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"Rap am Mittwoch" in Berlin: Die Schlacht am Schlesi kann beginnen

Von Sarah Paulus

Ihre Waffe ist die Sprache: Am Schlesischen Tor in Berlin duellieren sich junge Rapper auf der Bühne. Ein Kiezrundgang mit den Machern - Freestyle-Einlage inklusive.

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Süßlicher Qualm zieht durch den Raum. Vor der Bühne warten knapp 500 Leute. Schulter an Schulter. "Wo ist die realste Cypher Deutschlands?", brüllt MC Ben Salomo. "Hier. Hier. Hier!", skandieren Jungs und Mädels.

"Wer ist die geilste Crowd in Deutschland?", legt der Moderator nach. "Wir. Wir. Wir!", pariert die Menge, die für das Spektakel aus allen Ecken des Landes angereist ist. Zum Schlesischen Tor an der Spree. Einem historischen Gemäuer im Epizentrum der Kreuzberger Boheme.

Früher stand hier ein Stadttor von Wilhelm I., seit 1902 ein Hochbahnhof: erbaut für die erste U-Bahn-Strecke Berlins, später Kulisse für das Musical "Linie 1". Der Bahnhof selbst war Endstation im amerikanischen Sektor. Wurde schließlich Dreh- und Angelpunkt des wiedervereinigten Berlins und ist heute ein Treffpunkt für Partygänger, trendige Touristen, Obdachlose, kleine und große Kriminelle. Nicht selten wird zugeschlagen.

Manchmal auch mit Worten statt mit Fäusten. Und zwar immer dann, wenn im Bi Nuu, einer Party-Location in den altehrwürdigen Hallen des Bahnhofs, ein Gemetzel besonderer Art stattfindet: RaM - Rap am Mittwoch. Eine Freestyle-Schlacht, ein Improvisationswettstreit, der mit den Waffen der Sprache ausgetragen wird, messerscharfen Wortgeschossen, Reimen statt Schwertern. Ihr Erfinder, Jonathan Kalmanovich, Künstlername Ben Salomo, ist 38 Jahre alt. Geboren in Rechovot, 20 Kilometer südlich von Tel Aviv. Mit fünf Jahren kam er nach Berlin.

Nun wartet er mit seinem Teamkollegen Cihan Bilgin am Bahnhofseingang. Es ist dunkel, ungewöhnlich warm für einen Herbsttag. Menschen hetzen vorbei. Einige verharren, um den Straßenmusikern Hester und Holly Rose beim Musizieren zuzuhören. "Der 'Schlesi' steht für Lärm und Verkehrschaos", sagt Ben. "Und für unser Event", ergänzt Cihan.

Gastspiele in ganz Deutschland

Das war in den Neunzigerjahren noch anders. "Teile Kreuzbergs galten als üble No-Go-Areas. Es gab Gangs wie 36Boys, Black Panther oder die Araber Boys. Mit denen hat man sich auf keinen Fall angelegt", sagt Ben. Heute gibt es hier Berlin-Besuchermagneten wie den Imbiss Burgermeister, gleich gegenüber unter den Bahngleisen. "Wo früher Toilettenhäuschen waren, essen heute überwiegend Touristen. Wir auch manchmal nach der Show. Davor bin ich immer dort", sagt Cihan und zeigt auf Salut Backwaren. Das Geschäft ist rund um die Uhr geöffnet.

"Rap am Mittwoch" erblickte Ende der Neunzigerjahre das Licht der Kreuzberger Kampfzone. Die Veranstaltung fand zunächst parallel zum legendären Royal Bunker statt, einem Treffpunkt für Freestyler, der den deutschen Untergrundrap mit Künstlern wie Sido, B-Tight und Frauenarzt hervorbrachte. Vorbild waren die Cyphers - eine Art Poetry Slam für ambitionierte Jungrapper - des amerikanischen Labels Project Blowed.

Als die Kneipe Royal Bunker schließen musste (als Hip-Hop-Label blieb der Name noch jahrelang erhalten), traten deren Rapper auch bei RaM auf, zunächst in einem Kellergeschoss in der Ufa-Fabrik. Nach mehrjähriger Pause kehrte die Show 2010 in die Kreuzberger Oberwelt zurück. Aber nicht nur. Gastspiele gab es auch in Frankfurt, Bochum, Hamburg, Münster und München.

Zum Team gehören Rapper und Co-Moderator Andres Mba alias Tierstar, Halb-Ukrainer und Halb-Guineaner; der polnische DJ Pete; Kameramann Spooky sowie Chefredakteur Cihan, der in Halfeti geboren wurde. Wo das ist? "Am liebsten wäre mir, wenn du Kurdistan schreibst", sagt der 21-Jährige in hessischer Mundart. Ein kurdischstämmiger Offenbacher, der seit zwei Jahren in Berlin lebt und das Areal um den Bahnhof wie seine Westentasche kennt. Weil es Orte wie diesen gibt, kämen die Leute nach Berlin, sagt er.

