Reiseführer "Erneuerbare Energien": Deutschland, deine Windräder

Von Ariane Stürmer

Solarfähren, Biogasanlagen und Windparks: Die Ausflugsziele, die ein neuer Baedeker-Führer für Deutschland auflistet, sind ungewöhnlich und hochbrisant. Der Autor Martin Frey nimmt seine Leser mit auf eine Reise durch ein Land von Opportunisten, Visionären - und Gegnern.

Baedeker-Führer: Ausflugsziele fürs Öko-Gewissen Fotos
Mairdumont

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Martin Frey sieht die Welt mit anderen Augen. Wenn der 40-Jährige im Schatten eines Cafés sitzt und die kleinen Solarzellen bestaunt, die das gesamte Dach überziehen, dann findet er das "einfach schön". Und wenn er von den Sonnenkollektoren auf dem Dach seines Mainzer Hauses erzählt, dann fällt auch mal das Wort "romantisch".

Denn das ist die Sonnenenergie in den Augen des studierten Geografen und Fachjournalisten im Vergleich zu allen anderen erneuerbaren Energien. Sie ist still, einfach, funktioniert ohne gigantische Bauwerke, wie sie Windkraft und Geothermie fordern, und ist an jedem Ort der Welt zu haben. Nur einen Haken hat sie: Die Sonnenkollektoren sind noch verhältnismäßig teuer. Genau das muss sich ändern, fordert Frey. Am besten sofort. Und auch gleich für alle anderen regenerativen Energien.

Damit möglichst viele Menschen möglichst schnell umdenken und ihren Strom aus alternativen Energien beziehen, hat Frey jetzt einen Reiseführer geschrieben: "Deutschland - erneuerbare Energien entdecken" heißt der kleine Baedeker. Die Idee sei bereits vor sechs Jahren entstanden, sagt Frey. Seither hat der Fachjournalist Notizen über rund 160 Orte und Projekte in der ganzen Bundesrepublik gesammelt. Sinn des Reiseführers sei es, die Menschen auf die unterschiedlichen Möglichkeiten abseits von Atomstrom und fossilen Rohstoffen aufmerksam zu machen.

Touren zu Erlebnisparks und Cafés mit Sonnenkollektoren

Gemeinsam mit der Agentur für Erneuerbare Energien in Berlin ist eine Sammlung von Orten entstanden, an denen Windkraft und Co. eine besondere Rolle spielen. Die Zusammenarbeit ist nicht ganz unproblematisch. Denn die Agentur hat von ihren Partnern den klaren Auftrag, Werbung für die Erneuerbare zu machen. Manches Projekt hätte es vielleicht nicht in den Reiseführer geschafft, würde es die Agentur nicht zahlfreudig unterstützen.

Dennoch ist der neue Baedeker nur teilweise zur Werbebroschüre mutiert. Sieben Routenvorschläge in ganz Deutschland gibt es, aber auch individuelle Touren sind möglich - zu Erlebnisparks, Superlativen alternativer Energien und zu Hotels mit Windrädern und Cafés mit Sonnenkollektoren auf dem Dach.

Denn davon gibt es in Deutschland deutlich mehr, als man zunächst glauben möchte - auch wenn das Land noch längst nicht alle Kapazitäten nutzt, die es hat. Und so fordert Frey den Ausstieg aus der Atomenergie und den Umstieg auf die Regenerativen. Überhaupt: "Die erneuerbaren Energien sind doch die größte Chance für unsere Gesellschaft", sagt Frey. "280 Euro gibt eine dreiköpfige Familie im Schnitt monatlich für Strom aus. Das Geld fließt meist in andere Länder. Wenn wir es schaffen, dass diese Gelder hier im Land bleiben, dann ist das doch ein riesiges Potential."

Für Frey ist die aktuelle Diskussion um den Atomausstieg unerheblich, solange keine Taten folgen. Die Politik müsse handeln, die Wirtschaft folgen. Letztlich sei die Energiefrage "die größte nationale Aufgabe" im Interesse der Menschen. Und so ist der kleine Baedeker nicht nur Reiseführer, sondern auch Politikum. Frey nimmt seine Leser mit auf eine Reise durch ein Land von Opportunisten, Visionären - und Gegnern. Beispiel Wolfhagen in Hessen: Die kleine Stadt will bis 2015 komplett auf regenerative Energien aus Eigenproduktion umsteigen.

Protest gegen Windradpläne

Martin Rühl, Geschäftsführer der Stadtwerke, sieht das vom Bundesforschungsministerium ausgezeichnete Projekt auf gutem Weg. In ein paar Jahren sollen Windräder den Großteil des Stroms liefern. Derzeit läuft das Genehmigungsverfahren für den Bau der fünf 200-Meter-Kolosse. Sie werden das Landschaftsbild rund um den Ort verändern. Dafür wäre Wolfhagen dann zusammen mit Photovoltaik und Biomasse-Anlage energetisch autark.

