Selbstfindung im Schweigekloster Ruh! Dich! Aus!

Journalistin, Frau, Rheinländerin. Alexandra Frank ist dreifach vorbelastet: Ein schweigsamer Mensch ist sie nicht. Und doch geht sie zu Einkehrtagen ins Kloster Drübeck, hier sollen auch Rastlose Ruhe finden. Sehr erholsam - oder doch besonders anstrengend?

Alexandra Frank

Die Situation überfordert mich ein wenig. Denn ich soll: nichts tun.

Nichts tun hieß für mich bislang gemütlich auf dem Sofa zu liegen und mit meinem Mann zu plaudern, abends, wenn die Kinder im Bett liegen. Oder zu lesen, Musik zu hören, Fernsehen zu schauen.

Aber ich bin nicht zu Hause, sondern in einem Kloster. In einem Gästezimmer, fünf mal drei Meter groß. Licht fällt durch die Blätter einer Kastanie durch das Fenster, streift ein schmales Bett, einen Holzschrank, ein Kreuz an der weißen Wand. Es riecht nach Seife und frisch gewaschener Wäsche, der graumelierte Teppich erinnert an ein Kiesbett.

"Was macht man, wenn man nichts tun soll?", frage ich mich ratlos und tigere durch den Raum.

Nicht lesen. Nicht reden. Nicht das Handy anmachen. Nicht fernsehen. Nicht im Internet surfen. Das werden drei anstrengende Tage.

Ich bin gekommen, um zu schweigen, zu meditieren, in mich zu gehen. Dinge, die mir zugegebenermaßen recht fremd sind, weil sie in mein Leben zwischen Arbeit, Familie, Freunden und Haushalt einfach nicht passen. Dinge, für die das Kloster, in dem ich einige Tage verbringe, Raum bieten soll.

In meinem Bekanntenkreis hatten meine Reisepläne für Heiterkeit gesorgt. Ich bin Journalistin, Frau, Rheinländerin. Quasi dreifach vorbelastet. Wenn es etwas gibt, was man über mich sagen kann, dann dass ich nicht gerade ein schweigsamer Mensch bin. Und auch kein besonders religiöser. Aber das - so hatte man mir vor Antritt der Reise versichert - sei auch nicht nötig.

Von 100 auf 0 klappt nicht auf Kommando

Kloster Drübeck ist ein ehemaliges Benediktinerinnenkloster am Nordrand des Harzes nahe Wernigerode. Heute beherbergt es ein evangelisches Zentrum. Eingebettet zwischen Feldern am Rand eines Dorfes soll es Rastlosen wie mir Ruhe bieten. Während sogenannter Einkehrtage können Besucher, so kündigt es die Website an, "die in klösterlichen Gemeinschaften auch heute noch geübte Tradition des freiwilligen und erholsamen Schweigens fortführen".

Was so etwas bringt? Pfarrerin Brigitte Seifert zuckt mit den Achseln: "Das weiß man vorher nie."

Seifert, eine zierliche Frau Mitte 50 mit kurz geschnittenem, graubraunem Haar und roter Brille, begleitet gemeinsam mit ihrer Kollegin Irene Sonnabend die Einkehrtage. "Schweigen", sagt sie, "bedeutet zunächst einmal einen Verzicht auf Alltagskonventionen." Er könne sehr erholsam sein, wenn man sich einfach mal auf sein inneres Empfinden konzentrieren könne.

Doch mein Inneres rebelliert. Gedanken flattern umher, Rastlosigkeit überkommt mich. Von 100 auf 0, das klappt nicht auf Kommando. Das geht den meisten Gästen so, deshalb bieten die beiden Pfarrerinnen eine Art Rahmenprogramm, das die Einkehrtage strukturiert: regelmäßige Gottesdienste, Meditationssitzungen, Körpererfahrungen im Garten. Dazu gemeinsame Mahlzeiten und, bei Bedarf, "Gesprächsinseln", bei denen man die Schweigezeit kurz unterbricht, um Sorgen zu besprechen oder Erfahrungen auszutauschen.

