Pistenraupenfahrer am Feldberg Held der Nacht

Wenn die Sonne untergeht, beginnt die Arbeit der Pistenraupenfahrer. Am Feldberg zieht Conny Gröbler die Loipenspuren. Der ehemalige Skispringer und Hubschrauberpilot liebt das Schweben - auch im Schnee.

Von Andrea Schwendemann

Andrea Schwendemann

"Wieder eine Arschbombe!", sagt Conny Gröbler und zeigt auf eine große Delle in der Gipfelrundwegloipe am Feldberg. "Die hat ein Langlauf-Anfänger hinterlassen." Der 39-Jährige sitzt im Cockpit seiner Pistenraupe, ihm entgeht keine Narbe in der Spur. Gröbler scheint persönlich beleidigt zu sein, wenn das Loipenbild nicht mehr stimmt.

Die Sonne geht stimmungsvoll hinter den Vogesen unter, Fichten und Tannen sind mit einer dicken Schicht Neuschnee bedeckt, Schneekristalle glitzern. Für all diese Winterschönheit hat Gröbler keinen Blick. "Ich will die perfekte Spur ziehen - für Olympioniken und Touristen", sagt er. Ein wenig ähnelt Gröbler dem Schauspieler Jürgen Vogel, nur ohne Zahnlücke.

Sein Pistenbully, der so viel wiegt wie ein afrikanischer Elefant und so viel kostet wie fünf Mercedes SLK, macht jede Arschbombe glatt, fräst, presst und spurt die Furchen für die klassischen Langläufer und schafft einen gewalzten Bereich für die Skater. Sein Arbeitsplatz liegt im Dachgeschoss des Schwarzwaldes, rund um den Feldberg auf knapp 1500 Meter Höhe.

Conny Gröbler liebt die Höhe. Als Jugendlicher war er Nordischer Kombinierer in der DDR und hob mit Skiern ab. Später arbeitete er als Hubschrauberpilot in Kalifornien und schwebte mit dem Heli über dem Pazifik. Und jetzt wieder Schwarzwald, wohin er schon 1990 mit seinen Eltern vom Thüringer Wald übersiedelte. Gröbler ist Wirt auf der Todtnauer Hütte und selbständiger Pistenraupenfahrer. Er präpariert im Auftrag der Gemeinden Feldberg und Hinterzarten etwa 160 Loipenkilometer.

Feldberg nach Sylt Deutschlands beliebtester Touristenspot

Warum gibt man ein Sunnyboy-Leben in den Staaten auf für einen Fünftonner und eine Hütte in den Bergen, wo die nächsten Nachbarn über einen Kilometer weit weg wohnen? "Nach 9/11 war es nicht mehr leicht, in den USA als Pilot einen Job zu finden", sagt Gröbler. Er pendelte dann einige Zeit zwischen der Westküste der Vereinigten Staaten und Deutschland.

Irgendwann kaufte sich Gröbler eine alte Pistenraupe, um das Berggasthaus, das seine Eltern damals bewirtschafteten und heute besitzen, mit Lebensmitteln zu versorgen. Die Todtnauer Hütte ist im Winter monatelang nur zu Fuß, mit Ski oder eben mit der Schneeraupe erreichbar. Doch diese war anfällig und marode. Als er sich eine Neue anschaffte, eine mit mehr PS und mehr Komfort, steckte er sich mit dem "Pistenraupen-Virus" an.

Andrea Schwendemann

Zur Hütte der Gröblers, die drei Kilometer vom Zentrum des Tourismus am Feldberg entfernt liegt, kommen die Individualtouristen. Die Massen strömen an den Seebuck, den Nachbarn des Felsbergs. Das Gebiet hat nach Sylt die zweithöchste Touristenintensität in Deutschland: 1,5 Millionen Touristen zählt man jährlich am Feldberg, 400.000 Skifahrer tummeln sich an den Hängen, fast ebenso viele Langläufer ziehen ihre Runden.

Wenn es Abend wird und die Lifte schließen, beginnt Conny Gröblers Arbeitstag. Er ist dann fast allein im Wald und auf dem Gipfel. Manchmal trifft er einen Skitourengeher, entdeckt eine Feldmaus in der Spur, einen Auerhahn, ein Reh, das sich durch den Schnee kämpft. "Einmal war ein Luchs in der Loipe - mit einer Gämse im Maul", sagt Conny Gröbler. "Auch für die Raubkatze ist die Spur praktisch, sie sinkt nicht so tief ein."

