Ritterturnier in Sankt Wendel Schauen und Stechen

Die besten Neuzeit-Ritter der Welt treten im saarländischen Sankt Wendel beim Tjost-Turnier gegeneinander an. Die Pferde sind hochspezialisierte Kampfmaschinen, die Rüstungen das Ergebnis jahrelanger Forschung und die Lanzen sind echt.

Von

david crabbe

Sollte sich ein Zeitreisender aus dem Jahr 1512 am kommenden Wochenende zufällig in die Stadt Sankt Wendel im nordöstlichen Saarland verirren, so würde er vermutlich den Zeitsprung gar nicht bemerken. Alles wird so sein, wie es ihm vertraut ist.

In der Stadt wird vor Rittern und Handwerkern wimmeln. Schlachtrösser werden über das Gras des Turnierplatzes stampfen, und die Sonne wird blenden, wenn sie vom blank gewienerten Metall eines Brustharnisches oder Helmes zurückgeworfen wird. Auf den Straßen der Stadt gibt es dann nur ein Thema: Der Kaiser ist da! Anlässlich seines Aufenthalts beim Reichstag in Trier kommt er nach Sankt Wendel, und die Stadt ehrt den Herrscher mit einem großen Turnier.

Der Zeitreisende wird nicht irritiert sein von Kindern mit Plastikschwertern oder Ständen mit billigen Blechrüstungen für Wochenend-Rollenspieler. Denn dieses Turnier, das vom 31. August bis zum 2. September in Sankt Wendel stattfindet, ist keins der üblichen Mittelalter-Spektakel - es ist tatsächlich echt. Hier werden die besten Ritter der Welt zum Tjost, zum Lanzenstechen antreten. Ihre Pferde sind hochspezialisierte Kampfmaschinen. Ihre Rüstungen sind das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung und Schmiedekunst der Weltklasse. Und ihre Lanzen sind echt: keine Enden aus leicht splitterndem Balsaholz, sondern Vollholz vom Griff bis zur Spitze.

Alfred Geibig, Kurator für Waffen und Rüstungen bei den Kunstsammlungen der Veste Coburg, hat die Kämpfer auf allen Kontinenten zusammengesucht und nach Sankt Wendel geladen. "Es gibt weltweit nur eine Handvoll Leute, die tatsächlich den Hochleistungssport Tjosten ernsthaft betreiben", sagt er. Einige davon kennen sich zwar von den Turnierplätzen. "Aber es gab noch nie eine Veranstaltung, auf der sie alle die Gelegenheit hatten, festzustellen, wer von ihnen wirklich der Beste ist."

Trailer: Das Große Turnier von Sankt-Wendel
Kräftemessen der Besten

Diese Gelegenheit kam, als Sankt Wendel sich auf die Festlichkeiten zum 500. Jahrestag des Kaiserbesuches vorbereitete. Und so kam die Idee: Ein Turnier wolle man veranstalten - bei dem alles genau so sein soll wie damals. Für Geibig und für die Tjoster geht damit ein Traum in Erfüllung. Nicht etwa ein harmloser Knabentraum, sondern einer der wirklich großen Lebensträume.

Der Niederländer Arne Koets zum Beispiel gab, um sich auf das kommende Wochenende vorzubereiten, seine Stelle als Projektmanager im Königlich Niederländischen Armeemuseum auf und zog nach Deutschland - als Lehrling an der Fürstlichen Hofreitschule in Bückeburg. "Ich hatte bereits zehn Jahre Erfahrung als professioneller Tjoster und bin über 400 Turniere in über zehn Ländern auf drei Kontinenten geritten", sagt Koets, "aber ich hatte das Gefühl, mir fehlte für die Vorbereitung noch die historische Dressur, wie sie weltweit nur in Bückeburg gelehrt wird."

Gemeinsam mit Hofreitmeister Wolfgang Krischke suchte er sich Pferde aus und begann mit deren Ausbildung. Auf dem Turnier wird er Maximilian reiten, einen sechsjährigen andalusischen Wallach. "Ich habe viel Zeit mit Maximilian verbracht", erzählt er von der Vorbereitung. "Ich habe ihn an die Rüstung gewöhnt und daran, von anderen Pferden angerempelt zu werden, an Lanzen, Schwerter, Menschenmassen und Kanonendonner. Am wichtigsten aber war mir, seinen Mut zu stärken, sein Selbstvertrauen und seine Willigkeit und Freude, zu arbeiten."

