Junge Winzer in Rheinhessen Schluss mit Fuselkater

Einst stand Rheinhessen für seelenlose Kopfschmerzweine. Junge Winzer machen das größte Weinanbaugebiet Deutschlands nun zum Trendziel für Genussmenschen.

Weingut Kühling-Gillot

Von Rainer Schäfer


Sebastian Bordthäuser turnt zwischen den Tischen umher, eine Magnumflasche links, eine rechts, und schenkt beidhändig aus. Es sind einige der besten deutschen Rieslinge dabei an diesem Samstagabend auf einem Weingut in Bodenheim bei Mainz. Die Atmosphäre ist gelöst, Event-Gastronomie für Weinkenner.

Die Vinothek Liquid Life lädt seit ihrer Eröffnung im vergangenen Jahr regelmäßig zum "hemmungslosen Spaß am Wein" nach Rheinhessen. In eine Weinregion, die bis vor einigen Jahren als Massenproduzent von seelenlosen Kopfschmerzabfüllungen verschrien war.

Trauben wurden hier früher geerntet wie Zuckerrüben oder Maiskolben. Hauptsache, möglichst viel und möglichst schnell. In Rheinhessen, so wurde gerne gespöttelt, seien zwar die besten Traktorfahrer unterwegs, aber auch die schlechtesten Winzer am Werk. Ein Urteil, das bei den lokalen Winzern zu Minderwertigkeitskomplexen führte, was wiederum dazu beitrug, dass sie sich wenig zutrauten.

Die Not war groß, als sich 2002 Message in a Bottle formierte, das inzwischen erfolgreichste Netzwerk junger Winzer in Deutschland. Wer hier mitmischt, widersetzt sich dem technikgläubigen und von der Industrie abhängigen Weinbau, wie er lange betrieben wurde. Das Credo der Gegenbewegung: Weine mit Charakter können nur im Einklang mit der Natur entstehen. Inzwischen sind in Rheinhessen rund zehn Prozent der Weinberge ökologisch bewirtschaftet - so viele wie in keinem anderen deutsches Anbaugebiet.

Abschied von den Plastiktrauben

Früher waren rheinhessische Winzer einfache Weinbauern in Gummistiefeln, die ihre Erzeugnisse persönlich in den Keller der Stammkunden trugen. Und dabei auch noch die Namen der Kinder und Haustiere herunterbeten konnten. Heute verkaufen sie ihre Weine in New York, Barcelona oder Shanghai.

Carolin Spanier-Gillot vom Weingut Kühling-Gillot in Bodenheim will die Transformation der heimischen Weinkultur noch weiter vorantreiben. Dem rustikalen Konzept der Straußwirtschaft mit Handkäse, Bratkartoffeln und Schnitzel aus der Fritteuse kann die 38-Jährige nichts abgewinnen. "Wer braucht noch Eiche rustikal und Dekotrauben aus Plastik auf kariertem Tischtuch?", sagt sie. In ihrer Vinothek aus Sichtbeton schaut man aus großen Fenstern in einen Park mit Jugendstilvilla.

Rheinhessen, mit rund 26.000 Hektar Rebfläche das größte deutsche Weinanbaugebiet, hat sich zu einer Talentschmiede des deutschen Weinbaus entwickelt. Im Jahr 2000 wurden im Weinguide Gault & Millau gerade mal 38 hiesige Betriebe ausgezeichnet, 2015 waren es 109.

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Weinregion Rheinhessen: Silvaner und Salzschürfer

Jens Windisch, Jahrgang 1986, fällt es schwer, ruhig zu sitzen. Wenn er mit seinem roten VW-Bus, Baujahr 1972, zu Verkostungen fährt, nimmt er sich kein Hotel, sondern übernachtet im Bulli. Im Winter, wenn die Weine in Mommenheim ruhen, steht er auf dem Snowboard. Sonst findet man ihn bei seinen Reben.

In Bergschuhen und mit Drei-Tage-Bart stapft er durch den Weinberg, der keine berühmten Steillagen hat wie der wenige Kilometer entfernte Rote Hang - ein Ort, der regelmäßig Rieslinge von höchster Güte hervorbringt. Aber Windisch zeigt, dass man auch aus Weinbergen ohne schillernden Namen große Weine gewinnen kann.

Er produziert dichte, sehnige Silvaner und präzise Rieslinge mit Tiefgang - bei moderatem Alkohol. 2006 wurden hier die ersten Flaschenweine abgefüllt, vorher verkauften Windischs Eltern ihre Ernte als Fassware, die zu Billigweinen verschnitten wurde. "Wir wurden immer als Hinterland belächelt", sagt der 30-Jährige. Doch diese Zeiten sind vorbei. Und das ist nicht nur für die Betriebe gut.

Eine Million Übernachtungen

Der Imagewandel schlägt sich auch im Tourismus nieder: Entgegen dem Landestrend in Rheinland-Pfalz kamen in den vergangenen fünf Jahren überdurchschnittlich viele Gäste nach Rheinhessen. 2016 waren es bereits über eine Million Übernachtungsgäste - ein Rekord.

