennoten.

Das Weindorf der Türkei

Es geht aber nur schleppend voran, es muss viel improvisiert werden. Immer wieder behindern neue Gesetze und überhöhte Alkoholsteuern die Produktion. Vier weitere Jahre verstreichen, bis das Experiment zum Erfolg wird. Mit 30.000 Litern hat er angefangen, erzählt Helmut Krauss, heute sind es 800.000 Liter, Tendenz steigend. "Das Trinkverhalten verändert sich nicht von heute auf morgen, wir haben Zeit gebraucht", sagt er, "und vor allem die jungen Türken entdecken mittlerweile den Wein als Genussmittel."

Eingehüllt in Decken sitzen Frauen mit Kopftüchern im Morgenschatten der Moschee und stricken Handschuhe in abenteuerlichen Farben. An ihren Ständen verkaufen sie Olivenöl, Feigen, Marmelade, Honig, Kräuter und allerlei Zeugs für Touristen. Wenn der Wind durch die engen Gassen bläst, fangen die bunten Röcke und Oberteile, die auf Kleiderbügeln an den Markisen hängen, zu tanzen an. Der Duft von frischem Brot mischt sich mit süßlichem Qualm, viele im Dorf heizen mit Pfirsichholz.

Heute steht Sirince mit seinen strahlend geweißten Häusern und den roten Ziegeldächern unter Denkmalschutz. Der Ort hat sich als das Weindorf der Türkei einen Namen gemacht. Früher kamen 200 Besucher am Tag, heute sind es 2000.

Wenn Helmut Krauss in seiner Jack-Wolfskin-Jacke durch das Dorf geht, sieht auch er aus wie einer der Touristen, die vom malerischen Sirince und dem guten Wein gehört haben. Auch er muss an jeder Ecke anhalten und viele Hände schütteln. Doch ihm will niemand etwas verkaufen. Jeder kennt ihn, jeder weiß, dass der Wein des deutschen Winzers den Ort türkeiweit bekannt gemacht hat. "Unser Dorf ist aufgewacht", sagt auch Bürgermeister Levent Apak, "heute können hier alle vom Tourismus leben. Eine unglaubliche Entwicklung."

Doch der Pfälzer hört es nicht so gerne, dass ausgerechnet ihm es zu verdanken ist, dass Sirince nun neben den antiken Tempelruinen von Ephesus als Ausflugsziel in den Programmen der Reiseanbieter gepriesen wird. Er sagt: "Mir ist es schon zu viel, dass auf jedem Etikett mein Name steht."

Zurück in Zell, dem ältesten Weindorf der Pfalz

Helmut Krauss ist zurück in Deutschland. Das Zellertal liegt westlich von Worms im Nordpfälzer Bergland. Etwas südlich endet in Bockenheim die Deutsche Weinstraße. Nur wenige Touristen aber schaffen es noch weiter auf einen Abstecher nach Zell, dem ältesten Weindorf der Pfalz, das eingerahmt zwischen Weinbergen und Höhenzügen liegt. "Noch sind wir ein Geheimtipp", sagt Helmut Krauss. Dabei hat das Zellertal ein fast schon mediterranes Klima. Der rund 700 Meter hohe Donnersberg schließt das Tal nach Norden ab und hält den Regen weg. Über 40 Weingüter gibt es in der Region. Auch Mandeln, Feigen und Lavendel wachsen hier.

Helmut Krauss ist nicht nur in der Türkei ein Pionier, auch in seiner pfälzischen Heimat ist er schon früh andere Wege gegangen. 1982 übernahm er das elterliche Weingut in die vierte Generation. Viele Winzer starben in dieser Zeit an Krebs, "auch bei uns in den Dörfern, auch mein Vater", erzählt er.

Heute weiß man, dass sich die Weinbauern zu Tode gespritzt haben. Es waren die sechziger und siebziger Jahre, als man in der Landwirtschaft auf chemische Spritzmittel umstellte - für einen besseren Ertrag und zu Lasten der Gesundheit. "Die Winzer haben das voll abgekriegt", sagt Helmut Krauss, "für mich aber war klar, dass ich mich nicht vergiften wollte." Als sein Vater starb, stand der Entschluss fest: keine Chemie mehr im Wingert.

Als einer der ersten deutschen Winzer kehrt er zum ökologischen Weinbau zurück. Er verzichtet auf Pestizide, setzt Nützlinge wie Raubmilben gegen Schädlinge wie die Rote Spinne ein. Er lässt Kräuter und Wildpflanzen wie Weinbergkresse oder Löwenzahn zwischen den Rebstöcken stehen. Selbst Schnecken dürfen leben. Und er pflanzt Gelbsenf und Ölrettich, die mit ihren Wurzeln den Boden zusätzlich lockern.

Olivenbäume in der Pfalz

Es sind die frühen Achtziger, im Dorf und in den Nachbargemeinden schütteln seine Kollegen mit den Köpfen. Für sie steht schnell fest: "Der Helmut geht mit seinen Weinen baden." Doch die Ökotrauben reifen genauso prall wie in anderen Weinbergen auch, und nicht nur das: Nach vier Jahren hat sich das natürliche Gleichgewicht des Wingerts wieder hergestellt. "Weniger Schädlinge, weniger Pilzbefall, generell weniger Krankheiten", fasst Krauss zusammen, "die Natur hilft sich sehr schnell selbst, wenn man sie in Ruhe lässt."

