Berliner Fernsehturm: Sternenhimmel im Telespargel

Kaffeefarbene Uniformen, rote Sofas und Klassiker von der ostdeutschen Speisekarte: Der Besucherbereich des Berliner Fernsehturms am Alexanderplatz wurde für über 1,5 Millionen Euro modernisiert - und wird kurz vor den Osterfeiertagen eröffnet.

Berliner Fernsehturm: Retro-Design fürs Wahrzeichen Fotos
DPA

Berlin - Knallrote Sofas und eine Decke glitzernd wie der Sternenhimmel erwarten ab sofort die Gäste des Berliner Fernsehturms am Alexanderplatz. Der gesamte Besucherbereich mit Eingang, Aussichtsplattform und Restaurant wurden im Frühjahr umgebaut und sind pünktlich zum Osterfest fertig. "Die Stadt entwickelt sich, und der Turm muss mithalten", sagte die Geschäftsführerin der Betreibergesellschaft TV Turm Alexanderplatz Gastronomie, Christina Aue, mit Blick auf die 1,5 Millionen Euro teure Neugestaltung.

Um dem ursprünglichen Charakter des 1969 zum 20. Gründungstag der Deutschen Demokratischen Republik eröffneten Turms gerecht zu werden, hielt sich die Geschäftsleitung eng an die historischen Vorgaben. Zuletzt wurde das 368 Meter hohe Gebäude vor 16 Jahren saniert, nun wurden die einst dominierenden Beige- und Goldtöne im modernisierten Design wieder aufgenommen. "Früher war der Turm sehr warm gestaltet, dahin wollten wir zurück", erklärte Aue das Ziel.

Das beginnt schon im neu vertäfelten Foyer: Dort wurde hellgrauer Teppich über die nackten Steinplatten gelegt, um das Stimmengewirr etwas zu dämpfen. Zudem erleichtern künftig rote Ledersitzbänke den jährlich gut 1,2 Millionen Besuchern die Wartezeit, die Sanitäranlagen wurden komplett überholt, und wo vorher die Sicherheitskontrolle stattfand, ermöglicht bald ein Tresen die Bewirtung mit Kuchen und Getränken.

Bei der Gelegenheit wurden dann auch gleich der Souvenirladen im zweistöckigen Eingangsbereich vergrößert und aus den geschlossenen Kassenhäuschen offene Schalter gemacht. Hinter dem Übergang zum Turm sorgt ferner eine stärkere Klimaanlage für Frischluft in der fensterlosen Rotunde vor den Aufzügen. "Der Sauerstoffmangel war gerade im Sommer bei hohen Temperaturen problematisch", erinnert sich ein Mitarbeiter.

Wer nach 40-sekündiger Aufzugfahrt die Aussichtsplattform in 203 Metern Höhe erreicht, erblickt auch dort Änderungen: Der schwarze Boden und die graue Wand sind freundlicheren Tönen gewichen, die Etage ist nun in Goldgelb gehalten. Vier Meter darüber wartet das Restaurant ebenfalls mit Änderungen auf. "Neben dem Sternenhimmel an der Decke soll ein Pianist das passende Ambiente für die Gäste schaffen", sagte Aue. Ein bis zwei Mal pro Stunde wird jeder Tisch auf der rotierenden Plattform am Künstler vorbeiziehen.

Die Rache des Papstes

Zu guter Letzt wurde auch noch das gastronomische Angebot überarbeitet. "Eine kleinere Karte mit mehr Qualität" verspricht Küchencef Alexander Busch, auch wenn sein Team wegen der Brandschutzvorschriften weiterhin keinen Grill und kein Speisefett verwenden darf. "200 Meter Höhenunterschied zur eigentlichen Produktionsküche im Erdgeschoss sind ein Ausschlusskriterium für echte Gourmetküche", räumt denn auch Geschäftsführerin Aue ein. Dafür gibt es Klassiker: "Das für den Osten Deutschlands typische Ragout fin und Steak au four stehen bei uns auf der Karte."

Ähnlich wie so manches Gericht ist auch der Turm ein Relikt der DDR. Zehn Jahre planten Architekten und Ingenieure das Bauwerk, mehrmals wurde sein Standort verschoben. In 53 Monaten zogen die Arbeiter schließlich den Turm hoch. Der Bau verschlang mindestens 200 Millionen DDR-Mark, rund sechsmal mehr als die ursprünglich geplanten Kosten.

Doch das störte die SED-Oberen nicht. Ihnen war wichtiger, dass der Turm zum 20. Jahrestag des Arbeiter- und Bauernstaats fertig war, der vier Tage nach der Eröffnung, am 7. Oktober 1969, gefeiert wurde. Sogar einen Spitznamen hatten die Ideologen für den Turm parat: "Telespargel" sollte er genannt werden, ein Name, der nie Eingang in den Volksmund fand. Eher belachten die Berliner die "Rache des Papstes", ein strahlendes Lichtkreuz, das sich auf der Kugel bei Sonnenschein bildet und die kirchenfeindliche Führung zu verspotten schien.

