Reisebuchautorin Carmen Rohrbach Süchtig nach Ferne

Sie ist Deutschlands produktivste Reisebuchautorin und seit 35 Jahren allein unterwegs. Schon in ihrer Kindheit in der DDR will Carmen Rohrbach nur eins: entdecken. So wie die Bloggerinnen von heute - und doch ganz anders.

Peter von Felbert

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Es ist einer der letzten warmen Tage am Ammersee. Nur noch wenige Ausflügler verirren sich in das Café am Westufer, eine Bahnstunde entfernt vom Münchner Hauptbahnhof.

Carmen Rohrbach schneidet die Pelle ihrer Weißwurst auf. Zwar wohnt sie nur zehn Minuten entfernt, doch wenn sie Besuch hat, lässt sie sich hier nieder. Rumsitzen und das glitzernde Wasser genießen? Ist sonst nicht so ihr Ding. Rohrbach ist Deutschlands produktivste Reisebuchautorin.

In zwei Tagen bricht sie wieder auf, diesmal zum Wandern in die Sierra Nevada in Andalusien. Von dort will sie eine Geschichte für ihr nächstes Buch mitbringen, ihr 13. "15 Kilogramm wird der Rucksack wiegen, mit Zelt und Kocher", sagt Rohrbach.

Sie ist circa 1,50 Meter groß, zierlich, hat ein rundes Gesicht, ein mädchenhaftes Lachen. Und sie ist 67 Jahre alt. Doch darüber würde sie am liebsten nicht reden. "Wenn ich mal alt bin, dann...", so beginnen manche ihrer Sätze - dann lacht sie - und viele mit: "Als ich ein Kind war...".

"A-ta-ca-ma! Feuer-land! A-ma-zon-nas" - sie betont die Silben - diese Wörter hätten bei ihr als Kind Fernweh geweckt. "Schon damals wusste ich", sagt sie, "dass Beruf und Leben mal eine Einheit sein sollen." Reisen, Forschen und Entdecken sollten dabei ein große Rolle spielen.

Ihre Lieblingslektüre sind die Berichte von Sven Hedin aus Zentralasien, Freya Stark aus dem Jemen oder Alexandra David-Néel aus Tibet. Damals entsteht ihre "innere Reiseliste", Orte, die sie in ihrem Leben sehen will und die etwas Mystisches für sie haben. "Wenn Columbus mir nicht zuvorgekommen wäre, hätte ich gerne einen Kontinent entdeckt", sagt sie und lacht.

Suche nach dem Authentischen

Dass sie im sächsischen Freiberg und Dresden aufwächst und in der DDR ihre Träume kaum verwirklichen kann, verdrängt Rohrbach zunächst. Sie wird Diplom-Biologin und will zumindest gerne in den sozialistischen Brüderländern wie Mongolei oder Kuba forschen. Doch sie darf nicht. Rohrbach hat Verwandte im Westen.

"Da blieb mir nichts anderes übrig, als zu flüchten." Der Versuch, mit einem Freund und einem Schlauchboot über die Ostsee zu gelangen, scheitert. Sie kommt in Haft, wird nach zwei Jahren Gefängnis vom Westen freigekauft und kann endlich mit dem Entdecken der Welt beginnen. Seit 1976 ist München Rohrbachs Wahlheimat.

Mit dem unbedingten Willen, der sie zur Flucht bewegte, zieht sie ihre Projekte auf ihre Art durch. Allein. Und immer auf der Suche nach dem Authentischen, dem Unberührten, in der Natur wie bei den Menschen. "Meine Reisen sind immer anstrengend", sagt sie. "Es gibt viel zu tragen und wenig zu essen. Ich laufe querfeldein und weiß oft nicht, wo ich übernachten werde." Normaler Urlaub? Ist seit ihrer Kindheit für sie tabu - zu langweilig.

Zunächst Galapagos: Ein Jahr lang lebt sie 1980 auf einer kleinen Steininsel, forscht über Meerechsen und verfasst darüber ihr erstes Buch. Zehn Jahre sollte es dauern, bis sie einen Verlag dafür gefunden hatte. Rohrbach lernt Arabisch und zieht mit einem Kamel drei Monate über die Karawanenwege von Jemen. Über das Wandern auf dem Jakobsweg schreibt sie schon Jahre vor Hape Kerkeling. Patagonien, die Anden, der Nil, die Mongolei sind die Ziele ihrer Traumliste, die sie nun bereisen kann.

Rohrbach sucht auch in der Nähe das Abenteuer. Für ihr aktuelles Buch "Am blauen Fluss" radelte und wanderte sie insgesamt drei Monate an der Donau entlang. Von Deutschland und Österreich - "ich war überrascht, wie wenig Natur da noch übrig ist" - über Ungarn - "da habe ich wieder die erste Lerche gehört" - und Kroatien - "alles da, was das Biologenherz begehrt" - bis Bulgarien und Rumänien.

