Abenteuer vor der Haustür Ein Bike, ein Schlafsack, 24 Stunden Zeit

Minimale Vorbereitung, maximale Entspannung - das ist die erste Regel für sogenannte Overnighter. Die Kurzausflüge mit Übernachtung sind eine ideale Alltagsflucht für Radtourenfans.

Peter Bender

Von Gunnar Fehlau


Keine 50 Meter von unserer Haustür entfernt, biege ich in einen schmalen Weg ein, der durch eine Schrebergartenanlage führt. Schotter und Splitt spritzen unter meinen Reifen auf, der glatte Asphalt der Stadt liegt hinter mir. Für mich ist das ein unmissverständliches Anzeichen: Mein Abenteuer beginnt.

Wenige Kurbelumdrehungen reichen, um gleich vor der Haustür in eine andere Welt einzutauchen. Eine Welt ohne Terminkalender, Elternabende, Meetings, Steuererklärungen und Diskussionen über den Stand unserer Beziehung oder die Erziehung pubertierender Jungen.

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In der Bike-Szene heißt so etwas Overnighter. Für mich ist es eine enthusiasmierende Aussicht: Nur mein Rad, ich und das kleine Abenteuer bis zum nächsten Morgen. Overnighter-Regel Nr. 1 lautet: maximale Entspannung, minimale Planung. Wo ich schlafe, ergibt sich unterwegs.

Von der Göttinger Südstadt radele ich am frühen Nachmittag los Richtung Eichsfeld. Der Anstieg zur Diemardener Warte ist für Alpinisten keine Herausforderung, aber nach einer abgerundeten 50-Stunden-Woche und erheblicher familiärer Friktion vor meinem Loskommen löst der Anpressdruck in den Beinen den Stress als Pulstreiber schnell ab.

"So soll es sein", denke ich, schalte beschwingt in den leichtesten Gang und kurble langsam die Anhöhe hinauf. Einen Hügel weiter plumpse ich ins Wendebachtal und folge ihm einige Kilometer ostwärts. Der Weg kreuzt den Bach mehrere Male mit kleinen Fußgängerbrücken und präparierten Flussquerungen für Forstfahrzeuge. Ich wähle lieber die direkte Route durchs Wasser, es gluckert unter meinen Reifen, für mich der Sound von Meinen-Weg-suche-ich-mir-heute-mal-selbst-Anarchie.

Nach zwei Stunden erreiche ich den Hurkutstein im Rheinhäuser Wald, eine von Menschenhand gestaltete Felsspalte, in der vor Hunderten von Jahren ein Einsiedler gelebt haben soll. Kein schlechter Platz für eine einsame Pause, schließlich ist die Höhle quasi eingewohnt. Im Anschluss geht es hoch auf die Jägersteine, eine imposante Felsformation mit ebensolchem Ausblick.

Mittlerweile ist es später Nachmittag, und ich mache mir langsam Gedanken übers Abendessen. Als Prolog zum Abend verordne ich mir ein Einzelzeitfahren durch den Wald zum nächstgelegenen Supermarkt - zwischen all dem beschaulichen Radeln ein völlig überflüssiges, testosterongetränktes und genau deshalb goldrichtiges Intermezzo harten Radsports. Schließlich heißt die Overnighter-Regel Nr. 2: Genau das tun, wonach einem gerade ist. Und wenn es der größte Unsinn ist? Umso besser.

Gemäß dieser Lust-und-Laune-Regel pfeffere ich im Rewe-Markt in Groß Schneen zwei gute Steaks, Gemüse, Antipasti und Bier in meinen Einkaufskorb. Apropos Bier: Glasflaschen und Mountainbike verstehen sich einfach nicht gut. Biergenuss und Dosen aber eben auch nicht so recht. Am Ende gewinnt der Sicherheitsbeauftragte in mir die Oberhand - ganz im Sinne der Overnighter-Regel Nr. 3: Sicherheit kommt immer als Erstes! Also verschwinden ein paar Dosen Bier in meinen wasserdichten Radtaschen.