Alles schön und gut, sagen viele Bürger, und laufen Sturm gegen die Pläne. Eine Bürgerinitiative wehrt sich gegen die "Windkraft in unseren Wäldern", der Nabu sieht die Existenz des Rotmilans gefährdet, wenn ein Teil des Waldes um Wolfhagen den Windrädern weichen muss.

In viele Städten aber sind es nicht die großen, kilometerweit sichtbaren Veränderungen, an denen erneuerbare Energien eine Rolle spielen. Es sind die unscheinbaren kleinen Projekte, die nicht sofort ins Auge stechen und einen Reiseführer zum Thema rechtfertigen. Da sind zum Beispiel die mit Solarenergie betriebenen Boote, auf denen Touristen durch das Berliner Regierungsviertel oder den Hamburger Hafen schippern.

Wenn man Martin Frey von seiner Fahrt mit der Berliner "Solon" erzählen hört, könnte man meinen, die Hauptstadt sei ein Naturparadies: "Es gibt kein Wummern und keinen Dieselgestank. Man hört das Wasser am Bug entlang plätschern und die Menschen winken, wenn man an ihnen vorbeifährt." Völkerverständigung auf Elektromotorbasis.

Für den "ökologisch bewusst Reisenden" empfiehlt Frey übrigens entsprechende Hotels. In Freiburg etwa duscht man im "Victoria" mit Wasser, das die Mischbatterie aus sonnenerhitztem und kaltem Grundwasser zusammenmengt. Hoteldirektor Bertram Späth ist seit den achtziger Jahren Atomkraftgegner. Seit einigen Jahren sonnen sich seine Gäste daher auf dem begrünten Dachgarten, während neben ihnen Solarzellen die Sonnenenergie einfangen und vier kleine Windräder auf dem Dachfirst für Strom sorgen.

Durch die rosaroten Ökoenergie-Brille

Martin Frey sieht die Welt mit anderen Augen. Und manchmal auch durch eine geradezu rosarote Ökoenergie-Brille. Etwa, wenn er vom Solarzellen-bedeckten Carport des Golfparks im oberschwäbischen Bad Saulgau schwärmt, dass Sportler dort "schon beim Parken umweltfreundliche Energieerzeugung erleben" könnten. Und "eine der markantesten Solarstromanlagen Deutschlands" ist in den Augen Freys für die durchaus umstrittene Architektur des Berliner Hauptbahnhofs gar eine Zierde.

Der sporadische Superlativ-Überschwang mag den Interessen der "Agentur für Erneuerbare Energien" geschuldet oder schlicht die private Überzeugung des Autors sein. Letztlich aber hätte der Verlag keinen besseren Zeitpunkt abpassen können, um mit seinem ungewöhnlichen Reiseführer auf den Markt zu kommen. Kaum ein Tag, an dem nicht der Ausstieg vom Ausstieg die bundesrepublikanischen Gemüter bewegt. Die Energieversorgung ist politisch und gesellschaftlich erneut zum hochbrisanten Thema geworden.

Doch für die meisten Bürger ist der Inhalt der Diskussion kaum mehr als Theorie. Dabei lässt sich die Praxis ganz einfach begreifen: etwa, wenn der Hamburger Nordwind einmal mehr die Hafenbesucher davonzuwehen droht - und einige von ihnen just dann an ihren Besuch der Windenergieanlage auf der ehemaligen Mülldeponie von Georgswerder denken.

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insgesamt 32 Beiträge
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1. keine schlechte Idee
janne2109 13.05.2011
besser wäre wenn jede Stadt für sich selbst eine Seite über erneuerbare Energien in ihrem Websiteauftritt integrieren würde.
2. 280 Euro im Monat für Strom?
Steffen Kleinlich 13.05.2011
also dass eine Familie 280 Euro im Monat für Strom ausgibt ist ziemlich sicher falsch, vielleit ist "für Energie" gemeint? etwas mehr Korrektheit tut immer gut...
3. Es ist doch ungeheur interessant,
kornfehlt 13.05.2011
die Technikruinen der nächsten Jahre heute in Betrieb zu bestaunen. Lange gibt es das nicht mehr!
4. ===
Originalaufnahme 13.05.2011
Zitat von sysopSolarfähren, Biogasanlagen und Windparks: Die Ausflugsziele, die ein neuer Baedeker-Führer für Deutschland auflistet, sind ungewöhnlich*und hochbrisant. Der Autor Martin Frey nimmt seine Leser mit auf eine Reise durch ein Land von Opportunisten, Visionären - und Gegnern. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,762257,00.html
Wie sieht wohl die naechste Auflage des Baedekers fuer Japan aus?
5. Reieseführer
gersab 13.05.2011
Durch die Landschaft fahrend betrüben mich die die Natur zerstörenden Windräder.Das sind keine Empfehlungen für den Wanderer und für den Naturschutz auch nicht.
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