Reise per Containerschiff Auf der Blechkisten-Route über die Weser

Container abladen, Container aufladen, dann mit gemütlichen neun Knoten über die Weser: Das Frachtschiff "Aviso 1" pendelt zwischen Bremerhaven und Bremen. Arbeitsalltag für die einen, Abenteuer für die anderen. Der Kapitän vermietet eine Kabine und kann sich vor Anfragen kaum retten.

Von Bernd Ellerbrock

Claus Schäfe

Doppelbett und Duschbad, Gefrier- und Kühlschrank, Mikrowelle und Satelliten-TV: Die zweckmäßig eingerichtete Mini-Ferienwohnung bietet viel Komfort, aber auch einiges an Lärmbelästigung. Würde der Gast sich an üblichen touristischen Standards orientieren, wäre das ständige Geschepper der Container draußen, auch gerne früh am Morgen oder spät am Abend, eine Beschwerde wert. Doch mit üblichen Standards hat diese Ferienwohnung wenig zu tun, denn sie befindet sich im Achterdeck des Containerschiffs "Aviso 1", das zwischen Bremen und Bremerhaven hin- und herpendelt. Eine viertägige Mitfahrt ist wohl nicht jedermanns Sache, aber ein Fest für Technikbegeisterte.

"Schon im zarten Alter von 17 Jahren hatte ich den Wunsch, mal mit einem Binnenschiff zu fahren", schreibt Bernhard ins Gästebuch. Auch für einen 70-Jährigen aus Springe am Deister ging "ein Jugendtraum in Erfüllung: eine Fahrt auf einem Lastenkahn!" Nostalgische Sehnsüchte nach Romantik, Idylle und Beschaulichkeit werden auf einer solchen Fahrt allerdings kaum befriedigt.

Rummsbumms. Es ist 6 Uhr in der Früh. Kräne und Hebefahrzeuge nehmen ihre Arbeit auf und holen mit lautem Scheppern die letzten Container aus dem Bauch des Schiffs, das über Nacht im Bremer Holzhafen festgemacht hat. 1888 gebaut, ist der Holzhafen eine der ältesten noch in Betrieb befindlichen Hafenanlagen Europas. Der weithin sichtbare Backsteinturm der Rolandmühle und die rostigen Stahlspundwände sind noch in warmes Morgenlicht getaucht, als der malerische kleine Hafen langsam aufwacht.

Das traditionsreiche Bremer Umschlagunternehmen Hansakai betreibt hier zwar immer noch klassischen Stück- und Schüttgutumschlag von Kaffee, Holz, Zellulose und Papier - dominant sind freilich längst die Container, für die ein Shuttle-Verkehr zwischen Bremerhaven und Bremen eingerichtet wurde. Manfred Deymann, Kapitän und Besitzer der "Aviso", fährt hier das ganze Jahr lang Blechkisten hin und her.

Viele Anfragen im Sommer

Ein Zimmer stellt er Binnenschiff-Touristen zur Verfügung. Im Sommer ist Deymann regelmäßig ausgebucht, denn nur eine Handvoll deutscher Binnenschiffe bietet Mitfahrgelegenheiten an. Drei Anfragen pro Tag bekomme er - die meisten allerdings wollen kostenlos mitfahren: "Manche können dann kochen, singen, Gedichte aufsagen, was weiß ich. Nur bezahlen wollen die nicht. Denen antworte ich erst gar nicht", sagt Deymann und lacht.

Schließlich hat er eine hübsche Kabine und ein modernes Schiff zu bieten. Der 39-Jährige ging 2008 als Erster seit Jahrzehnten das Wagnis eines Binnenschiff-Neubaus ein. Die deutsche Binnenschiff-Flotte sei im Durchschnitt mehr als 50 Jahre alt, erklärt der auskunftsfreudige Reeder seinen Gästen.

Die "Aviso" macht sich auf den Weg. Ein paar Anlegeplätze weiter soll der Bauch wieder mit Containern vollgeladen werden. Es geht vorbei am Getreidehafen, Werfthafen, Kap-Horn-Hafen, hinein in den Schleusenvorhafen und in die Schleuse Oslebshausen. Zeit für eine kleine Unterhaltung mit Bruno vom Kiesfrachter aus Minden. Bruno ist noch heute stolz auf eine Reportage über ihn, den Mittellandkanal und sein Schiff in einem Reisemagazin. "Bruno Brahms, ja, wie der Komponist. Einfach mal bei Google eingeben." Doch da gehen die Schleusentore auch schon wieder auf, und weiter geht's auf der Sightseeing-Tour durch Bremens Industriehäfen.

