Über den Wolken

Segelflug-Blog Looping über der Wasserkuppe

  Flieger an der Wasserkuppe: Eines der schönsten Segelflugreviere Deutschlands
Michail Hengstenberg

Flieger an der Wasserkuppe: Eines der schönsten Segelflugreviere Deutschlands

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Auf einmal war es sonderbar still, der Fahrtwind kaum noch vernehmbar. Ich schien zu schweben. Weder wurde ich in den Sitz gepresst noch hing ich in den Gurten. Ich legte den Kopf in den Nacken und schaute nach oben aus dem Cockpit. Und sah: den Erdboden. Ich flog meinen ersten Looping!

Als Segelflieger fern des Heimatflugplatzes Urlaub zu machen, kann eine ganz schön harte Prüfung sein. Das habe ich diesen Sommer gemerkt. Gut also, wenn in der Nähe des Urlaubsortes eine der Wiegen des deutschen Segelfluges steht, wo Legenden geboren wurden und außerdem eines der schönsten Segelflugreviere Deutschlands liegt: die Wasserkuppe. Beim Tagesausflug zum höchsten Berg Hessens hatte ich nicht nur schöne Flugstunden, sondern konnte auch Luftkunststücke ausprobieren.

Ich hatte mich für einen Tag bei der Segelflugschule angemeldet. Das Fliegen auf einem fremden Platz ist immer etwas Besonderes. Für mich gleich in mehrfacher Hinsicht: Zum einen war da der knifflige Start von der leicht abschüssigen Asphaltpiste hinter dem Motorflugzeug im F-Schlepp. Damit unser Flugzeug das Schleppseil wegen des Gefälles nicht überrollte, musste ich auf den ersten Metern bremsen. Zum anderen herrschte Seitenwind, was dazu führte, dass unsere ASK 21 direkt nach dem Abheben ein gutes Stück nach links geweht wurde.

Es ging nach oben - weiter, immer weiter

Weil beim F-Schlepp das Segelflugzeug deutlich früher abhebt als das Motorflugzeug, muss der Seglerpilot solange dicht über der Piste schweben, bis die Schleppmaschine vorne auch in die Luft kommt. Ich musste wegen des Seitenwindes nicht nur die richtige Höhe halten, sondern auch aufpassen, nicht zu weit abgetrieben zu werden. Das war anspruchsvoll. Und hat Spaß gemacht.

Erst einmal in der Luft, machte sich aber der größte Unterschied zu meinem Heimatflughafen bemerkbar. Als Flachlandpilot in der Nähe eines Großflughafens wie in Hamburg ist man doppelt benachteiligt. Zum einen ist die Thermik wegen der Nähe zum Meer nie so ausgeprägt wie in der Rhön. Zum anderen bestehen eigentlich immer Höhenbeschränkungen, auch wenn die Passagierjetsauf dem Weg zum Hamburger Airport gar nicht durch den Luftraum über dem Segelflugplatz fliegen. Das bedeutet: Selbst wenn dort gute Thermik ist, darf man in der Regel nicht höher als 750 Meter steigen oder, wenn man mal Glück hat, auf 980 Meter.

Auf der Wasserkuppe gab es Hammerthermik und die Möglichkeit, sie auszunutzen. Egal, welche Wolke wir anflogen, es ging eigentlich immer nach oben. Am Ende mussten wir regelrecht die Höhe abbauen, als wir wieder landen wollten. Mehr aus Jux fragte ich meinen Fluglehrer, ob er eine Kunstflugberechtigung habe und wir nicht vielleicht einen Looping fliegen könnten. Er hatte. Wir konnten.

"Auf 200 km/h zu beschleunigen ist schon ein cooles Gefühl"
Michail Hengstenberg

"Auf 200 km/h zu beschleunigen ist schon ein cooles Gefühl"

Beim Looping stürzt man senkrecht nach unten

Es war eine Kaskade an Sinneseindrücken. Auf 200 km/h zu beschleunigen ist schon ein cooles Gefühl. Dann zog ich den Knüppel an den Bauch, die Fliehkraft presste mich in den Sitz, und ich merkte, wie meine Wangen ebenfalls nach unten gezogen wurden. Wir mussten jetzt ungefähr senkrecht stehen, ich zog weiter, und plötzlich ließ der Druck gegen den Sitz nach, wir begannen jetzt die obere Hälfte des Loopings. Die Über-Kopf-Hälfte.

Ganz oben, am Scheitelpunkt des Loopings, musste ich kurz den Steuerknüppel drücken, damit die Nase etwas länger nach unten, in unserem Fall nach oben zeigte. Dadurch flog die ASK 21 einen schönen Kreis und fiel nicht nach unten aus dem Looping. Und dann, als es abwärts ging, musste ich wieder ziehen, damit der Vollkreis gelingt.

Diese Aussicht, wenn man für einen Moment senkrecht nach unten stürzt, die Erde auf einen zukommt, man dann weiter zieht, wieder in den Sitz gepresst wird, das Schwebegefühl am Scheitelpunkt - das alles kann ich auch Wochen danach noch immer abrufen. Und es fühlt sich so gut an, dass ich eins mit Sicherheit sagen kann: Es wird nicht bei einem Looping bleiben.



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2 Leserkommentare
Alternator 26.08.2014
m.j.t 27.08.2014

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