Drei Overnighter-Routen für Anfänger und Routiniers
Tour 1: Berliner Landflucht
Im Zentrum bietet die Hauptstadt für einsame Overnighter kaum Optionen. Wer aber beim Aus-der-Stadt-Radeln geschickt Parks, Flüsse, Bahntrassen, Schrebergärten und Co. in seine Routenführung einrührt, kann den Trubel der Metropole schnell hinter sich lassen. Hinter Weißensee wird es schon fast provinziell. Mein Tipp: Im Gasthaus am Gorinsee bekommt man sehr gutes Fleisch vom Wild aus dem Thekenkühlschrank. Nur wenige Kilometer weiter, in der Schönower Heide, lässt es sich über einem Feuer veredeln. Hier in den Wäldern finden sich auch Hütten und Lichtungen für die Übernachtung. Die S-Bahn-Station Zepernick erleichtert die Stadtflucht und verkürzt die Radstrecke bei Bedarf.
Tour 2: Freiburger Gipfelsturm
Aus Overnighter-Sicht ist der Schwarzwald ein spezielles Fleckchen Erde. Einerseits ist er die Heimat der deutschen Mountainbike-Kaderathleten, andererseits sind Mountainbikern aufgrund der "Zwei-Meter-Regel" (schmalere Wege dürfen in Baden-Württemberg nicht befahren werden) enge Grenzen gesetzt. Raus aus der grünen Stadt geht es über die "SWR-Serpentinen", einen lokalen Hotspot für Biker. Wer genügend Mumm hat, brettert die offizielle Downhill-Strecke "Borderline" herunter. Generell beginnen die Täler hier seicht und sorgen dann sehr bald für rapide erhöhten Puls. In den Hängen rund um den Hinterwaldkopf finden sich sehr schöne Biwakspots.
Tour 3: Rauf in die Rhön
Die Rhön ist ein echter Hidden Champion für Naturfreunde: von wenigen gekannt und von fast allen unterschätzt. Am Besten lässt sie sich von Fulda aus anfahren. Die Wege sind in der Regel gut beschildert und – anders als etwa am Rennsteig – wenig frequentiert. Rund um die Wasserkuppe erwarten den Overnighter atemberaubende Spots für nachtlange Erholungspausen. Wer es geschichtsträchtiger mag, steuert von Fulda die Gedenkstätte „Point Alpha“ an und erkundet das Grüne Band der ehemaligen inner-deutschen Grenze. Aber Vorsicht: Die Steigungen des Kolonnenwegs sind brutal. Und der marode Zustand der Wege verlangt von den Fahrern eine solide Fahrtechnik sowie volle Aufmerksamkeit.

Mein Verproviantieren im Supermarkt hat kaum länger als eine Tagesschaulänge gedauert und fühlt sich nach den einsamen Stunden im Wald doch schon fremd an. An der Fleischtheke und der Kasse belasse ich es bei einem knappen "Bitte" und "Danke" und ignoriere die Smalltalk-Avancen der freundlichen Verkäuferinnen. Die leichte Laberschicht in der dünnen Haut der Zivilisation mag manchen wärmen, mich stößt sie eher ab, und ganz besonders unterwegs. Immer wieder faszinierend, wie man sich beim Radeln durch die Wälder in Nullkommanix entzivilisiert.

Höchste Zeit also, in die Ein- und Achtsamkeit zurückzukehren. Ich pedaliere flussaufwärts durchs Gartetal und überlege, wie der ideale Biwakplatz für heute Nacht aussehen könnte. Lang nachdenken muss ich nicht: Der Himmel ist wolkenlos, der Wind recht still, und ich bin noch nicht allzu spät dran. Damit spricht alles für ein Biwak auf einem Hügel, mit Blick in den Sonnenuntergang und an einem Platz, an dem sich gefahrlos ein grillgerechtes Feuer entfachen lässt. Bei der Sache mit dem Feuer greift wegen der Brandgefahr ähnlich wie beim Thema Bier Overnighter-Regel Nr. 3.