Fünf Hektar umfasst sein Gut heute, auf denen ein Dutzend Sorten gedeihen, mehr weiße Trauben wie Kerner, Grauburgunder oder Müller-Thurgau, aber auch rote Reben wie Portugieser, Dornfelder oder Spätburgunder.

Krauss steht in einem seiner Weinberge zwischen Chardonnay und Riesling. Er begutachtet die Rebstöcke, die in voller Blüte stehen. Wenn die weißen Käppchen abfallen, wird es noch knapp hundert Tage bis zur Ernte dauern. Vor zwei Jahren hat er in den Wingert nebenan 60 Olivenbäume gepflanzt. Er hatte sie aus Sirince mitgebracht. Doch dann folgten zwei bitterkalte Winter, die kaum ein Baum überlebte. "Wir werden Geduld brauchen", sagt Helmut Krauss in seiner ruhigen Art. So schnell wird er nicht aufgeben. Er sagt: "Das ist schon immer so gewesen, und das wird auch mit den Oliven so sein."

Und so klingt auch sein nächstes Projekt ein wenig wie ein Märchen: Olivenöl aus Zell. Sollte das irgendwann einmal wahr werden, wäre auch das pfälzische Winzerdorf sicher kein Geheimtipp mehr.

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1. Olivenbäume in der Pfalz
Layer_8 17.06.2011
Zitat von sysopHelmut Krauss ist ein Pionier unter den Weinbauern aus der Pfalz: Schon vor 30 kehrte er zum ökologischen Anbau zurück, dann war erste deutsche Winzer in der Türkei. Die Geschichte*eines Exoten, der jetzt auch noch Oliven in Deutschland züchten will. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,768645,00.html
Gar nicht mehr so abwegig heutzutage. Schon die alten Römer brachten Wein, Feigen und Kastanien. Und mit dem Klimawandel können wohl bald auch Olivenbäume überleben. Weite Teile der Mittelmeerregion werden versteppen und das Mittelmeerklima kommt zumindest nach Südwestdeutschland, meine Heimat. Gruß aus dem Berliner Exil :)
2. Kein Olivenbaum!
appeljack 17.06.2011
Das "knorrige" da auf Bild Nr. 6 ist kein Olivenbaum...sondern ein knorriger Weinstock!
3. Bezugsquellen in Deutschland?
Jörg Mergenthaler 18.06.2011
Zunächst mal herzlichen Glückwunsch zu dem Erfolg. Neugierig durch den Artikel geworden habe ich mal versucht, die Produkte aus der Türkei hier zu bekommen. Leider ist der einzige online-shop abgeschaltet ("Wartungsarbeiten").Der link auf die Webseite in der Türkei bringt auch nichts, dort gibt es ein paar Informationen, aber keine Bestellmöglichkeit.Und der link auf den Zellertaler Keller: "Wartungsarbeiten"! Macht nichts, dachte ich, in Mannheim (vielleicht 30 km bis zum Zellertal) gibt es jede Menge türkische Läden. Der Besuch dort war einerseits hochinteressant; leider waren alle Läden völlig trocken. Das Alkoholverbot des Islam wird dort sehr fundamentalistisch eingehalten, obwohl viele Söhne Allahs dem Alkohol sehr wohl zugetan sind. Selbst in der Türkei kann man die Produkte überall erhalten. Als ich mal in einem Laden nach einer Bezugsquelle fragte nannte man mir, mit etwas Verachtung in der Stimme, eine Adresse. Der Tipp war leider auch falsch. In deutschen Geschäften sind türkisches Bier und einige türkische Standardweine sehr wohl zu bekommen. Da die Produktpalette auf der Homepage vom Weingut Krauss noch recht überschaubar ist dürfte es doch eigentlich keine Schwierigkeiten machen, ein paar türkische Spezialitäten dort einzustellen.Sachen wie Granatapfelwein gibt es sonst eigentlich nirgends.
4. Sirince
Spieegel 20.06.2011
Ich kann dem Artikel nur zustimmen. Ich habe damals mein Auslandssemester in der Türkei gemacht und im Zuge eines Rucksacktrips entlang der Westküste bis nach Antalya herunter Sirince zufällig entdeckt. Überall in Sirince konnte man diesen Wein kosten und er hat, obwohl ich kein Weintrinker bin, eine besondere Note und schmeckte überhaupt nicht bitter. Die Wanderung nach Sirince war atemberaubend, so wie es der Autor beschrieb. Das Dorf selber scheint eine Idylle zu sein und ich hoffe, dass es so bleibt. Es gibt neben dem Wein auch noch andere typisch türkische Produkte. Empfehlen kann ich hier den sauren Granatapfelsirup "Nar Ekisisi". Es kommen sehr viele Touristen, aber das waren in der Tat Einheimische. Das wirkt sich auch stark auf die Straße am Berghang aus, die bis in den Abendstunden vollgestopft waren. Aber trotz alldem eine schöner Fleck!
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Zur Person

Oliver Lück, Jahrgang 1973, lebt als freier Journalist und Fotograf zwischen den Meeren in Schleswig-Holstein. Für die SPIEGEL-ONLINE-Serie "Lück und Locke" war er mit Hund und Wohnmobil in Europa unterwegs.

Für "16 Länder, 16 Leben" wird Lück jeden Monat aus einem anderen deutschen Bundesland berichten.

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