Schneechaos in Frankfurt: "Nehmen Sie lieber den Zug"

Vom Flughafen Frankfurt am Main berichtet

Notlager in den Terminals, lange Schlangen vor den Schaltern: Am Flughafen Frankfurt sitzen nach dem Eis-Chaos der Nacht noch immer Tausende Menschen fest. Viele werden noch den ganzen Tag unter dem Verkehrsinfarkt leiden - oder weichen auf die Bahn aus.

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Frankfurter Flughafen: 8000 Passagiere saßen fest
Frankfurt am Main - Die junge Dame von der Lufthansa ist freundlich, lächelt viel und hat sich einen Riesenpott Kaffee neben ihre Tastatur gestellt. An ihrem Desk im Frankfurter Flughafen steht Paolo Calliere. Mit seiner Familie ist der italienische Geschäftsmann gerade aus den USA gekommen und würde gern nach Mailand weiterfliegen. Die beiden Töchter sind müde, der Vater auch. Gut eine Stunde haben sie angestanden am Transfer Desk der deutschen Airline, nun wollen sie endlich wissen, wie es weitergeht.

Gute Nachrichten hat die Lufthansa-Mitarbeiterin nicht anzubieten. Eine Verbindung nach Mailand lässt sich nicht finden. Angeblich ist der Airport geschlossen, auch wenn so mancher Italiener in der Schlange aus der Heimat per Handy anderes gehört hat. Die einzige Alternative, welche die Lufthansa dem Gast anzubieten hat, hört sich für eine Airline merkwürdig an. "So leid es mir tut", sagt die Frau mit einem Lächeln, "doch nehmen Sie lieber den Zug."

Die italienischen Gäste sind nicht die Einzigen, die am Dienstagmorgen - wie auch am Montag - auf die Schiene verwiesen wurden. Da auch viele Deutschland-Flüge gestrichen sind, unter anderem alle Verbindungen in die Hauptstadt, empfiehlt das Schalterpersonal der Lufthansa vielen Gästen auf die Bahn umzusteigen. Mit dem Ticket, so die schnell organisierte Notlösung, bekommen Reisende am Schalter kostenfrei ein Bahnticket zweiter Klasse. Für Familie Calliere ist der Weg so ein bisschen länger als gedacht, sie werden erst spät am Abend ankommen.

"Oberste Priorität ist, dass der Kunde so schnell wie möglich sein Ziel erreicht", sagt Lufthansa-Sprecher Patrick Meschenmoser SPIEGEL ONLINE, "egal ob mit einem Flug der Lufthansa, einer anderen Gesellschaft oder mit der Bahn." Nicht nur bei innerdeutschen Verbindungen gilt die Schiene als Alternative, in Einzelfällen würde bei nahe gelegenen europäischen Zielen auf die Bahn umgebucht.

Nebel hinter den Fensterscheiben

Die Lufthansa ist durch ihr abgestimmtes System von rotierenden Flugzeugen und Crews durch das Wetterchaos wohl am herbsten getroffen. Die Gesellschaft hat bereits am Vortag rund 250 Flüge gestrichen, sagt Sprecher Meschenmoser. Die Flugzeuge mussten aufgrund der unerwartet tiefen Temperaturen mehrfach enteist werden, die Wartezeiten verlängerten sich dadurch. Am Montagabend wurde der Frankfurter Flughafen dann für rund vier Stunden komplett geschlossen, die drei Start- und Landebahnen waren zu glatt geworden.

Für Tausende hieß das: das Lager im Flughafen aufschlagen. Für die mehr als 3000 Passagiere, die dort verharren mussten, standen rund tausend Feldbetten bereit. Rund 5000 Flugreisende hatten Glück und wurden in umliegenden Hotels untergebracht. Meldungen, wonach Passagiere sogar die Nacht in Flugzeugen auf dem Rollfeld verbringen mussten, konnte der Lufthansa-Sprecher für seine Gesellschaft nicht bestätigen.

