Schwarzwälder Höhenweg: Mystische Seen, müde Füße

Von Johannes Schweikle

Der Schwarzwald ist nicht schwarz. Er ist wild, mystisch, oft einsam und bunt. Der Westweg führt mitten hinein, hinter die Klischees von Kuckucksuhr und Kirschtorte. Die insgesamt 285 Kilometer von Nord nach Süd sind auch für Trainierte eine Herausforderung.

Westweg im Schwarzwald: Elf Etappen auf dem Höhenweg Fotos
Johannes Schweikle

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Bevor ich die dritte Etappe starte, gehe ich in die Apotheke: Vorsichtshalber kaufe ich Blasenpflaster. Denn vor mir liegen 80 Kilometer, auf denen ich durch keine Stadt komme. Nicht einmal ein Dorf werde ich streifen. Ich bin zwar mitten in Deutschland. Aber die nächsten drei Tage geht es nur durch den Wald. "Nehmen Sie noch Hirschtalg", rät die Apothekerin in Forbach, "Frauen schwören darauf, wenn sie wunde Füße von hochhackigen Schuhen haben."

In elf Etappen will ich zu Fuß durch den Schwarzwald. Vorgestern bin ich in Pforzheim am Bahnhof gestartet. Das Ziel liegt in Basel. Bis dahin folge ich 285 Kilometer der roten Raute auf weißem Grund. Der Westweg ist einer der ältesten Fernwanderwege in Deutschland, bereits 1900 hat der Schwarzwaldverein ihn angelegt.

Bis heute ist er der Königsweg, wenn man den romantischen Zauber dieser deutschen Landschaft erleben möchte. Er führt hinter die Klischees von Kuckucksuhr und Kirschtorte, mitten hinein in ein verblüffend vielfältiges Gebirge. Dieser Wald ist nicht schwarz. Er ist bunt.

Neben einer Sitzbank steht ein Paar Stiefel. Die Einlegesohlen liegen auf einem Stein und trocknen in der Sonne. Sie gehören Thomas, einem Maschinenbauer aus Karlsruhe, Anfang 40. Er liegt der Länge nach auf der Bank, seine Frau Petra sitzt neben ihm und schaut ins Tal.

Die beiden haben im Kino einen Film über das Pilgern auf dem Jakobsweg gesehen. Zudem hat Thomas das Buch eines Managers gelesen, der ausgestiegen und durch die Alpen gewandert ist. "Ich habe in meinem Beruf auch eine Sinnkrise", sagt er. Jetzt wandern die beiden den Westweg. Und Thomas staunt über das Mittelgebirge vor seiner Haustür: "Ich hätte nicht gedacht, dass diese Landschaft so abwechslungsreich ist. Ich habe dunklen Nadelwald erwartet."

Wie Kanada: Wald, so weit das Auge reicht

Aus dem Murgtal, das sich als tiefer Einschnitt in den Nordschwarzwald kerbt, sind sie zur 1163 Meter hohen Hornisgrinde aufgestiegen. Das waren 22 Kilometer mit mehr als 1000 Höhenmetern. Der Weg führte von Heuhütten in ein Hochmoor, das sich nach dem Ende der Eiszeit auf dem kahlen Gipfel gebildet hat. Die Torfschicht ist fünf Meter dick, darauf wachsen Rasenbinse und Wollgras. Das Klima ist so rau ist wie im nördlichen Schottland, die Temperatur beträgt im Jahresdurchschnitt 4,9 Grad.

Vor ein paar Wochen hat Thomas mit dem Mountainbike die Alpen überquert, die Wanderung durch den Schwarzwald hat er sich nicht wirklich anstrengend vorgestellt. Die Etappen sind zwischen 15 und 32 Kilometer lang. Aber nach drei Tagen brennen seine Füße, die Fersen tun weh. "Ich hätte nicht gedacht", sagt er und schüttelt verwundert den Kopf, "dass dieses bisschen Lauferei den Körper so durcheinander bringt."

Auf der vierten Etappe, kurz vor dem Ruhestein, fühle ich mich wie in Kanada: So weit das Auge reicht, ist nur Wald zu sehen. Keine Straße, kein Haus, keine Überlandleitung. Aller Lärm der Zivilisation ist weg, nur der Wind rauscht durch die Bäume. Er kommt meist von Westen, die Bergkiefern haben sich angepasst und wachsen krumm nach Osten.