Damit nicht nur Maximilian in Topform ist, sondern auch Koets selber, muss er wie alle Tjoster eine strenge Diät einhalten. Schließlich muss die Rüstung perfekt sitzen. "Eigentlich reicht die Arbeit in den Ställen schon, um mich fit zu halten", sagt Koets. "Aber ich trainiere noch historischen Schwertkampf für die Koordination, mache Liegestütze, Bizepstraining mit der Lanze und reite regelmäßig in voller Rüstung." Und das alles für ein Turnier.

Abends um 18 Uhr wird Koets' Traum in Erfüllung gehen - beim Melée, dem Massenkampf zweier gegnerischer Rittergruppen zu Pferd. "Es wird das beste, spektakulärste, technisch perfekteste Melée, das die Welt seit dem Mittelalter gesehen hat", freut er sich, "ein qualitativer Quantensprung. Ich erwarte großartige Treffer, tapferes Reiten und tiefe Kameradschaft zwischen den Teilnehmern."

Raisulih al-Hadi, der Rückwärtsgaloppierer

Koets' Lehrmeister Wolfgang Krischke wird in Sankt Wendel der Turniermeister sein. In diesem Amt wird er die Einhaltung aller Regeln, insbesondere des gerechten Umgangs mit den Pferden, überwachen und die ritterlichen Wettkämpfe als Schiedsrichter begleiten. Auch er und seine Frau Christin bereiten sich seit weit über einem Jahr auf das Turnier vor: "Wir haben Kostüme schneidern lassen, um eine historisch korrekte Darstellung bieten zu können, und mittelalterliche Stechsättel extra für unsere Pferde anfertigen lassen." Für das Jagdbild hätten sie Falken gekauft und diese ausgebildet, um mittelalterliche Falknerei mit den dazu authentischen Vögeln darzustellen.

Am Wochenende wird Krischke seinen eigenen Berberhengst Raisulih al-Hadi reiten. Raisulih kann sich nicht nur auf Kommando aus dem vollen Galopp hinwerfen (ein Stunt, der ihn bereits zum Filmstar gemacht hat), sondern er kann auch rückwärts galoppieren. Auf der ganzen Welt gibt es überhaupt nur fünf Pferde, die das beherrschen.

Wie Koets und Krischke ist auch Tobias Capwell eine Legende unter den Tjostern. Tagsüber trägt er einen Anzug und einen Doktortitel in Kunstgeschichte. Sein Arbeitsplatz ist die Wallace Collection, ein staatliches Museum in der Londoner Innenstadt, wo er Rüstungs- und Kampftechniken vergangener Zeiten erforscht. Außerhalb seiner Arbeitszeit tauscht er den Anzug gegen seine eigene Rüstung.

Entworfen hat Capwell sie selbst - nach Vorbildern aus der Wallace Collection und anderen Originalstücken. Geschmiedet hat ihm dann die meisten Teile davon ein dänischer Rüstschmied, der in Schweden lebt. Eine gewaltige Investition: Rund 30.000 Pfund, etwa 38.000 Euro, hat die Rüstung bereits gekostet, und über zwei Jahre lang dauerte es, bis sie fertig war. "Aber perfekt ist sie eigentlich nie", sagt er, "ich bastele immer noch weiter daran herum und versuche, sie zu verbessern."

Sie anzulegen dauert eine gute Stunde - und alleine kann Capwell sich nicht anziehen. Wie die Ritter in alten Zeiten braucht auch er einen Knappen, der ihm dabei hilft. Jemanden, der gewissenhaft den Sitz jeder Schnalle überprüft, jedes Bändchen an der richtigen Stelle verknotet, jeden Haken der Rüstung so zurechtrückt, dass er sich im Kampf nicht lösen kann. Der Kämpfer vertraut dem Knappen mit diesen Aufgaben seine Gesundheit - und in früheren Zeiten sogar sein Leben - an.

Doktor Schmied und die historischen Rüstungen

"Es ist wie in der Formel Eins", vergleicht Capwell. "Die Fahrer können nie alleine gewinnen, sie brauchen immer ein Team von Spezialisten, die sich um die Ausrüstung kümmern." Capwells Spezialist heißt Adam und ist seit vielen Jahren ein guter Freund von ihm: "Adam kann alles. Er hat außerdem eine medizinische Ausbildung, ist Physiotherapeut - und ein guter Witze-Erzähler."

