Deutschland-Tipp Pferderennen: Zehn auf Sieg!

Von , Köln

Wer gestresst ist, sollte nicht auf Urlaub warten: Manchmal reicht schon ein klarer Bruch im Alltag, um den Kopf freizubekommen. Zum Beispiel beim Pferderennen, einer der ältesten Publikumssportarten überhaupt. Ein Spaß mit Volksfestcharakter - und akut bedroht.

Ein Tag in Weidenpesch: Volksfest Galopprennen Fotos
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Die Galopprennbahn Weidenpesch liegt in einem Teil von Köln, den man im hiesigen Idiom vielleicht mit "so rischtisch schön is dat nisch" beschreiben könnte. Für die Rennbahn gilt das aber definitiv nicht. An großen Renntagen ist sie Anziehungspunkt für bis zu 15.000 Besucher - und längst nicht alle kommen, weil sie die Wettlust lockt: Die traditionsreiche Rennsportanlage mit ihren teils über hundert Jahre alten Gebäuden ist in vielerlei Hinsicht ein Highlight unter den Freizeitangeboten der Domstadt.

Gerade einmal 14 Renntage gibt es in Köln in diesem Jahr, dazwischen wird die Rennanlage immer wieder Schauplatz für Märkte und Veranstaltungen anderer Art. Reizvoll ist das, weil man sich in einem gänzlich ungewohnten Ambiente bewegt. 55 Hektar groß ist die Anlage in Köln, erlaufen kann man sich als Besucher davon jedoch nur knapp ein Sechstel.

Was bekommt man zu sehen? Der Kern der Anlage wurde ab 1897 erbaut, und das sieht man auch. Die alte Gastronomie zeigt schönstes Fachwerk, in Köln nicht gerade ein alltägliches Bild. Und die aus Stahlträgern und Holz erbauten Tribünen mögen zwar Zweckbauten sein, kommen aber verspielt daher: "Viktorianisch" würde man die Schwünge der Träger in England nennen. An Renntagen sitzt man gern draußen, es herrscht Volksfestatmosphäre mit allem, was dazu gehört - oft bis zur Hüpfburg für die Kleinen.

So ein Renntag hat einen eigentümlichen Takt, der von den Wettkämpfen gesetzt wird. Es ist ein Auf und Ab, ein Hin und Her: Zu den Rennen, die von Startvorbereitung bis Finish-Foto jeweils nur rund drei, vier Minuten dauern, strömen die Massen an den Rand der Rennbahn und auf die Tribünen. In den Pausen dazwischen, die jeweils rund 30 Minuten dauern, geht es wieder zurück - außer für die, die auf den weiten Wiesen vor dem Renn-Rund ihre Picknicks veranstalten.

Rennen sind ein Happening, keine steife Veranstaltung

Denn Rennen in Deutschland sind keine elitäre Angelegenheit. Am Rand der Bahnen treffen Menschen verschiedenster Couleur aufeinander: junge Familien mit kleinen Kindern, die sich eine Picknickdecke mitgebracht haben, Rentner, die schon seit 40 Jahren kommen, und Reiche, die das auch mit entsprechendem Ornat zeigen wollen. Die einen versorgen sich dann am Imbissstand mit Bratwurst oder Spießbraten, die anderen zieht es in die etwas gehobenere Gastronomie mit ihrem Buffet zum Festpreis. Die meisten großen Rennvereine haben da eine ausreichende Spanne zu bieten - in Köln reicht sie vom Weinchen im Hippodrom bis zum Kölsch am Wagen.

So kann man auch nicht sagen, dass "A Day at the Races" grundsätzlich ein teurer Spaß wäre. Es kommt darauf an, wie man sich den gestaltet. Nicht unterschätzen sollte man aber den Zug des Wettfiebers: Wohl dem, der weiß, dass der Adrenalinkick beim Rennen nicht von der gesetzten Summe abhängig ist - man fiebert mit, egal ob 1 oder 10 oder 100 Euro auf dem Spiel stehen. Von Queen Elisabeth II. heißt es, dass sie oftmals gern auch ein Pfund setze - was wörtlich gemeint ist. Es geht also auch preiswert, wenn man seine Pferde im Zaum hält.