"Ich will meine Träume auch umsetzen"

Wenn sie über ihre Erlebnisse schreibt, dann nicht selbstbespiegelnd wie Andreas Altmann. Oder literarisch wie Wolfgang Büscher. Rohrbach berichtet und ordnet ein. "Wenn ich unterwegs bin, sauge ich Wissen und Eindrücke auf", sagt sie, "all das gebe ich dann an meine Leser weiter." Damit wurde sie eine der erfolgreichsten Reiseschriftstellerinnen Deutschlands.

In ihrer Kompromisslosigkeit, ihren Lebensstil zu verwirklichen, ist sie auch eine Wegbereiterin der Reisebloggerinnen. "Lebe Deinen Traum" ist das Motto der jungen Frauen, die Blogs schreiben, um zu reisen - und schon immer das von Carmen Rohrbach: "Ich will nicht nur träumen, sondern meine Träume auch umsetzen", sagt sie und: "Reisen und Schreiben gehört für mich zusammen."

Frau Rohrbach, warum reisen Sie alleine?
Wenn ich allein unterwegs bin, komme ich an Menschen und Natur näher heran. Auch kann ich Unannehmlichkeiten wie Hunger, Kälte und Anstrengung leichter ertragen, wenn keiner dabei ist. Ich merke außerdem, dass ich dann vorsichtiger bin - meine Sinne sind wacher.

Wie bereiten Sie sich auf Ihre monatelangen Wander- oder Radtouren vor?
Bisher habe ich nicht bemerkt, dass sich meine Kondition verändert, auch wenn ich lange an einem Buch geschrieben habe und deshalb nicht viel Bewegung hatte. Vor meiner Donau-Reise hatte ich noch nie eine Radtour gemacht – dafür aber habe ich weite Wanderungen unternommen und war viel in den Bergen.

Reisen alleine als Frau - haben Sie nicht manchmal Angst?
Angst gehört dazu - sie ist hilfreich und ein wichtiges Warnsignal. Vor jeder Reise überlege ich, welche Risiken bestehen und wie ich Gefahren vorbeugen kann. In Kroatien zum Beispiel soll es noch Minen aus dem Bürgerkrieg geben. Dort bin ich dann nicht wie sonst querfeldein gegangen. Aber: Passieren kann dennoch immer etwas, aber die Konsequenz wäre, sich gar nicht erst auf den Weg zu machen.

Fühlen Sie sich nicht manchmal einsam?
Nein, schon als Kind war ich im Wald am glücklichsten, wenn keiner da war - so später auch in der Wüste. Sonnenuntergänge in der Natur oder die Weite der Wüste will ich für mich allein haben. Aber allein in einer fremden Stadt, da hat mich mitunter schon öfters ein Gefühl von Einsamkeit überfallen.

Bloggerinnen lassen sich sponsorn - wie finanzieren Sie Ihr Reiseleben?
Nach Sponsoren zu suchen, das wäre nicht meins. Ich will meine Aktivitäten selbst steuern und mich frei entscheiden können. Allerdings hat es zehn Jahre gedauert, bis ich nach dem einjährigen Aufenthalt auf Galapagos, einen Verlag für das Buch "Inseln aus Feuer und Meer" gefunden hatte. Heute kann ich von meinen Büchern und Vorträgen leben und meine Reisen finanzieren.

Was ist Abenteuer für Sie?
Ich suche auf Reisen das Ursprüngliche, das Authentische - das ist es, was ich unter Abenteuer verstehe, nicht Lebensgefahr. Ich denke, in mir ist ein Entdecker-Gen, ich will suchen, finden, entdecken und beobachten: Tiere und Menschen, die noch natürlich leben, Flüsse, die noch natürlich fließen. Dafür nehme ich auch gern Entbehrungen in Kauf.

Suchen Sie unterwegs nach Glück?
Glück passt nicht zum Leben, denn Leben ist Veränderung, jede Sekunde ist anders - Glück dagegen ist Stillstand, ist Ruhe. Glück - dann hat man alles, was soll man sich noch erträumen? Ich habe mir nie das Glück gewünscht, allerdings habe ich glückliche Momente - zum Beispiel als ich nach der fünfmonatigen Radtour am Schwarzen Meer angekommen war und es genießen konnte, etwas geschafft zu haben. Ich wollte nie ein leichtes Leben haben, sondern Herausforderungen, Widerstände, die sind für mich wichtig.