Capwell wird seinen Friesenhengst Duke reiten. Zur Vorbereitung auf das Turnier durfte Duke ebenfalls in Bückeburg trainieren - im "Bootcamp", wie Capwell die intensive Turniervorbereitung nennt. Wie bei allen Tjostern schwingt auch in seiner Stimme Ehrfurcht mit, wenn er von seinem Pferd erzählt: "Duke ist ein Künstler!", sagt Capwell von seinem Hengst.

Wenn eine der teuren Rüstungen Schaden nimmt, wird glücklicherweise Plattner Peter Müller zur Stelle sein. Auch er hat einen Doktortitel, in Maschinenbau, und ist einer der wenigen Schmiede weltweit, dem die Ritter im Notfall ihre Rüstungen für eine Reparatur anvertrauen würden. Auf dem Turnier wird er reichlich Gepäck dabei haben: "Einen historischen Blasebalg mit 2,50 Meter Länge, Amboss, Esse, Schmiedeschraubstock, Gesenke, Treibfäuste, ein Dutzend Hämmer, fertige und halbfertige Harnischteile, etwa eine halbe Tonne weiteres Werkzeug.

Last but not least seien auch dabei die Herren Matthias Goll - derzeit mit der Dissertation "Die Technologie des europäischen Plattenharnischs zwischen 1350 und 1500" beschäftigt -, Manfred Pany - einer der bekanntesten Klingenschmiede in Deutschland - und Jens Sensfelder, eine weltweite Kapazität für Armbruste. Obwohl er selber nicht mitreiten wird, fiebert auch Müller dem kommenden Wochenende aufgeregt entgegen: "Das Turnier wird ein Erlebnis, das man in dieser Form vielleicht nur einmal in seinem Leben in Deutschland zu Gesicht bekommen wird - etwas Spektakuläreres in diesem Bereich kann ich mir nicht vorstellen."