Schon 1911 hat die Königlich-Württembergische Forstdirektion diesen Wald zum Bannwald erklärt und menschliche Eingriffe verboten. Seither wächst er, wie er will. Kein Baum wird gefällt, alte Fichten ragen als kahle Gerippe aus dem grünen Dickicht, daumendickes Moos überzieht Totholz mit einem weichen Pelz. Die Regierung von Baden-Württemberg will hier einen Nationalpark anlegen. Aber die meisten Einheimischen sind dagegen. Sie haben Angst, dass der Borkenkäfer den Wald kahl frisst, wenn der Förster ihn nicht mehr bekämpft.

Mystische Gewässer, hässlicher Gipfel

Das Idyll am Westweg wird nie zum Kitsch, weil vielerorts die wilde Kraft der Natur durchschimmert. Die elementare Gewalt von Wind und Wetter gibt den lieblichen Szenen einen herben Zug, der sich am eindrücklichsten auf dem Schliffkopf zeigt. Als der Orkan "Lothar" an Weihnachten 1999 über dem Schwarzwald tobte, hat er hier den ganzen Höhenzug kahl gefegt.

Haushohe Fichten knickten damals wie Streichhölzer. Herausgerissene Wurzelräder stehen noch immer wie Mahnmale. In einem dieser bizarren Geflechte hängt ein roter Sandstein, um den sich die Wurzeln einst geschlungen haben, als sie sich noch in die Erde gruben. Jetzt schwebt der Brocken, groß wie ein Grabstein, am Himmel.

Auf der fünften Etappe wird der Weg weich. Am Rand wächst Gras, die Stiefel gehen über feinen Sand. Als ob der Pfad zum Meer führen würde. Doch statt des flachen Ufers fällt die Flanke so steil ab wie eine Schlucht in den Alpen. 200 Meter tiefer liegt der Glaswaldsee. Sein Wasser schimmert moorbraun, tief und unergründlich.

Die Eiszeit hat eine Reihe von Karseen im Schwarzwald hinterlassen. Die Gletscher haben kesselförmige Mulden im Gebirge gebildet, nach der Schmelze sind Seen zurückgeblieben, die wie dunkle Augen aus dem Wald blicken. Der Mummelsee ist der berühmteste, um ihn ranken sich allerlei Sagen. Im 20. Jahrhundert fiel sein Zauber der Schwarzwaldhochstraße zum Opfer. Busse verstopfen den Parkplatz, Touristen schieben sich um den See und kaufen im Souvenirladen "Original Black Forest Cuckoo Clocks".

Der Glaswaldsee dagegen ist nur zu Fuß zu erreichen. Der Weg ist so steil, dass man selbst an einem perfekten Badetag hier seine Ruhe hat. Im Hochsommer ist es der schönste See der Welt: Dann hat die Hitze das Moorwasser erwärmt, das sich auf der Haut so wunderbar weich anfühlt. Knorrige Wurzeln krallen sich in den Sandstrand. Eine kleine Hütte steht seit Jahrzehnten da. Sonst gibt es ringsum nur Bäume und Himmel.

Jeder Schritt schmerzt

Auf der neunten Etappe geht es über den Feldberg. Das ist zwar der höchste Gipfel des Schwarzwalds, 1493 Meter hoch, an keinem Punkt Deutschlands steht man außerhalb der Alpen höher. Aber schön ist er nicht. Türme mit Antennen, Parabolspiegeln und Radarkugeln prägen das kahle Plateau. Schöner ist der Berg auf der zehnten Etappe: der 1414 Meter hohe Belchen. Von seinem flachen Gipfel sieht man bis ins Berner Oberland. Eiger, Mönch und Jungfrau leuchten weiß.

Der 1165 Meter hohe Blauen ist der letzte Berg auf dem Westweg. Jetzt beginnt der Abstieg. Die Ebene gibt sich Mühe, mir die Rückkehr leicht zu machen. Die Weinberge im Markgräfler Land stehen voll im Saft. Von der Ruine Sausenburg fällt der Blick auf die lieblichen Hügel, in denen der Schwarzwald ausläuft.