Auf der Suche nach meinem Biwakplatz biege ich aus dem Gartetal südwärts in die Hügel ein, um auf eine Osthangseite zu gelangen. Auf den 200 Höhenmetern des Anstiegs machen sich meine Einkäufe im Gepäck bemerkbar, und ich komme ordentlich ins Schwitzen.

Der Preis für meine Mühen ist ein perfekter Biwakspot mit Blick auf die Hügel des Weserberglandes. Als ich dort vom Rad steige, bleibt mir noch mehr als eine Stunde, bis die Sonne am Horizont hinter den Bergen verschwindet. Ausreichend Zeit also fürs Nichtstun und eine Kurzrückkehr in die Zivilisation.

Schnell checke ich die Bundesliga-Ergebnisse, dann wechsele ich wieder in den Flugmodus und hole meine Spielzeuge raus: einen Flachmann mit integriertem Zigarettenfach (ein Geschenk meines Kumpels Reçep), meine Zwille, mit der ich munter Steinchen auf Bäume zwitschere, und mein erstes Bier dieses Abends.

Overnighter-Basics: Fünf Fragen an Gunnar Fehlau
1. Warum überhaupt Overnighter?
Was dem einen der Wochenend-Shopping-Trip in eine hippe Metropole, ist Radfahrern der Overnighter: Mehr Erholung von einem auf den anderen Tag geht nicht. Vorausgesetzt, Laktat und Lagerfeuer halten sich die Waage. Das heißt: Man sollte sportlich, aber nicht verbissen unterwegs sein.
2. Allein oder mit mehreren auf Tour?
Ein ganz klares "Das kommt darauf an". Wenn ich in einer Gruppe unterwegs bin, fahren natürlich alle möglichen gruppendynamischen Phänomene mit. Wenn mir nach Ruhe ist, ziehe ich einen Solo-Overnighter vor. Der beste Kompromiss: Mit einem Kumpel aufbrechen. Da kann man gemeinsam schweigen oder reden.
3. Kriterien für die Streckenauswahl?
Mal bestimmt das Ziel - etwa ein guter Bivy-Spot auf einem Berg - den Weg, mal die Einkaufsmöglichkeiten unterwegs meine Route. Nicht selten fahre ich einfach nach Laune und entscheide an jeder Kreuzung neu, wie und wo es weitergeht.
4. Dos and Don'ts?
Als Overnighter radelt man in Deutschland konsequent am Rande der Legalität. Denn das Errichten eines Nachtlagers ist nur mit Erlaubnis des Grundbesitzers erlaubt, und "Lager" beginnt spätestens beim Aufbau von Tarp oder Zelt. Mein ungeschriebenes Overnighter-Gesetz hingegen lautet: Folge deinem gesunden Menschenverstand. Und der sagt: Kein Feuer bei Waldbrandgefahr! Hinterlasse keine Spuren! Und halte deine Schlafplätze geheim, auf dass lauschige Plätzchen nicht von Scharen Stadtflüchtiger bevölkert werden!
5. Der wichtigste Rat für Anfänger?
Locker bleiben! Bei den ersten Overnightern sollte man ein nahes Ziel auf einer einfachen Route ansteuern. Und lieber etwas mehr Ausrüstung mitnehmen, als dass man unterwegs irgendetwas schmerzlich vermisst. Routine bei der Ausrüstungsdiät gewinnt man später ganz von selbst.

Zwei Stunden später ist die Sonne längst untergegangen, das Feuer hat mir zwei fantastische Steaks beschert. Fledermäuse kreisen über meinem Lager, vermutlich beutelos, denn Mücken haben den Weg hoch auf meinen Hügel nicht gefunden. Weil mein Feuer ausreichend gesichert ist, gönne ich mir einen seltenen Luxus: Eingemummelt in meinen Schlafsack, blicke ich in die Glut, bis ich irgendwann einfach einschlafe.

Der nächste Morgen beginnt wieder mit einem Lagerfeuer. Kaffee kochen, meine klammen Hände am dampfenden Getränk wärmen, die müden Knochen strecken. Es stimmt, zu Hause schlafe ich definitiv komfortabler und tiefer als auf meiner Isomatte. Aber meine Synapsen kommen nur draußen wirklich zur Ruhe. Wenn sie mal wieder überlastet sind, weil in Büro und Familie die Hölle los ist, packe ich die Packtaschen und radele los.