Und Initiator Alfred Geibig? Was wird er machen, wenn auf seinem Turnierplatz die besten Ritter der Welt gegeneinander antreten? "Dann freu' ich mich!" ruft er und lacht.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
averagejoe 29.08.2012
1. Warum immer Tiere?
Ich steh ja total auf Mittelalterfeste, aber warum müssen immer wieder Tiere benutzt werden, um das ein oder andere Event steigen zu lassen? Hier mal Pferde die durch enge Feuerringe springen, da Pferde, die sich beim Jousting alle Knochen brechen können. Im Übrigen finde ich es perfide, hier von "Kampfmaschinen" zu sprechen. Pferde sind weder Maschinen noch sind ihre Körper für solche Kämpfe ausgelegt. Jetzt werden einige sagen: aber so wars halt im Mittelalter. Ja, mag sein - aber früher gabs auch Sklaven und kein normaler Mensch würde heute noch auf die Idee kommen, welche zu halten.
werner.die.sau 29.08.2012
2. also
Werdet endlich erwachsen!
bigbubby 29.08.2012
3. optional
Sehr beeidruckend. Leider werde ich zu der Zeit nicht in Dt. sein. Weiß jemand, ob es im nächsten Jahr etwa im gleichen Rahmen stattfinden wird?
numey 29.08.2012
4.
Die Behauptung: "billige Blechrüstungen für Wochenend-Rollenspieler" ist nicht nur hochnäsig (wie es für die Reenactment-Szene typisch ist), sondern auch zu Unrecht pauschal abwertend. Welche Sorte Wochenend-Rollenspieler ist denn überhaupt gemeint? P&Pler verkleiden sich gar nicht. Sie sind aber der Urtypus des Rollenspiels - aus dem Spiel am Tisch entwickelte sich für viele der Wunsch, einen Schritt weiter zu gehen und das ganze "live" umzusetzen. Daraus entstand dann LARP (Live Action Role Play). Meines Wissens kommt das Reenactment eher aus der Geschichtsforschungs-Ecke. Die mit dieser Aussage wahrscheinlich gemeinten LARPer machen aber etwas völlig anderes, auch wenn es für den Laien ähnlich aussieht. Es steht beim LARP nicht der Wunsch im Vordergrund, alles exakt so nachzustellen, wie es früher war, sondern der Wunsch, in eine fremde Rolle zu schlüpfen, diese zu verkörpern und gemeinsam mit Freunden und Fremden Spaß an einer einzigartigen, fantastischen Geschichte zu haben, die man gemeinsam spielt, weiter entwickelt und schließlich zu einem Abschluss bringt. Die optische Verkleidung ist in erster Linie als Hilfsmittel gedacht, sich die Geschichte besser vorstellen zu können, bei den Reenactern ist das Kostüm eigentlich schon der ganze Zweck. Wobei die meisten nicht so weit gehen, Pferde abzurichten - dafür können sie sich die Köpfe einschlagen, wenn es um die Wahl der Zwiebelsorte geht, mit der man sein handgewebtes Leinenhemd färbt. Reenactment bietet - auch insbesondere geschlechtertypisch - nur eine sehr begrenzte Rollenauswahl, die nicht jedem (und vor allem nicht jedeR) gefällt. Es ist außerdem auch nicht jedermanns persönlicher Traum, tausende von Euro dafür auszugeben, dass man "echt" aussieht, nur um dann auf Mittelalterfesten dekorativ herumzusitzen und sich von den Besuchern fotografieren zu lassen. Hinzu kommt, dass ein authentisches mittelalterliches Straßenbild, um dessen Rekonstruktion man sich bemüht, eben nicht daraus besteht, dass nur Edelleute unterwegs waren, sondern größtenteils die bäuerliche Bevölkerung. In den meisten Reenactmentgruppen gibt es strenge Hierarchien. Man kann also nicht einfach hingehen und sagen "Ich würde gerne Ritter spielen". Beim LARP spielt man das, worauf man Lust hat, und wofür man sich das Kostüm leisten kann. Auch wer als LARPer etwas auf sich hält, verwendet keine Rüstung aus Blech (oder gar Latex), sondern solche aus Stahl. Sicher nicht von solcher Qualität wie o.g. (warum auch), aber sicher immer noch mehrere Tausend Euro wert. Auch manche LARPer lernen das Schmieden und fertigen ihre eigenen Kettenhemden. Es geht dabei aber um individuellen Stil, darum, dass man kein LARP-Kostüm von der Stange vorführt, wenn man keine Figur von der Stange spielen will. Die Waffen fürs LARP müssen vorschriftsmäßig aus einem Fiberglasstab bestehen, der mit Latex ummantelt ist. Andere werden aus Sicherheitsgründen nicht zugelassen, und das ist auch richtig so, denn man muss keine Ausbildung absolvieren, um sich mit der Waffe in den Kampf zu stürzen. Wenn man aber gegen geübte LARPer antritt, merkt man sehr schnell, dass man keine gegen sie Chance hat, wenn man nicht regelmäßig den Schwertkampf trainiert. LARPer und Reenacter können kaum nachvollziehen, was die jeweils andere Gruppe an ihrer Art der Freizeitgestaltung so erfüllend findet - und das liegt einfach daran, dass es um völlig unterschiedliche Schwerpunkte geht. Das gibt aber niemandem das Recht, die Freizeitgestaltung des anderen abzuwerten. Beides gilt als Nerd-Sport, es reicht also, vom Rest der Welt für bekloppt gehalten zu werden, da kann man sich wenigstens gegenseitig tolerieren.
otto_iii 29.08.2012
5. Ritter
Zitat von averagejoeIch steh ja total auf Mittelalterfeste, aber warum müssen immer wieder Tiere benutzt werden, um das ein oder andere Event steigen zu lassen? Hier mal Pferde die durch enge Feuerringe springen, da Pferde, die sich beim Jousting alle Knochen brechen können. Im Übrigen finde ich es perfide, hier von "Kampfmaschinen" zu sprechen. Pferde sind weder Maschinen noch sind ihre Körper für solche Kämpfe ausgelegt. Jetzt werden einige sagen: aber so wars halt im Mittelalter. Ja, mag sein - aber früher gabs auch Sklaven und kein normaler Mensch würde heute noch auf die Idee kommen, welche zu halten.
Naja, der Begriff "Ritter" hat ja nun schon etwas mit reiten zu tun, und dafür braucht man in der Regel nunmal ein Pferd. Sie haben Recht: Man kann auch ohne Pferde ein "Event steigen" lassen. Ich mache zB Schwertkampf/Schaukampf "zu Fuß" und trete mit meiner Gruppe auf diversen Märkten auf, jeweils eingebettet in ein Schauspiel; den Reaktionen des Publikums nach ist das auch recht unterhaltsam. Trotzdem würde ich liebend gerne auch "hoch zu Roß" auftreten. Das Tjosten ist einfach die Königsdisziplin jedes Turniers. Es ist halt schlicht eine Zeit- und Kostenfrage. Pferde auszubilden, zu unterhalten und zu transportieren ist eben sehr aufwendig. Umso schöner ist es, dass es anscheinend noch etliche Leute gibt, die sich das leisten können und diese Tradition hochhalten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.