Pilgern in der Heimat: Ich bin dann mal in Oberschwaben

Von Rainer Schäfer

Kalkfelsen wie bei Winnetou, unzählige Kirchen und ein heiliger Berg: Der Oberschwäbische Pilgerweg lädt ein zu spiritueller Ekstase. Erst seit 2009 gibt es den Wanderpfad - er ist längst nicht so ausgetreten wie der Jakobsweg in Spanien.

Pilgern in Oberschwaben: Alternative zum Jakobsweg Fotos
Oberschwäbischer Pilgerweg

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Er ist schon von weitem zu sehen, der Bussen, der heilige Berg der Oberschwaben, mit 767 Meter so hoch wie kein anderer zwischen Donau und Bodensee. Die letzten Meter führen steil bergauf. Der Anstieg zur Kirche, die auf der höchsten Stelle des Berges steht, ist als Kreuzweg angelegt. Die Stationen sollen an den Weg Jesu auf die Höhe Golgatha erinnern, mehrmals stürzte er unter der Last des Kreuzes. Am Bussen, so sagen die Einheimischen, berühren sich Himmel und Erde.

Schon für die Kelten, das belegen Ausgrabungen, war der Bussen ein kultischer Ort. Seitdem werden ihm magische Kräfte nachgesagt: Kinderlose Paare reisen hierher und beten dafür, dass sie Nachwuchs bekommen. Immer am Pfingstmontag treffen sich auf dem Bussen oberschwäbische Männer zur Wallfahrt, hier äußern sie Gefühle, die sie sonst lieber für sich behalten. Hier sind sie zu einer Art spiritueller Ekstase fähig. Das Wirkungsprinzip des Bussen ist einfach: Steht man unten, dann wirkt er gewaltig. Steht man oben, wirkt unten alles winzig. Der Mensch fühlt sich immer wie ein Statist in dieser außergewöhnlichen Landschaft.

Der heilige Schwabenberg ist nur eine Attraktion auf dem im Jahr 2009 eröffneten Oberschwäbischen Pilgerweg. "Wir haben so viele Schätze vor unserer Haustür", sagen die Initiatoren Rita und Egon Oehler. Diese wollten sie miteinander verbinden, das war der Antrieb den Pilgerweg anzulegen. Über hundert Wallfahrtsorte, Kirchen, Kapellen und Klöster, öffnen hier ihre Türen. In Zwiefalten ist es eine der schönsten Barockkirchen Süddeutschlands. In Steinhausen ist es die angeblich "schönste Dorfkirche der Welt".

Inzwischen ist der Oberschwäbische Pilgerweg auf 1027 Kilometer angewachsen, er ist in sieben Schleifen aufgeteilt, Pilger können überall ein- und auch wieder aussteigen. "Es empfiehlt sich, eines der Klöster als Ausgangspunkt oder Ziel einer Wanderung zu wählen", sagt Egon Oehler. Dort können Pilger auch übernachten. Vor wenigen Wochen ist die zweite Auflage des Pilgerführers erschienen, auch auf der Homepage können die Pilgerwege aufgerufen werden.

Zuchtbulle oder attraktive Frau?

Oberschwaben ist die reich gefüllte Vorratskammer Württembergs, die Region ist von der Landwirtschaft geprägt. Es soll immer noch vorkommen, dass bei manchem Landwirt ein guter Zuchtbulle so hoch im Kurs steht wie eine attraktive Frau. Die Dörfer sind in einen Teppich aus Wäldern, Wiesen und Feldern eingefasst. Aus den Kaminen steigt Rauch, an den Bauernhöfen steht in gemauerten Nischen die Figur der Gottesmutter Maria. Kirchtürme stehen eng beieinander, wie Pfeiler, die den Himmel abstützen. Überall an den Äckern finden sich Kreuze: "Herr segne unsere Fluren."

Es ist eine schöne Gegend. In den Dörfern wird auch am Montag die Straße gefegt. Im Donautal, das einige der sieben Schleifen immer wieder streift, führt der Weg an weißen Kalkfelsen vorbei, sie formieren sich zu einer Kulisse, in der Winnetou jeden Augenblick um die Ecke reiten könnte. Zwischen Streuobstwiesen steht ein Imker im Schutzanzug, und wedelt mit dem Rauchapparat, von weitem sieht er aus wie ein Astronaut bei der Morgengymnastik.

Pilgern ist zum beliebten Freizeitsport der Deutschen geworden, seit Hape Kerkeling mit seinem Buch "Ich bin dann mal weg" die Bestseller-Charts gestürmt hat. So mancher Spötter wundert sich seitdem belustigt über die von Fußblasen geplagten Pilgerhorden, die sich humpelnd in Richtung Spanien schieben.