Nichts für sensible Gemüter

Ebenso multikulturell wie die Macher von RaM sind seine Akteure. "Wir hatten Franzosen, Italiener, Polen, Philippinos, Ägypter, Palästinenser auf der Bühne", sagt Ben. "Es wird in allen Sprachen gerappt." Nach der Cypher folgt die "Battlemania" mit Zweikämpfen für Fortgeschrittene. Danach die "Battlemania Champions League", bei der sich die Besten der Szene duellieren. Ob Ben ganz schnell etwas freestylen könnte? Er lächelt und beginnt:

Hi, mein Name ist Ben Salomo.
Ich heb mich hervor.
Ich mache Rap am Mittwoch,
Direkt am Schlesischen Tor.

Die Touristen am Nachbartisch hören auf zu plaudern und lauschen:

Ihr könnt euch sicher sein, dass ihr niemals enttäuscht werdet.
Wir sind mitten in Berlin, das hier ist Kreuzberg.
Die Leute kommen aus der ganzen Welt.
Lassen hier ihre Gefühle, ihre Träume, ihr Geld.

Der improvisierte Text klingt vergleichsweise gefällig. Dabei ist Battle Rap nichts für sensible Gemüter. Nirgendwo sonst werden verbal mehr Mütter misshandelt, weiße oder schwarze, vollkommen egal. Denn am Ende heißt es: Peace, Alta.

Sogar "rassistische Witze", so Ben, "sind im Battle Rap erlaubt. Wer tatsächlich Rassist ist, geht nicht auf die Bühne, um seinem Kontrahenten danach die Hand zu geben." Echten Rassismus würde er sofort unterbinden. Deswegen sei RaM auch ein sozialpädagogisches Projekt. "Wir geben Hinweise und Anleitung. Fordern Respekt und Anerkennung. Ermahnen das Publikum, wenn es einen jungen Künstler ausbuht. Fast schon lehrermäßig."

Ausgehtipps von Cihan und Ben

Die Show am Schlesischen Tor ist zur Institution und zur Anlaufstelle für Hip-Hop-begeisterte Hauptstadtbesucher geworden. Obwohl in der Umgebung einige Konkurrenz wartet. Das Lido zum Beispiel, ein ehemaliges Kino, wo jetzt Balkanrock, Techno und Heavy Metal durch die Wände dröhnen. Und wohin geht Ben? Der Privatclub in einem alten Postamt ist für ihn ein "kleiner feiner Schuppen", das auf Elektro und Jazz spezialisierte Watergate dagegen "so ein Snobverein".

Auf der anderen Spreeseite empfehlen die beiden die Revaler Straße mit ihren Kultbutzen, von Cassiopeia über Astra bis Badehaus: "Die Partys sind gut, aber das Areal ist voller gefährlicher Leute", sagt Cihan, Drogenkriminalität und Prügeleien drohen hier. Nicht weit ist die East Side Gallery, mit ihr verbindet Ben "das Bild mit Deutschlandfahne und Davidstern". Freude und Enttäuschung zugleich. "Es gibt mir das Gefühl, zu Hause zu sein. Aber wenn es beschmiert wird, dann doch wieder nicht."

Migration und Integration. Bei Rap am Mittwoch wird das große Thema dieser Tage seit Jahren gelebt. Jeden ersten Mittwoch im Monat, wenn Ben die Menge dirigiert. Junge Rapper tröstet, die ihre Texte versemmeln. Den Publikumsliebling der Show ankündigt: Fresh Polakke, den Rapper mit grobem Polenwitz. "Mach mal Lärm Berlin." Jungs grölen. Mädels kreischen. Showtime für Touristen und Einheimische: Die Schlacht im Schlesi kann beginnen.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
windpillow 09.12.2015
...alles was die brauchen ist Schlagzeug-Beat und jemanden der dazu herumschreit und schon sind sie glücklich." (Keith Richards).
2.
troy_mcclure 10.12.2015
" Ihr könnt euch sicher sein, dass ihr niemals enttäuscht werdet. Wir sind mitten in Berlin, das hier ist Kreuzberg. Die Leute kommen aus der ganzen Welt. Lassen hier ihre Gefühle, ihre Träume, ihr Geld. Der improvisierte Text klingt vergleichsweise gefällig." "Bemüht" trifft es meiner Meinung nach besser als "gefällig"
3.
hschmitter 10.12.2015
Hab noch nie jemanden gehört, der "Schlesi" sagt.
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