Der Schluss wird schlimm. Der Hirschtalg hat nichts genützt, am rechten Fuß drückt eine Blase. Beide Fersen tun bei jedem Schritt weh. Aber noch mehr schmerzt die Rückkehr in die Zivilisation. Lörrach sieht aus wie ein hässlicher Häuserbrei. Rechts wirbt ein Baumarkt, vorne kommt eine Riesenkreuzung, links protzt die Villa eines Anwalts mit Doppelgarage in XXL.

Aber wenn ich einen Moment die Augen schließe, sehe ich den Schwarzwald wieder: die dunklen Seen im Hochmoor, den Blick auf die Schneegipfel in der Ferne, die dicken Moosschichten und die endlosen Wälder.

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insgesamt 27 Beiträge
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    Seite 1    
1. Das schönste...
seppiverseckelt 12.08.2013
...ist dass man Sinnvollerweise diesen Weg auch von SÜD nach NORD laufen kann - um zu erkennen dass sich die Zivilisation erinst SO HERUM mit den römern hier ausgebreitet hat -von SÜD nach Nord! das Markgräflerland wird ZUSAMMEN geschrieben ! und der Nonnenmattweiher zwischen Belchen und Blauen nimmt es an Schönheit mit dem Glaswaldsee auf- mit SÜDWESTLICHEN Grüßen...! (aber ansonsten ist der bericht ok...)
2. Im...
Layer_8 12.08.2013
Zitat von sysopDer Schwarzwald ist nicht schwarz. Er ist wild, mystisch, oft einsam und bunt. Der Westweg führt mitten hinein, hinter die Klischees von Kuckucksuhr und Kirschtorte. Die insgesamt 285 Kilometer von Nord nach Süd sind auch für Trainierte eine Herausforderung. Schwarzwälder Höhenweg: Elf Tage auf dem Westweg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/deutschland/schwarzwaelder-hoehenweg-elf-tage-auf-dem-westweg-a-911489.html)
...Winter ists noch schöner, finde ich. Wenn unten in der Rheinebene der Dunst hängt und oben, bei Schnee und blauem Himmel auf der anderen Seite die Vogesen klar aus dem Dunst rausragen. Ist alles schon lange kein Geheimtipp mehr, aber dennoch schön. Meistens verläuft sich doch alles. Und eine schöne Trainingsmöglichkeit, wenn man die Alpen noch nicht gewohnt ist. Man kann die ganze Tour auch in einer Woche schaffen. Und, auch nicht mehr ganz ein Geheimtipp, die Vogesen auf der anderen Seite, fast spiegelverkehrt, sind vielleicht noch ein Ticken anspruchsvoller für den geneigten Wanderer. Ideal für 2 Wochen Heimaturlaub. Von Pforzheim bis Basel und zurück bis Strasbourg. Meine Heimat (-:
3. Die SCHWARZWAELDER KIRSCHTORTE
papayu 12.08.2013
kommt nicht aus dem Schwarzwald, sondern der Schwarzwaelder Kirsch gab ihr den Namen!! Das ist ein sog. Obstler.
4. Wie alt ist denn dieser Bericht?
aramcoy 12.08.2013
"Türme mit Antennen, Parabolspiegeln und Radarkugeln prägen das kahle Plateau" - Lang, lang ist es her, dass der Feldberg so aussah. Aber der Westweg ist immernoch super schön.
5. neue erfahrung
staatsbürger53 12.08.2013
Kann dem artikel nur in jeder hinsicht beipflichten (war jedoch nicht auf dem feldberg - parabolantennen etc.) Habe vor einem monat die kombination westweg mit mittelweg von nord nach süd gemacht. Eine unglaubliche erfahrung. Die vielfältigkeit, die einsamkeit, die körperliche und vor allem geistige erfahrung. Daher auf keinen fall diesen urlaub als sport auffassen.... den weg in soundsoviel tage machen. Dies ist blödsinn! Zeit mitbringen, nur so wird man seinen kopf wieder freibekommen und neue erfahrungen erleben. Es schreibt dies einer, der auf nahezu allen urlaubsgebieten unserer erde zu hause ist !!!
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