Auf dem Oberschwäbischen Pilgerweg sind keine Karawanen unterwegs, keine Menschen mit Stab, Hut und Muschel, den Insignien der Profipilger. Er ist die Alternative zum ausgetretenen Jakobsweg. Es gibt kein großes Ziel, das erreicht werden muss und das Erlösung verspricht wie Santiago de Compostela, der Endpunkt des Jakobsweges. Oft ist man mit sich und seinen Gedanken stundenlang allein. Bis man vielleicht einen der Einheimischen trifft. Die Oberschwaben gelten zwar als spezieller Menschenschlag, als "schaffig" und auch etwas störrisch. Aber hinter ihrer Zurückhaltung lässt sich viel Herzlichkeit und Gastfreundschaft aufspüren.

Weltlicher Ersatz in den Landgasthöfen

Die Begründer des Pfades haben sich über die positive Resonanz gewundert. Widerstand auf den Ämtern, allgemeines Desinteresse hatten die Oehlers erwartet. "Aber wir haben offene Türen eingerannt. Als ob Oberschwaben auf den Pilgerweg gewartet hätten." Haben auch die Einheimischen darauf gewartet, dass jemand sie mitnimmt auf eine spirituelle Reise? "Das Bedürfnis danach ist gestiegen", sagt Rita Oehler. Die Welt sei komplizierter geworden, und auch in diesem abgelegenen Winkel bleibe das nicht verborgen. "Der Alltag nimmt uns so in Beschlag. Wir müssen uns auf den Weg machen, um wieder zu uns zu finden."

Über 70 Pilger haben sich angemeldet für eine geführte dreitägige Besinnungstour im vergangenen Sommer, fast doppelt so viele wie im Jahr davor. Manchmal sind Eigenbrötler dabei, die zunächst abweisend auf Fragen reagieren. Erst nach Stunden fangen sie an zu reden, dann immer mehr, wie zum Beispiel ein Soldat über seinen Einsatz in Afghanistan. Im ehemaligen Zisterzienserinnenkloster Heiligkreuztal, das am Pilgerweg liegt, suchen hinter den gewaltigen Mauern auch Manager Zuflucht, die aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Die über hundert Wallfahrtsorte des Pilgerweges sind für Rita Oehler "Gnadenorte, wo wir Gott in besonderer Weise erfahren können". Aber man müsse nicht gläubig sein, um zu pilgern. "Man kriegt immer mehr geschenkt als man gibt." Eine Bilanz, die im sparsamen Oberschwaben gut ankommt.

Wer andere Navigationspunkte als diese "Gnadenorte" auf dem Pilgerweg sucht, findet leicht weltlichen Ersatz in den Landgasthöfen: Hier werden Maultaschen, saure Kutteln, Käsespätzle oder Wurstsalat serviert. Glauben und Genuss sind im katholischen Oberschwaben keine Gegensätze. Am Stammtisch wird auch Pilgern Platz gemacht und gerne ein Stuhl dazu gestellt. "Wer diesen Pilgerweg geht, kehrt anders zurück als er losgegangen ist ", weiß Egon Oehler. "Pilgern heißt auch, sich auf Überraschungen einzulassen."