Der Eintritt auf deutsche Rennbahnen ist meist pragmatisch, in Köln liegt er bei 6 Euro pro Person, Familien zahlen dort pauschal 10 Euro. Wer sich eine der kleinen, einfachen Logen auf der großen Tribüne sichern will, zahlt einen Aufpreis von gerade einmal 3 Euro pro Kopf. Wetten kann man ab 50 Cent platzieren, theoretisch aber auch für mehrere tausend Euro. Je nachdem, wie man da gestrickt oder aufgestellt ist, erlebt man also ein preiswertes Volksfest mit Bierbuden und Würstchenstand oder ein High-Society-Event mit entsprechender Preismarge.

Deutschlands Rennbahnen sind in ihrem Bestand bedroht

Es ist ein traditionsreicher, aber bedrohter Freizeitspaß. In Deutschland ist der Renn- und Wettbetrieb streng reglementiert. Die Rennvereine schütten 70 Prozent ihrer Einnahmen wieder an die Wetter aus, der Rest fließt in den Betrieb und die nötigen Preisgelder. Das aber ist kein Riesengeschäft: Die 25 im Verband German Racing zusammengeschlossenen deutschen Galopprennbahnen, auf denen es noch einen regulären Rennbetrieb gibt, setzen zusammen im Jahr noch nicht einmal 40 Millionen Euro um - rund 1,6 Millionen Euro pro Rennbahn. Das wäre als Umsatz für die meisten mittelständischen Betriebe zu wenig, um zu überleben, und reicht bei den Rennbahnen noch nicht einmal, um die Summe für Preisgelder und Wetter aufzubringen - die gemeinnützigen Rennvereine hängen heute am Tropf von Sponsoren.

Schuld daran hat das Internet. Obwohl der gemeine Bundesbürger immer häufiger und höher zockt und wettet, sanken die Einnahmen der Rennvereine von 2000 bis 2010 um satte 60 Prozent. Denn gesetzt wird heute am liebsten im Web, ohne dafür Steuern zu zahlen - ein profitables, wenn auch illegales Geschäft, das an den eigentlichen Veranstaltern komplett vorbeigeht: An den Web-Wetten verdienen nur windige Buchmacher. Für so einige Rennvereine bedeutete das bereits das Aus. Nur auf 25 der 47 Galoppanlagen in Deutschland finden noch regelmäßig Rennen statt und auf 10 der 14 Trabrennanlagen. Nicht alle sind so gut in Schuss und populär wie Weidenpesch.

Wer einmal einen sonnigen, gut besuchten Renntag erlebt hat, wird diesen drohenden Niedergang traurig finden. Selbst wenn man nicht wettet, sind die Anlagen Ausflugsziele mit ganz eigenem Flair und Reizen, an denen man sich kaum sattsehen mag.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. nostalgische
esnike 07.06.2012
Gefühle beschleichen mich, der ich schon lange im fernen Ausland lebe, bei den Gedanken an meine juvenilen Besuche auf der Galopprennbahn Gelsenkirchen Horst (geschlossen), wo der klassische Aral Pokal ausgeritten wurde. Oder auf der wunderbaren Anlage des sterbenden rennvereins auf dem Mülheimer Raffelberg. Auf Sponsoren waren die Rennvereine übrigens schon angewiesen, als es das Wort im deutschen Sprachschatz noch nicht gab. Diese klassischen Galoppsponsoren, Banken, Handel, Industrie, sind heute mit ihren Werbeetats lieber im Internet unterwegs. Beispielsweise bei Spiegel Online. Und dort präsentieren sich die Schreiberlinge mit einer Träne im Knopfloch wegen der sterbenden Galopprennbahnen. Irgendwie verlogen, irgendwie tragikomisch.....
2. optional
renee gelduin 08.06.2012
Na der Absatz ging ordentlich in die Hose. 1.) Web-wetten sind mitnichten illegal. Der GlüStV und die derzeitige sowie nahezu alle geplanten künftigen Verträge/ Vorlagen sind es so der EuGH. 2.) Windige Buchmacher" wie die mit SH- sowie anderen europäischen Lizenzen ausgestatteten Buchmacher? Vielleicht haben es die Rennbahnbetreiber einfach (noch?) nicht geschafft sich dem stark wachsenden aber auch bereits bestehenden Kundeninteresse zu öffnen.
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