Wie lässt sich Reisen mit Beziehung und Familie vereinbaren?
Eine Familie, das geht nicht bei meinem Lebensstil. Eine Beziehung hätte ich aber gerne. Früher habe ich mir das als Arbeitsgemeinschaft vorgestellt, einer schreibt, einer fotografiert oder filmt. Aber das hat sich bisher nicht ergeben.

"Was macht Dich glücklich", "Tipps zum Selbstschutz auf Reisen" oder "How to Solo Travel the World Fearlessly", das sind Themen, die Bloggerinnen weltweit beschäftigen - Rohrbach in ihren Büchern kaum. "Ich bin mir nicht so wichtig", sagt sie (siehe Fotostrecke). Die zierliche Frau braucht auch kein Smartphone: "Wenn ich Probleme habe, frage ich die Menschen vor Ort." Nur wenn sie auf Lesereise ist, schaltet sie mal ihr Handy ein. Status-Updates auf Facebook? Nicht ihre Welt. Eine unbändige Neugier auf die Welt? Allemal.

Carmen Rohrbach, in hellblauem Pullover und dunkler Hose, schlendert am Ufer des Ammersees entlang. Bis in den Oktober hinein schwimmt sie hier weit hinaus, frühmorgens, wenn sonst niemand zu sehen ist.

Die 67-Jährige hatte vor ihrer Donauradtour noch nie einen längeren Radausflug gemacht. Egal. "Ich merke das Alter nicht", sagt sie. Sie ist zwar viel in den Bergen, aber für ihre Expeditionen trainiere sie nicht extra. Auch nicht für ihre Reise nach Andalusien. Später mailt sie, dass dort im Nationalpark wildes Zelten nicht erlaubt war und sie sich in eine Berghütte zurückzog. Von dort aus wanderte sie durch tiefe Täler, über Hochebenen und schroffe Berggipfel.

Steinböcke und Mufflons konnte sie beobachten, Adler, Bart- und Gänsegeier und Wildschweine mit Frischlingen. "Jeden Abend schnürte ein Fuchs über meine Terrasse", schreibt sie. Und dann stand sie an der Quelle des Guadalquivirs. Auf dem Fluss ist Columbus aufs Meer in Richtung Amerika gestartet. Einer jener Entdecker, die Carmen Rohrbach seit ihrer Kindheit von der Ferne träumen lassen.

Carmen Rohrbach: "Am blauen Fluss". Malik; 288 Seiten; 19,99 Euro.

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insgesamt 4 Beiträge
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floorballer 12.11.2015
1. Berichte zum Träumen
Ich lese die Bücher von Frau Rohrbach sehr gerne. Ich kann nur das Buch "Im Reich der Königin von Saba" empfehlen. Ist zwar nicht in der aktuellen Konfliktlage entstanden, gibt aber doch sehr gute Einblicke in ein Land, welches man sonst nur in Verbindung mit Krieg und Anschlägen bringt. Auch das Buch "Inseln aus Feuer und Meer" ist sehr lesenswert. Den Mut zu haben, im Alter von 34(?) Jahren festzustellen, dass das was man studiert hat doch nicht das richtige ist, und etwas zu suchen, was einen mehr erfüllt, gebührt grosser Respekt. Und daher kann ich ihre Aussage gut nachvollziehen, das eine Beziehung / Familie nicht funktioniert hätte. Da ich selbst Familie habe, kann ich meinen Job, welcher mich nicht wirklich erfüllt, nicht einfach kündigen und mich ausprobieren. Dafür stehen aber noch die Bücher "Jakobsweg", "Botschaften im Sand" und "Himmel über den Anden" im Schrank und warten darauf mich in fremde Welten zu entführen. Bitte weiter schreiben und immer neugierig bleiben.
womo88 13.11.2015
2. Klasse Frau!
Kompliment und Respekt!
herr wal 13.11.2015
3.
Frau Rohrbach kannte ich bisher noch nicht, nur die Odette de Puigaudeau. Das war auch so eine.
cajunman 17.11.2015
4. Glueck ?
Toller Artikel, hatte noch nie etwas von Frau Rohrbach gehoert werde mir aber nun was von ihr zum Lesen bestellen. Nur in einem wuerde ich ihr widersprechen. Glueck ist Stillstand und Ruhe ? Das kommt auf die Person an. Glueck fuer mich ist wenn ich mich genau da aufhalte wo ich sein will und genau das tue was mir Spass macht. In Bolivien in einem Bus zu sitzen, mit einem Segelboot durch die Karibik zu segeln, in Indien an einer Kumbh Mela teilzunehmen - diese Dinge wuerde ich als Glueck bezeichnen. Und dann auch noch in der Lage zu sein, damit seinen Unterhalt zu verdienen - das ist schon mehr als Glueck. Wuensche weiterhin gute Reise(n) !
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