Bis Anfang 2013 soll auch die Umgestaltung des Turmvorplatzes durch die Stadt abgeschlossen sein, hofft sie. Außerdem werde es eine neue Marketingkampagne geben, samt modernem Logo und Internet-Auftritt. Und die Mitarbeiter bekommen neue Berufskleidung, passend zum Interieur in Braun-, Beige- und Goldtönen. Nur eines bleibt beim Alten: Bungee-Sprünge vom höchsten Gebäude Deutschlands werden aus Sicherheitsgründen auch weiterhin verboten sein.

dkr/dapd/AFP

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1. "Rache des Pabstes" ist definitiv falsch.
Berlin142 03.04.2012
Zitat von sysopDPAKaffeefarbene Uniformen, rote Sofas und Klassiker von der ostdeutschen Speisekarte: Der Besucherbereich des Berliner Fernsehturms am Alexanderplatz wurde für über 1,5 Millionen Euro modernisiert - und wird kurz vor den Osterfeiertagen eröffnet. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,825523,00.html
Auf soetwas kann wohl nur kommen, wer sein Wissen aus Wikipedia und Co. zusamensucht. Ein Begriff wie "Rache des Pabstes" wäre allein schon wegen der Unaussprechlicheit nicht benutzt worden. Zudem spielte ein Paul VI. in der DDR eigentlich keine Rolle. Die richtige Bezeichnung im Volksmund war "Sankt Walter", hing aber tatsächlich mit dem Reflexionskreuz zusammen. Henselmann als Architekt soll sogar den Auftrag bekommen haben, das zu beseitigen - nur ging das halt nicht. Und deshalb hat man es dann gelassen. So verbohrt, wie manche aktuellen Zeitgenossen heute, war man eben doch nicht immer. Nicht einmal ein Ulbricht. JT
2. Soli
crocodil 03.04.2012
Zitat von Berlin142Auf soetwas kann wohl nur kommen, wer sein Wissen aus Wikipedia und Co. zusamensucht. Ein Begriff wie "Rache des Pabstes" wäre allein schon wegen der Unaussprechlicheit nicht benutzt worden. Zudem spielte ein Paul VI. in der DDR eigentlich keine Rolle. Die richtige Bezeichnung im Volksmund war "Sankt Walter", hing aber tatsächlich mit dem Reflexionskreuz zusammen. Henselmann als Architekt soll sogar den Auftrag bekommen haben, das zu beseitigen - nur ging das halt nicht. Und deshalb hat man es dann gelassen. So verbohrt, wie manche aktuellen Zeitgenossen heute, war man eben doch nicht immer. Nicht einmal ein Ulbricht. JT
na, da sieht man ja mal wieder, wie der SOLI verbraten wird. Für was ist der Turm eigentlich noch? Mit einem Sat-Empfänger und einer Schüssel bekommt man heute hunderte Programme. Anderes Erbgut aus der ehemaligen DDR wurden einfach abgerissen.
3.
Frietjoff 03.04.2012
Zitat von Berlin142Auf soetwas kann wohl nur kommen, wer sein Wissen aus Wikipedia und Co. zusamensucht. Ein Begriff wie "Rache des Pabstes" wäre allein schon wegen der Unaussprechlicheit nicht benutzt worden. Zudem spielte ein Paul VI. in der DDR eigentlich keine Rolle. Die richtige Bezeichnung im Volksmund war "Sankt Walter", hing aber tatsächlich mit dem Reflexionskreuz zusammen. Henselmann als Architekt soll sogar den Auftrag bekommen haben, das zu beseitigen - nur ging das halt nicht. Und deshalb hat man es dann gelassen. So verbohrt, wie manche aktuellen Zeitgenossen heute, war man eben doch nicht immer. Nicht einmal ein Ulbricht. JT
Richtig. Und zu meiner (Nach-Ulbricht-)Zeit hatte der Fernsehturm überhaupt keinen Spitznamen. Den kreuzförmigen Lichtreflex kannten wir alle gut. Auf die Idee, dass er irgendetwas mit dem Christentum zu tun haben und damit regimefeindlich interpretiert werden könnte, ist in meinem Normalo-DDR-Umfeld aber niemand gekommen. Überhaupt war es ja nun nicht so, dass christliche Kreuze im DDR-Alltag nicht vorkamen. Alle Kirchen waren damit dekoriert – incl. die vielen in Berlin-Mitte – und unsere christlichen Mitschülerinnen (die Jungs eher weniger) trugen sie offen an Halskettchen. Wenn das irgend jemanden gestört hat, hat er das i.a.R. für sich behalten. Während meiner gesamten Schulzeit passierte es ein einziges Mal, dass eine übereifriger Lehrerin eine abfällige Bemerkung über das Tragen von Kreuzen machte – und danach prompt zurück rudern musste, als sie auch von der großen irreligiösen Schülermehrheit wütende Proteste erntete. (Immerhin galt in der DDR offiziell Religionsfreiheit und darauf haben wir uns berufen.) Bevor jetzt das große Geschrei losgeht: Die DDR war eine unmenschliche Diktatur. Dessen ungeachtet wurden Christen zumindest in den 80er Jahren, die ich bewusst erlebt habe, nicht per se diskriminiert.