Eine Kirchenglocke läutet, Zeit für die Mittagsandacht. "Herr", betet Birgitte Seifert, "schenke uns Ruhe für unsere unruhigen Herzen."

In der Tat wirkt die Klosterkirche St. Vitus beruhigend. Schlicht, fast schmucklos ist das romanische Innere: steinerner Boden, Rundbögen, die auf Säulen und Pfeilern ruhen, hölzerne Balken über weiß getünchten Wänden. Zufällig besucht an diesem Tag eine Chorgruppe die Kirche, die Tenöre der Männer schallen durch das helle Kirchenschiff.

Grübeln in der Nacht

Nicht alle Besucher des Klosters schweigen. Viele wandeln durch die Klostergärten oder besichtigen die Kirche. Sie ist eines von 80 Baudenkmälern, die an der Straße der Romanik liegen, einer Tourismusroute, die sich quer durch Sachsen-Anhalt zieht.

Nach dem Gottesdienst geht es zum Essen. Zu meinem Erstaunen genieße ich die Mahlzeit im Stillen. Keine Organisationsgespräche mit meinem Mann, kein nörgelndes Kind, kein Small Talk mit anderen Gästen.

"Viele Besucher", hatte mir Irene Sonnabend erzählt, "empfinden es als befreiend, bei Tisch keine Konversation betreiben zu müssen, bei der man immer darüber nachdenken muss, wie man beim anderen ankommt." Andere litten darunter. Wie jene Teilnehmerin, die den Löffel in die Suppe geschmissen und geschrien hätte, sie halte das nicht aus. Als Kind habe ihr Vater sie gezwungen, bei Tisch zu schweigen.

Ich lasse meinen Blick zu den anderen Besuchern schweifen. Oft kommen Frauen zu den Schweigetagen, sagten die Pfarrerinnen, vielfach aus sozialen, pädagogischen oder therapeutischen Berufen, die Kraft tanken müssen. Oft Menschen über 50, die an einem Scheideweg stehen oder eine Lebenskrise bewältigen müssen: den Auszug der Kinder, eine Trennung vom Partner, einen Jobverlust.

Nichts davon trifft auf mich zu. Auch die anderen Teilnehmer sehen sehr gefestigt aus. Vielleicht sind sie wie ich schlicht aus Neugierde da. Oder um sich zu erholen.

Erholsam ist die erste Nacht im Kloster allerdings nur bedingt. Nichtstun bekommt mir nicht. Ewig liege ich wach und grübele: Wie ich in der nächsten Woche den Schließtag in der Kita organisieren soll, welche Abgabetermine im Job anstehen, dass die Steuerberaterin zu Hause auf mich wartet.

Gerädert wache ich am nächsten Tag auf. Das soll also erholsam sein?

"Nein", sagt Brigitte Seifert energisch. "Die Wege nach innen können sehr laut sein. Den Alltagsstress loslassen ist für viele sehr schwer." Vielleicht hilft dagegen Meditation.

Also meditiere ich. Mit wenig Erfolg. Der Rücken zwickt, das Parfum einer anderen Teilnehmerin stört, die Gedanken gehen auf Wanderschaft.

Dafür gefallen mir die "Leibgebete" im Garten, Turnübungen, die ein Kreuz formen. Irene Sonnabend macht es vor: Arme nach oben strecken, dann zur Seite, schließlich zu den Füßen. Dazu gibt sie Anweisungen. "Spür die Dehnung!", sagt sie. Oder: "Fühle das Gras unter deinen Füßen!"