Alles folgt dann der klassischen Overnighter-Losung: Laktat, Landschaft, Lagerfeuer. Für Körper und Seele ist diese Kombination derart entspannend, dass es sie eigentlich auf Rezept geben müsste.

Aus dem Heft "Walden" 3/2017

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insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tomkey 22.08.2017
1. Blödsinn
Was ist denn das wieder für ein Quatsch für etwas, was es schon seit Jahrzehneten gibt und gab? Overnighter-Was?? Wir sind in den 70ern und 80ern bereits als Stifte mit 13 14 15 Jahren über Nacht mit unseren Fahrrädern und ein paar Decken mit Schnüren und Klammern zum Zelt bauen weggeblieben. Kein Handy zudem. Kein Feuer, da wir wegen Waldbrand nix riskieren wollten. Wasser in Trinkflaschen reichte uns und dazu ein paar Kekse. Wir wollten was erleben und nicht opulent essen. Aber in der heutigen Zeit muss ja das, was früher Gang und Gäbe unter den Kindern und Jugendlichen war als ein besonderes Event oder Hipster-Freizeitabenteuer verkauft werden. Arm dran wer den Artikel für besonders interessant hält.
Hamberliner 22.08.2017
2. Berlin im Dunkeln
---Zitat von SPON--- Im Zentrum bietet die Hauptstadt für einsame Overnighter kaum Optionen. ---Zitatende--- Berlin bietet im Zentrum jede Menge Optionen. Nicht nur Parks und Grünanlagen, sondern auch die dicht bewachsenen Ufer so mancher Kanäle. Und wenn man den Begriff "Zentrum" etwas weiter fasst: Am Teufelsberg scheinen im Sommer, wenn es warm ist, viele Overnighter draußen zu übernachten. Ich kannte mal einen, der ist nachts im Dunkeln mit dem Mountainbike da herumgebolzt. Auf einmal spürte er, wie er über einen sehr heftigen Knubbel fuhr. Unter sich hörte er: "Aua! Aua!". Was für eine geniale Art zu zählen, wie viele Räder das Fahrrad hat. Wäre er mit einem Dreirad herumgefahren, dann hätte es "Aua! Aua! Aua!" gemacht.
cih 22.08.2017
3. danke
sehr schön geschrieben. Ich radle auch viel und komme auf die ungewöhnlichsten Touren. Leider ohne zu übernachten.
dwg 22.08.2017
4.
Als Beispiel: Bußgeldkatalog fürs Outdoor Feuermachen in Bayern Tatbestand: Feuer in geschützten Gebieten entfacht (keine Brandstiftung). Bußgeld: 50 Euro bis 2.500 Euro
oljako 22.08.2017
5.
Zitat von tomkeyWas ist denn das wieder für ein Quatsch für etwas, was es schon seit Jahrzehneten gibt und gab? Overnighter-Was?? Wir sind in den 70ern und 80ern bereits als Stifte mit 13 14 15 Jahren über Nacht mit unseren Fahrrädern und ein paar Decken mit Schnüren und Klammern zum Zelt bauen weggeblieben. Kein Handy zudem. Kein Feuer, da wir wegen Waldbrand nix riskieren wollten. Wasser in Trinkflaschen reichte uns und dazu ein paar Kekse. Wir wollten was erleben und nicht opulent essen. Aber in der heutigen Zeit muss ja das, was früher Gang und Gäbe unter den Kindern und Jugendlichen war als ein besonderes Event oder Hipster-Freizeitabenteuer verkauft werden. Arm dran wer den Artikel für besonders interessant hält.
Eine ganz tolle Geschichte, Klammern und Dunkelheit. Wer verkauft hier eigentlich was genau und zu welchem Preis? Gegen Ende noch mal eine Universalwatschen. Ihnen möchte ich lieber nicht im dunklen Wald begegnen.
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