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sch8mid 16.01.2013
Leider ist schon der erste Satz etwas schlecht recherchiert. Die höchste Erhebung zwischen Donau und Bodensee ist der Höchsten (873m) und von spiritueller Exstase ist jeder Schwabe ganz, ganz weit entfernt.
2. Wachturm
ditolin 16.01.2013
Und wieder ein wahnsinnig spannender Beitrag aus dem Wachturm. Man kann nur hoffen, dass die religionsbesessenen Autoren irgenwann mal die Bibel lesen und sich dann fragen, ob es sinnvoll ist die Propagierung von Mord und Totschlag zu verbreiten.
3. Landwirtschaft in Extremform
mummiscii 16.01.2013
Wer mit offenen Augen durch Oberschwaben wandert, dem fallen die häufig gut versteckten Schweinmastbetriebe auf, die riesigen Milchproduktionshallen stehen dagegen weit sichtbar vor fast jedem Ort. Tonnen an Soja wandert durch diese Produktionshallen um dann Tag für Tag als Gülle auf die braungrünen Fettwiesen geschüttet zu werden. Kein Quadratzentimeter wird hier verschont. Ich sehe die Bauern die Gülle direkt in die Riß kippen, interessiert hier keinen Menschen. Gerodet wird hier stündlich, mähen kann man das nicht nennen, Silage wird gebraucht. Im Mai werden durch die Roderei Bienen-, und Hummelvölker en gros vernichtet, die kommen dann auch nicht mehr hoch. Blühen kann hier durch die Gülle und das dauernde Roden nichts. ( Das Bild zeigt übrigens den gespritzten Raps, der auch Bienenvölker killt ) Wildkräuter gibt es nicht. Hier in Biberach piept nur noch die Krähe, Gewinnerin der Wühlmauszucht der Bauern. Bodenbrüter haben keine Chance irgendwas zu erbrüten. (Es ist nicht zu fassen, was selbst das Land in die Rodung der Strassenränder an Geld reinsteckt, man möchte meinen das Fettgras sei pures Gold) Bei 1,5% Naturschutzgebiet, das die Bauern selbstverständlich auch nutzen dürfen, kann man hier von Natur nicht sprechen. Intensiver als hier wird vielleicht nur noch in den Palmölwäldern bewirtschaftet. Die grüne Farbe täuscht, gehen Sie mal näher ran und schon überwiegt das Braun.
4. Württemberg ist schön ...
HansCh 16.01.2013
Die Leser sollten sich nicht von militanten Grünen den Spaß an Natur- und alten Kulturlandschaften verderben lassen (wie es mummiscii in #3 versucht). Mich nervt es wenn zun jedem Thema diese Miesepertigkeit hervorgekramt wird. Kritik gehört zu den entsprechenden Fachaufsätze bzw. Fachblogs. Und: Es muss nicht immer die Karibik sein oder die Inseln im Indischen Ozean. Die Europäischen Länder, ja auch Deutschland, sind Urlaubsparadiese.
5.
tubaner 16.01.2013
Zitat von mummisciiWer mit offenen Augen durch Oberschwaben wandert, dem fallen die häufig gut versteckten Schweinmastbetriebe auf, […] Bei 1,5% Naturschutzgebiet, das die Bauern selbstverständlich auch nutzen dürfen, kann man hier von Natur nicht sprechen. Intensiver als hier wird vielleicht nur noch in den Palmölwäldern bewirtschaftet. Die grüne Farbe täuscht, gehen Sie mal näher ran und schon überwiegt das Braun.
Wenn Sie so einen schönen Rundumschlag machen, dann sagen Sie doch mal wo Sie Ihre Milch kaufen, und vor allem zu welchem Preis. Und informieren Sie sich dann wieviel der produzierende Bauer davon bekommt. Die Zeiten wo man von einer Handvoll Kühen leben kann, sind nämlich auch wegen Ihren Einkaufsgewohnheiten vorbei. Das Hofsterben hat in den letzten Jahrzehnten weit über die Hälfte der oberschwäbischen Bauern erwischt und geht munter weiter, wer überleben will muss expandieren und die ganze Produktion technisieren, nur über die Masse kann man von der Landwirtschaft überhaupt noch leben. Abgesehen davon behaupten Sie ziemlich viel Haltloses: 1. Wenn Sie belegen können, dass irgendwer Gülle direkt in die Riß kippt, dann melden Sie das dem Landratsamt Biberach oder wo auch immer es genau passiert, und dem Bauer wird die Hölle heiß gemacht. Das wird nämlich sehr wohl streng geahndet. 2. Wenn Sie in Oberschwaben noch nie den Löwenzahn oder den Klee blühen sehen haben, dann sind Sie entweder zur falschen Zeit dort unterwegs – oder Sie marschieren ziemlich blind durch die Gegend. 3. Bei Naturschutzgebieten gibt es unterschiedliche Abstufungen, in denen verschieden intensive landwirtschaftliche Nutzung erlaubt ist. Wenn gar nicht gemäht werden darf, verbuscht und verwaldet Ihnen jede Wiese innerhalb von wenigen Jahrzehnten, da gehen Ihre Kräuter dann genauso ein. Denn das was Sie sich unter natürlicher Vegetation vorstellen ist genauso von Menschen geschaffene Kulturlandschaft, die ohne Landwirtschaft ganz schnell wieder verschwindet. 4. „Intensiver als hier wird vielleicht nur noch in den Palmölwäldern bewirtschaftet.“ Schwachsinn. Schauen Sie sich doch mal einen x-beliebigen Acker an, das ist intensive Landwirtschaft und Monokultur in Reinform. Und damit meine ich nicht die handtuchgroßen Flächen in Oberschwaben, sondern die endlosen Flächen etwa in Nord- und Ostdeutschland.
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