Wie lange das Chaos noch anhalten wird, ist für die festsitzenden Passagiere schwer abzusehen. Das Flugfeld hinter den dicken Fensterscheiben des Flughafens kann man vor Nebel kaum sehen. Einzig die Langstreckenmaschinen, die über Nacht über den Atlantik geflogen sind, bringen immer mehr Gäste, die weiterreisen wollen. Die Gänge des Flughafens füllen sich am Vormittag weiter. An den Transferschaltern müssen die Fluggäste oft stundenlang ausharren - um letztlich zu erfahren, dass es für sie keine Verbindung geben wird.

Die Flughafengesellschaft Fraport rechnet den ganzen Tag mit weiteren Verzögerungen bei Starts und Landungen. Bis zum Mittag mussten bereits 120 Flüge gestrichen werden. Nach Angaben des Flughafen-Sprechers Jürgen Harrer sind Ziele in der ganzen Welt betroffen. Auch Lufthansa-Sprecher Meschenmoser erwartet für den gesamten Dienstag Verspätungen und Flugausfälle.

Die massiven Probleme betreffen nach seinen Angaben fast ausschließlich den Frankfurter Airport.

abl mit Material von dpa/Reuters/APD

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
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1. Ja ja
brux 22.12.2009
Vor wenigen Tagen erging sich der SPIEGEL in Häme, weil die Franzosen wegen eines winter-bedingten Stromengpasses Deutschland "um Hilfe bitten" mussten. Jetzt zeigt sich, dass in Deutschland schon bei etwas Schnee und ein paar Graden unter Null der Verkehr in weiten Teilen zum Erliegen kommt. Mir scheint, dass der shareholder value dazu führt, dass alle Systeme nur noch auf Minimalkosten ausgerichtet werden. Der Mangel an Redundanz und organisatorischer Vorbereitung rächt sich bei der ersten Gelegenheit.
2. ...
Mathesar 22.12.2009
Zitat von sysopNotlager in den Terminals, lange Schlangen vor den Schaltern: Am Flughafen Frankfurt sitzen nach dem Eis-Chaos der Nacht noch immer Tausende Menschen fest. Viele werden noch den ganzen Tag unter dem Verkehrsinfarkt leiden - oder weichen auf die Bahn aus. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,668567,00.html
Was immer man darüber diskutieren soll...die Natur ist die Natur ist die Natur. Und der Mensch hat sich anzupassen. Wen nichts mehr geht, geht halt nichts mehr..darüber gibt es nun wirklich wenig zu diskutieren.
3. Und jetzt?
LHler 22.12.2009
Und jetzt? Ein Blick nach draussen genuegt doch, damit man weiss, dass die Fluggesellschaften nicht aus Gemeinheit die Fluege streichen, sondern dass es einen handfesten Grund gibt. Einfach Pech gehabt!
4. Überraschung: im Winter wird's kalt
Le Commissaire 22.12.2009
Zitat von sysopNotlager in den Terminals, lange Schlangen vor den Schaltern: Am Flughafen Frankfurt sitzen nach dem Eis-Chaos der Nacht noch immer Tausende Menschen fest. Viele werden noch den ganzen Tag unter dem Verkehrsinfarkt leiden - oder weichen auf die Bahn aus. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,668567,00.html
Schon erstaunlich, wie so ein leichter Winterhauch eine ganze Branche durcheinander bringt. Länder wie Rußland oder Kanada, bei denen die soeben erlebten Wetterverhältnisse gang und gäbe sind, würden so gar nicht existieren können. Natürlich ginge es besser, wenn anders kalkuliert würde, aber die unermessliche Gier der Kunden, die nur billig, billig kennen, läßt solch eine Kalkulation sicher nicht zu. Insofern haben die Menschen die Verhältnisse, die sie wünschen, so daß wir jetzt ganz beruhigt in die Weihnachtsferien gehen können. Ich fahre mit der Bahn -- die sich noch sehr steigern kann, mit der ich aber alles in allem immer noch am bequemsten reise.
5. -
semper fi 22.12.2009
Zitat von sysopNotlager in den Terminals, lange Schlangen vor den Schaltern: Am Flughafen Frankfurt sitzen nach dem Eis-Chaos der Nacht noch immer Tausende Menschen fest. Viele werden noch den ganzen Tag unter dem Verkehrsinfarkt leiden - oder weichen auf die Bahn aus. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,668567,00.html
Ja, so isses nun mal das Wetter. Wer möchte darüber diskutieren?
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