Segelfliegen für Anfänger Reine Kopfsache
Es ist faszinierend, wie viel auch beim Segelfliegen die Psyche entscheidet. "Spiele werden im Kopf entschieden", ist ja eine der gängigen Phrasen nach vergeigten Fußballpartien. Landungen beim Segelflug werden auch im Kopf entschieden. Das habe ich letztes Wochenende wieder gemerkt.
Ich war bei einem Verein im Hamburger Umland zu Gast, die eine sogenannte Schnuppermitgliedschaft anbieten. Zwei Wochenenden lang mitfliegen im ganz normalen Vereinsbetrieb, zu einem wirklich fairen Preis - was für ein angenehmer Ausklang für meine erste Segelflugsaison.
Vorher war ich immer in Lübeck geflogen, deshalb war es in jeder Hinsicht ein Flugtag der Premieren. Zum ersten Mal sah ich zumindest die Randgebiete meiner Geburts- und Heimatstadt aus dem Cockpit eines Segelflugzeugs. Zum ersten Mal glitzerte die Elbe im Sonnenlicht unter meinem Rumpf. Zum ersten Mal war ich gleichzeitig mit anderen Flugzeugen in der Luft, auf die ich aufpassen musste. Und zum ersten Mal saß ich am Steuerknüppel einer ASK 21. Was die KA7 vor 30 Jahren war, ist die ASK 21 heute: Das Schulungsflugzeug der Deutschen, sozusagen der Golf unter den Doppelsitzern.
Ich war trotzdem ein bisschen aufgeregt. Würde sie sich ganz anders anfühlen? Es ist schließlich ein ganz anderes Flugzeug: die KA7, meine erste Schulmaschine mit einem bespannten Stahlrohrrumpf und einer Sitzposition wie am Abendbrottisch. Die ASK 21 dagegen besteht komplett aus glasfaserverstärktem Kunststoff, man liegt darin eher wie in einem Fernsehsessel.
Stress bei der Landung
Die Überraschung: Wir mochten uns sofort, die ASK 21 und ich. In der Luft, 450 Meter über Uetersen und Pinneberg, war es so, als wären wir schon immer miteinander geflogen. Nur bei der Landung fremdelten wir erst mal ein bisschen.
Bei der KA7 ist es nämlich so, dass die ihre Nase hochnimmt, wenn man die Landeklappen ausfährt. Dann wird das Flugzeug langsam, was man sich bei der Landung nicht unbedingt wünscht. "Aufrichtendes Moment" heißt das und wird dadurch kompensiert, dass man drückt, also den Steuerknüppel nach vorne legt und wieder Fahrt aufnimmt.
Die ASK 21 aber hat kein aufrichtendes Moment, wenn man die Klappen ausfährt. Ich habe natürlich trotzdem immer gedrückt beim Klappen setzen, weil mir das aus der KA7 in Fleisch und Blut übergegangen ist. Deswegen wurde ich beim Landen plötzlich schneller, als ich eigentlich wollte. Und das erzeugte Stress. Zusätzlichen Stress erzeugte natürlich das Landen auf einem fremden Platz, auch wenn es darauf wirklich Platz genug gab.
Bloß nicht ärgern
Und jetzt sind wir wieder beim Anfang dieser Geschichte. Denn wegen dieses Stresses habe ich den Lande-Kardinalfehler begangen und dahin geguckt, wo ich landen wollte: nicht im Begrenzungszaun, sondern neben den Flugzeugen, die auf den Start warteten. Beim sogenannten Lande-T, der Landemarkierung.
"Du fliegst, wohin Du guckst" wurde mir während meiner Ausbildung immer eingebläut. Das hatte ich für einen Moment vergessen: Schaut man auf den Punkt, wo man landen will, wird man unweigerlich immer schneller, weil man mit der Flugzeugnase dahin ausrichtet. Stattdessen muss man auf den Horizont gucken und nur ab und zu einen Blick nach unten werfen. Dann stimmen auch Flugbahn und Geschwindigkeit.
So war keine meiner fünf Landungen so perfekt, wie ich sie gerne gehabt hätte. "Ärgere Dich nicht, es sei denn, Du willst Dich unbedingt ärgern", sagte mein Fluglehrer. Nein, ich ärgere mich auch nicht. In zwei Wochen starte ich wieder, wenn das Wetter mitspielt. Und dann weiß ich auch wieder, was die Landungen entscheidet: Der Kopf - nicht die Hand am Steuerknüppel.
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- Den Traum vom Fliegen träumt Michail Hengstenberg, seit er Kind ist. Weil regelmäßige Fünfen in Mathe einer Karriere als Berufspilot nicht förderlich sind, blieb er bislang am Boden. Bis jetzt. Von etlichen Gastflügen bei verschiedenen Segelflugclubs ausreichend motiviert, befindet sich der SPIEGEL-ONLINE-Redakteur seit Juli 2013 in der Ausbildung zum Segelflugpiloten.
REUTERS
Von seinen Erfahrungen auf dem Weg zur Lizenz zum Abheben erzählt Michail Hengstenberg regelmäßig in diesem Blog.
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Die 21 ist bis auf das Auf-und Abbauen ein wunderschönes Flugzeug egal ob Luftbaden oder etwas härtere Gangart sie macht als mit und ich habe mich eigentlich immer Sicher gefühlt... außer ....;-) auf jeden Fall ein schönes Flugzeug und ein toller Blog. Es ist schon sich zu erinnern und zu sehen das es anderen in der Ausbildung ähnlich ergeht wie mir damals :-)