Wie kaum ein anderer verkörpert Tobias Knewitz das rasant gewachsene Können und Selbstbewusstsein der rheinhessischen Jungwinzer. Er füllte seinen ersten Wein mit 14 Jahren ab - und gilt seither in der Szene als Wunderkind. Das Weinmagazin "Falstaff" kürte Knewitz 2015 zum "Newcomer des Jahres" und lobte, dass er sich nicht scheue, mit seinen Weinen "anzuecken". Banalität öde ihn an, sagt er. "Wer es frisch und fruchtig haben will, muss woanders hingehen."

Wer seine Riesling, Silvaner und die weißen Burgundersorten trinkt, vermutet dahinter einen Winzer mit großer Erfahrung. Dabei hat Knewitz, 24, erst vor Kurzem sein Weinbaustudium abgeschlossen. Wissenschaft und Theorie seien zwar eine solide Basis, um Weine zu erzeugen, sagt er. Doch er vertraue mehr seinem Bauchgefühl.

"Ich will die Herkunft des Weines zeigen", sagt er. Appenheim liegt an der Brandungsküste eines Urmeers, der Kalkgehalt der Böden ist enorm ausgeprägt, die Weine sind oft von einer salzigen Note unterlegt - deshalb werden die Winzer auch als Salzschürfer bezeichnet.

Knewitz lässt seine Weine spontan mit den eigenen Hefen vergären, sie dürfen auch fordernd und anstrengend sein. Er wolle "an die Grenzen gehen, Komplikationen im Mund sind durchaus erwünscht", sagt er.

Als er damit begann, seinen Stil im elterlichen Weingut durchzusetzen, zeigte sich die Kundschaft schwer irritiert. Sie war an solide, aber auch genormte Weine gewohnt, ohne großen Anspruch. Der Junior hielt konsequent an seiner Linie fest, auch als fast alle Stammkunden absprangen. Es ist eine Haltung, die er mit anderen Jungwinzern teilt - und die Rheinhessen zu neuem Ruhm verholfen hat.

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
stefanmargraf 22.11.2016
1. Was ist mit dem Versprechen aus der Überschrift?
Werden die Fuselölanteile, Uhu-Ester und Aldehyde in diesen Weinen verringert oder nicht? Wieviel Schwefel ist drin? Und wie teuer darf man sich das Ganze vorstellen?
NightToOblivion 22.11.2016
2. Nicht wirklich neu
Alles keine wirklich neuen Erkenntnisse. Wenn man bedenkt das mit Wittmann, Keller und Co. schon sehr lange ein paar der besten deutschen Winzer in Rheinhessen sitzen. Den größten Qualitätsmangel bei deutschen Wein findet man wohl eher im äußersten Südwesten, in Baden und besonders in Württemberg.
RenegadeOtis 22.11.2016
3.
Zitat von stefanmargrafWerden die Fuselölanteile, Uhu-Ester und Aldehyde in diesen Weinen verringert oder nicht? Wieviel Schwefel ist drin? Und wie teuer darf man sich das Ganze vorstellen?
Ich glaube nicht, dass der Artikel vorgibt eine Abhandlung zu Önologie zu sein. Tatsächlich dürfte im früheren Rheinhessen-Verschnitt mehr an den Fuselzeug drin gewesen sein. Schwefel dient rein der Haltbarkeit und unterliegt strengen Grenzwerten - das dürfte von Weingut zu Weingut unterschiedlich gehandhabt werden und kann dort mit Sicherheit erfragt werden. Details können Sie beim jeweiligen Weingut erfragen. Zum Beispiel unter http://www.weingut-knewitz.de/
marian1886 22.11.2016
4. Die meisten Winzer
in Rheinhessen haben zu lange schlechte Weine erzeugt und versektet. Und das Image klebt immer noch an ihnen. Deutsche Weißweine müssen nicht trocken sein, je nach Anlass. Die "großen" Winzer der letzten Jahrzehnte waren stets im Rheingau und an Mosel, Saar, Ruwer zu finden. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis das Image aufpoliert ist.
kratzdistel 22.11.2016
5. von den franzosen wohl gelernt
rheinhessenweine bleiben rheinhessenweine. die Winzer haben alle dazu gelernt, dass weniger mehr ist und das gleiche Geld damit zu verdienen ist. wenn ein Obstbaum ausgedünnt wird, werden die früchte größer und so ist es auch beim wein.den Weinstock nicht ins uferlose wachsen lassen, beschattende blätter entfernen, fruchtausdünnung und schon sind die weitrauben gehaltvoller. dann guter ausbau im keller, die meisten Winzer haben heute fh-studium. die stahlfässer sind viel besser zu reinigen als die Holzfässer. die wurden ausgeschwefelt. da gab es auch die kopfwehweine wenn sie nicht gut gereinigt waren.die Franzosen haben durch ein altes gesetz aus napoleonischer zeit eine Festschreibung von lagen. weine aus diesen lagen sind immer teuerer, ob gut oder schlecht. das deutsche weingesetzbuch ist mindestens so dick wie die Bibel. das ist das Problem. soviel regelungen bedürfte es nicht, wenn alle ehrlich ihre weine erzeugen würden. holzspäene im tank ersetzen das weinfass oder es gibt den konzentrateur in F,der den natürlichen Alkoholgehalt durch Konzentration erhöht. weil soviele versuchen ihre weine aufzupeppen,muss es auch die vielen regelungen mit verbotstatbeständen geben.guter wein muss nicht teuer sein. er muss schmackhaft und bekömmlich sein.
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