Drinnen im beheizten Cockpit herrscht wohlige Wärme, draußen ist es minus vier Grad kalt. In den letzten 48 Stunden sind über 100 Zentimeter Schnee gefallen. Winterwonderland im Mittelgebirge. Doch was ist, wenn irgendwann der Feldberg im Winter grün bleibt? Dann ist es doch vorbei mit dem Pistenraupenfahren?

"Sicher ist, dass auch bei uns der Klimawandel angekommen ist. Es fällt weniger Schnee", sagt Gröbler. Er ist pragmatisch: "Gewandert und eingekehrt wird immer. In der Hütte ist genug zu tun. Letzte Weihnachten zum Beispiel lag kein Fetzen Naturschnee. Trotzdem waren wir ausgebucht, eine gigantische Inversionswetterlage hat uns Rekordumsätze beschert."

Wie Schweben

Inzwischen ist es Nacht auf dem Feldberggipfel. Die Arbeitsscheinwerfer der Schneeraupe leuchten taghell. Der Mond scheint. Man kann den Feldsee und den Raimartihof im Tal sehen. Das Gefährt mit seinen 200 PS krabbelt langsam wie ein Käfer Richtung Grüblesattel, am steilen Nordhang des Feldbergs entlang.

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Gröbler will noch einen Teil des anspruchsvollen Fernskiwanderwegs spuren. Fast vier Meter Neuschnee türmen sich hier auf, wurden angeweht, liegen unverdichtet und weich. Jetzt fühlt sich das Mitfahren in der Pistenraupe an, als ob man über Wolken aus Pulverschnee fliegen würde. "Wahnsinn", sagt Gröbler. "Das ist wie Schweben." Und mit diesem Gefühl kennt er sich aus.

Hat er nicht Angst, mit seinem Gefährt umzukippen? Ist das nicht unheimlich, so allein am Berg? "Als ich mit dem Pistenraupenfahren anfing, hatte ich Muffensausen", sagt Gröbler. "Einmal war ich mitten im Schneetreiben, da hätte ich fast geheult, weil ich nicht mehr wusste, wo ich bin." Dort wo er arbeitet, gibt es keine Verkehrsschilder, keine Ampeln, keinen ADAC-Pannenservice.

Vor zehn Jahren hat sich ein erfahrener Fahrer am nahen Herzogenhorn mit seiner Schneeraupe festgefahren, ist zu Fuß weitergegangen, hat sich im Nebel verirrt und ist erfroren. Wer nachts am Feldberg unterwegs ist, muss sich selber helfen. Gröbler hat immer Kompass und GPS dabei, um sich bei schlechter Sicht zu orientieren. Und eine Kettensäge, falls ein Baum auf der Loipe liegt. Dazu eine Machete, für die Äste, die in die Spur ragen.

Was noch? "Vesper, Tee und Popometer. Mein Hinterteil sagt mir genau, wenn es brenzlig wird und die Maschine abzurutschen droht." Seit 16 Jahren macht er diesen Job. 7000 Stunden in der Pistenraupe, unfallfrei. Auf Conny Gröblers Popometer ist Verlass.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
jackoconnor 24.02.2016
1. Herzlichen Glückwunsch...
...zum Traumjob. Ich bin etwas neidisch...
Referendumm 24.02.2016
2. Werbung ?
Schöner, verkappter Werbebericht - Pistenbully ist ja ein sehr bekannter Markenname; ansonsten nennt man sie Pistenpflegefahrzeuge. Traumjob? Ne, nicht wirklich, wenn man keinen Schnee mag ;)
cor 24.02.2016
3. Pistenbully?
Das Ding heisst "Pistenraupe". "Pistenbully" ist das spezifische Modell von Kässbohrer. Ein Taschentuch heisst auch nicht "Tempo".
noalk 24.02.2016
4. Massenware
Zitat von ReferendummSchöner, verkappter Werbebericht - Pistenbully ist ja ein sehr bekannter Markenname; ansonsten nennt man sie Pistenpflegefahrzeuge. Traumjob? Ne, nicht wirklich, wenn man keinen Schnee mag ;)
Genau ... und jeder 12te Deutsche hat einen in der Garage ...
sysop 24.02.2016
5. Vielen Dank für den Hinweis!
Unsere Leser haben recht: Pistenbully ist eine Marke des Marktführers Kässbohrer. Ein Fahrzeug dieses Herstellers nutzt auch Conny Gröbler. Wir haben dennoch im Text den Begriff für diesen Fahrzeugtyp in "Pistenraupe" geändert.
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