¹ Sie wurden dann diskriminiert, wenn sie sich politisch auf eine Art und Weise engagiert haben, die den Diktatoren und ihren Bütteln missfiel. Sie wurden aber auch dann nicht stärker diskriminiert als irreligiöse Oppositionelle. Christen, die sich in der CDU und den anderen Blockparteien engagierten und dort die Propaganda der Nationalen Front nachäfften, konnten steile DDR-Karrieren machen, manchmal sogar schneller als über die SED. (Für Akademiker und andere Nichtmitglieder der Arbeiterklasse gab es strenge Aufnahmebeschränkungen.) _____________ ¹ In der Anfangszeit der DDR war das anders.
4. in echt???
esnike 03.04.2012
...oder hab ich mich da verlesen??? 12 Euronen Eintritt?? Ich hatte mal in den 80ern eine Freundin in Berlin (West), genauer:in Kreuzberg. Von der Wohnung aus hatte man immer einen hervorragenden Spargelblick. Nach dem Mauerfall bin ich dann mal hoch. Eintritt war (meiner Erinnerung nach) 4 Westmark. Und jetzt soll man 24 Westmark löhnen? Arme Arme in D!
5.
onkelbenz,derechte 03.04.2012
Zitat von FrietjoffRichtig. Und zu meiner (Nach-Ulbricht-)Zeit hatte der Fernsehturm überhaupt keinen Spitznamen. Den kreuzförmigen Lichtreflex kannten wir alle gut. Auf die Idee, dass er irgendetwas mit dem Christentum zu tun haben und damit regimefeindlich interpretiert werden könnte, ist in meinem Normalo-DDR-Umfeld aber niemand gekommen. Überhaupt war es ja nun nicht so, dass christliche Kreuze im DDR-Alltag nicht vorkamen. Alle Kirchen waren damit dekoriert – incl. die vielen in Berlin-Mitte – und unsere christlichen Mitschülerinnen (die Jungs eher weniger) trugen sie offen an Halskettchen. Wenn das irgend jemanden gestört hat, hat er das i.a.R. für sich behalten. Während meiner gesamten Schulzeit passierte es ein einziges Mal, dass eine übereifriger Lehrerin eine abfällige Bemerkung über das Tragen von Kreuzen machte – und danach prompt zurück rudern musste, als sie auch von der großen irreligiösen Schülermehrheit wütende Proteste erntete. (Immerhin galt in der DDR offiziell Religionsfreiheit und darauf haben wir uns berufen.) Bevor jetzt das große Geschrei losgeht: Die DDR war eine unmenschliche Diktatur. Dessen ungeachtet wurden Christen zumindest in den 80er Jahren, die ich bewusst erlebt habe, nicht per se diskriminiert.¹ Sie wurden dann diskriminiert, wenn sie sich politisch auf eine Art und Weise engagiert haben, die den Diktatoren und ihren Bütteln missfiel. Sie wurden aber auch dann nicht stärker diskriminiert als irreligiöse Oppositionelle. Christen, die sich in der CDU und den anderen Blockparteien engagierten und dort die Propaganda der Nationalen Front nachäfften, konnten steile DDR-Karrieren machen, manchmal sogar schneller als über die SED. (Für Akademiker und andere Nichtmitglieder der Arbeiterklasse gab es strenge Aufnahmebeschränkungen.) _____________ ¹ In der Anfangszeit der DDR war das anders.
Auf die Schelte mit dem Kreuz bei Sonneneinstrahlung sagte der Architekt: "Das ist kein Kreuz, das ist das Plus des Sozialismus." Was haben wir gelacht... Ich liebe und bewundere dieses Gebäude fast jeden Tag seit meiner Kindheit, seit 14 Jahren von meinem Sofa aus. "Er" ist unvergleichlich und gehört zur Stadt, wie kaum etwas anderes. Wer einmal hochfährt, sieht, wie endlich und verletzlich, eine Stadt und wohl die Welt sein kann.
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