Im Kohlehafen wird festgemacht. Bis alle 84 Container an Bord sind, muss Deymann sein Schiff immer wieder umsetzen, da der Teleskoparm des Stackers nicht weit genug reicht. "Die sollten mal 'nen Kran beschaffen", stänkert der Kapitän. Dann hätte er ein paar Stunden Pause zum Schlafen. Mit ruhiger Hand am Joystick dreht er das 110 Meter lange Schiff um die eigene Achse und bugsiert es präzise wieder an die Kaimauer.



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achwas53 05.09.2011
1. naja
Zitat von sysopContainer abladen, Container aufladen, dann mit gemütlichen neun Knoten über die Weser: Das Frachtschiff "Aviso 1" pendelt zwischen Bremerhaven und Bremen. Arbeitsalltag für die einen, Abenteuer für die anderen -der Kapitän vermietet eine Kabine und*kann er sich vor Anfragen kaum retten. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,784060,00.html
Abenteuer ist wohl was anderes,als mit einem Büchsenschieber zwischen Bremen u.Bremerhaven hin und her zu pendeln. plus 40 Euro Endreinigung,plus Kost ist ja auch kein Pappenstiehl für 4 Tage. Aber wers mag
Ursprung 06.09.2011
2. Es gibt weiss Gott Erbaulicheres...
In dem engen Kanal Unterweser immer hin und her zu schippern ist eine ziemlich oede Aufgabe. Deshalb verschafft sich der Eigner wohl mit diesem Trick wenigstens Abwechslung durch mal andere Gesichter an Bord. Ratten in den Gulliklappen und Industriebrachen Hafengelaende moegen ein Kontrastprogramm fuer Buerohocker sein. 4 Tage lang koennte man Erbaulicheres machen.
denkmal! 06.09.2011
3. .
Zitat von UrsprungIn dem engen Kanal Unterweser immer hin und her zu schippern ist eine ziemlich oede Aufgabe. Deshalb verschafft sich der Eigner wohl mit diesem Trick wenigstens Abwechslung durch mal andere Gesichter an Bord. Ratten in den Gulliklappen und Industriebrachen Hafengelaende moegen ein Kontrastprogramm fuer Buerohocker sein. 4 Tage lang koennte man Erbaulicheres machen.
Ja, zum Beispiel auf der Autobahn für ein Wochenende in den Tirol rasen, nach London jetten, oder Kopenhagen hetzen. Man merkt gut, dass sie die Romantik der Binnenschiffahrt nie selbst erleben konnten. Sie ist nämlich immer noch vorhanden, es stören bloss die vielen Autobahnbrücken... Ich bin überzeugt, dass genau diese Form des Reisens und Geniessens eine grosse Zukunft hat, besonders in Europa, dem Kontinent der Flüsse und Kanäle.
jogyi, 06.09.2011
4. Unterweser
Zitat von UrsprungIn dem engen Kanal Unterweser immer hin und her zu schippern ist eine ziemlich oede Aufgabe. Deshalb verschafft sich der Eigner wohl mit diesem Trick wenigstens Abwechslung durch mal andere Gesichter an Bord. Ratten in den Gulliklappen und Industriebrachen Hafengelaende moegen ein Kontrastprogramm fuer Buerohocker sein. 4 Tage lang koennte man Erbaulicheres machen.
Der enge Kanal Unterweser ? Wissen Sie eigentlich wovon Sie reden ? Die Unterweser gehört zu den breitesten, natürlich Hochseeschifftauglichen, Flüssen Europas. Im Übrigen hat das langsame Reisen, denke ich, grade im dichtbesiedelten Mitteleuropa Zukunft. Entschleunigung ist grade im Urlaub angesagt, deswegen gibt es immer mehr Menschen die beispielsweise auf einen Containerschiff eine Passage nach Nordamerika oder Südostasien buchen.
achwas53 06.09.2011
5. Die
Zitat von denkmal!Ja, zum Beispiel auf der Autobahn für ein Wochenende in den Tirol rasen, nach London jetten, oder Kopenhagen hetzen. Man merkt gut, dass sie die Romantik der Binnenschiffahrt nie selbst erleben konnten. Sie ist nämlich immer noch vorhanden, es stören bloss die vielen Autobahnbrücken... Ich bin überzeugt, dass genau diese Form des Reisens und Geniessens eine grosse Zukunft hat, besonders in Europa, dem Kontinent der Flüsse und Kanäle.
Romantik auf Binnenschiffen hat es nie gegeben und wird es auch in Zukunft nicht geben. Das ist knallharte Arbeit. Schlafen sie mal neben einem Langsamläufer nur durch dünne Stahlplatten getrennt,dann ist aber Schluß mit Ihrer Romantik!! Sage das aus eigener Erfahrung,hab auf der MS Wertheim und auf dem Rhenus Koppelverband 238 geschafft.
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