Pfefferminze kauen, Schafen lauschen

Anweisungen und Bewegung in der Natur funktionieren bei mir. Ich soll einen Spaziergang der Sinne unternehmen. An Nelken und Rosmarin schnuppern, feuchte Blätter befühlen, in den Himmel blinzeln, dem Blöken von Schafen lauschen, auf einem Blatt Pfefferminze herumkauen. Ganz von selbst beruhigen sich meine Gedanken.

Nur abends, in meinem kargen Zimmer, werde ich ein wenig traurig. Das Pfefferminzblatt hat mich an meine Kindheit im Garten meiner Großeltern erinnert. Beide sind innerhalb der letzten fünf Jahre verstorben.

"Trauer", erklärt mir Brigitte Seifert, ist eine Empfindung, die das Schweigen auslösen kann. Aber auch Wut, Kreativität oder Aufbruchstimmung. "Man weiß nie, ob und was beim Menschen durch das Schweigen passiert, was in ihm angestoßen wird", resümiert sie.

Am dritten Tag meines Klosteraufenthalts kommt mir das Schweigen fast schon natürlich vor. Ich mache einen Bogen um eine schwatzende Frauengruppe, die im Klostercafé eingekehrt ist, halte auch bei den "Gesprächsinseln" meinen Mund, lausche nur, was die anderen Teilnehmer berichten.

Eine letzte Meditation findet in der Krypta der Kirche statt. "Gott segne die Frucht unseres Schweigens und schenke unseren Worten Klarheit", betet Brigitte Seifert. Mich beeindrucken die kühlen, dicken Mauern, in denen schon vor tausend Jahren Menschen gebetet haben.

Am Abend ist es wieder Zeit zu reden. "Friede sei mit dir", wünsche ich einer anderen Teilnehmerin. Die Pfarrerin hatte uns den Segensgruß an die Hand gegeben, damit der erste Satz nach Tagen des Schweigens nicht zu profan ist.

Abends im Bett denke ich einen Moment nach. Schweigen ist nicht das Problem. Das Problem ist, sich nicht von ständiger Beschallung, ewiger Beschäftigung abhängig zu machen. Ich beschließe, das Handy noch auszulassen und die Zeitschrift im Koffer zu ignorieren. Noch einen Abend der Stille, bevor der Alltag mich wieder hat.



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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
papayu 25.07.2013
1. Und wenn ein dringendes Beduerfnis ansteht,
was dann ? GESTEN? Wenn die Blase drueckt, einfach hinter den naechsten Baum. Und wie erklaert man fehlendes Klopapier? War frueher das Trainingszentrum der Schweigens fuer bekannte Persoenlichkeiten, die mit den Haenden reden. Tuermchen bauen aufn Bauch oder so?
mielforte 25.07.2013
2. Mit Vitasprint ins Schweigekloster!
Der Mensch ist ja ein soziales Wesen und bedarf der Kommunikation. Wer also schweigen will, unterdrückt ein sehr menschliches Bedürfnis. So ist das Kloster ein Ort der Flucht vor der Nichtkommunikation in unserer Gesellschaft.
curti 25.07.2013
3. In 3 Tagen vom....
Zitat von sysopAlexandra FrankJournalistin, Frau, Rheinländerin. Alexandra Frank ist dreifach vorbelastet: Ein schweigsamer Mensch ist sie nicht. Und doch geht sie zu Einkehrtagen ins Kloster Drübeck, hier sollen auch Rastlose Ruhe finden. Sehr erholsam - oder doch besonders anstrengend? http://www.spiegel.de/reise/deutschland/schweigetage-im-kloster-druebeck-muehsames-nichtstun-a-912870.html
....Rastlosen zum Ruhelosen - was für eine Illusion!
Therapeut2013 25.07.2013
4. So ...
Ist der Aufenthalt wenigstens von der Steuer absetzbar
sitiwati 25.07.2013
5. Exerzitien
nannt man das in alten Zeiten, mit Schweigen hat das weniger zu tun, vielleicht hätte die Frau sich erst mal informieren und schon zuhause ein paar Gedanken machen müssen !
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