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Über den Wolken

Segelflug-Blog Der Traum vom eigenen Flugzeug - er ist wahr!

Segelflug-Blog: Mein Flugzeug Fotos
Michail Hengstenberg

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Kleines Geständnis: Ich habe mir ein Flugzeug gekauft. Und zwar schon vor mehr als einem Jahr, als ich noch in der Ausbildung war, das Flugzeug also gar nicht fliegen konnte. Bekloppt? Mag sein. Ich würde es jederzeit wieder tun.

Ja, ein dickes Fell ist bei so einem Unterfangen hilfreich. Dass so eine Aktion als Bruch der üblichen Segelfliegerkarriere betrachtet wird, bekommt man schnell zu spüren. Es spricht zwar niemand direkt aus, aber die Hälfte der Mitflieger hält einen für plemplem. Und, nüchtern betrachtet, stimmt das vermutlich sogar.

Die ganze Sache ging so los: Nach zehn Jahren habe ich mich getrennt - von meinem 1972er Plymouth Satellite, einem amerikanischen Straßenkreuzer, den ich 2003 eigenhändig aus den USA nach Deutschland geholt und hier restauriert hatte. Mittel waren also da, Abschiedsschmerz auch, und wie könnte der besser gelindert werden als durch einen gleichwertigen Ersatz?

In den Wintermonaten 2013/2014 durchforstete ich die Kleinanzeigen der deutschen Anlaufstelle für Segelflug im Internet. Ich erstellte eine Kriterienliste, was mir bei einem Flugzeug wichtig ist, verglich mit meinen finanziellen Möglichkeiten und identifizierte so meine Wunschflugzeuge. Dann legte ich mich auf die Lauer.

Hilfsbereite Fliegerkollegen

Dabei stellte ich zwei Sachen fest: Ein Auto zu kaufen ist deutlich leichter. Es gibt einfach mehr davon. Beim Segelflugzeugkauf würde man mit einer Umkreissuche unter 500 Kilometern nicht weit kommen. Und hier kommt Punkt Nummer zwei ins Spiel: Segelflieger sind unglaublich hilfsbereit. Ich habe bei meiner Recherche etliche neue Kontakte geknüpft, Rat und Hilfe bekommen. Ein österreichischer Fliegerkollege hat sich sogar zwei Flugzeuge für mich angeschaut, die dort standen.

Im April 2014 war es dann soweit: Ich entdeckte einen Einsitzer aus polnischer Produktion, eine SZD-55, die wegen ihrer Herkunft von vielen deutschen Fliegern verschmäht und entsprechend oft günstig angeboten wird. Dieses besondere Exemplar war durch den Einsatz in einer Flugschule zudem optisch etwas heruntergewirtschaftet.

Zum Glück hatte mir der technische Prüfer aus unserem Verein seine Unterstützung zugesagt (schon wieder so ein Beispiel für die Hilfsbereitschaft), war mit mir nach Hessen gefahren und attestierte dem Flieger vor Ort, zumindest solide zu sein. Bei einem Auto würde man von einer "guten Substanz" sprechen, also: Technik hui, Aussehen pfui.

Bunter Hund: Die SZD-55 beim Kauf noch mit wilder Kriegsbemalung Zur Großansicht
Michail Hengstenberg

Bunter Hund: Die SZD-55 beim Kauf noch mit wilder Kriegsbemalung

Alle Interessenten vor mir hatten in dieser SZD offenkundig nur ein hässliches Entlein gesehen. Ich sah den schönen Schwan. Da ich eh noch nicht damit fliegen konnte, weil ich noch mitten in der Ausbildung steckte, das Schrauben an meinem Plymouth vermisste und der Verkäufer mit sich reden ließ, nahm ich den Flieger in einem etwas seltsam anmutenden Anhänger mit.

Was folgte, waren Stunden um Stunden in der Vereinswerkstatt. Ich entfernte das Enzianblau an Rumpf und Flächen und förderte die darunter verborgenen Kratzer zutage. Ich schliff den Rumpf ab und lackierte das Vorderteil neu, polierte alles wieder auf Hochglanz und arbeitete den Innenraum auf. Denn der war farblich so gestaltet wie der Polo Harlekin, falls sich noch jemand daran erinnert (falls nicht: Das ist der VW Polo aus den Neunzigerjahren, bei dem jedes Karosserieteil eine andere Farbe hatte).

Unter Anleitung und mithilfe der Werkstattwarte und Prüfer des Vereins - denn als Noch-nicht-Pilot durfte ich nicht allein an meinem Flugzeug arbeiten, so sagt es das Gesetz - verschönerte ich den Flieger Stück für Stück. Hatte ich schon mal erwähnt, dass Segelflieger sehr hilfsbereit sind?

Ende 2014 war dann endlich alles fertig. Und wie sie da so stand, meine "55" auf der Wiese vor der Halle in der Wintersonne, war sie tatsächlich ein schöner Schwan geworden.

Ganz in Weiß: Die Stunden in der Werkstatt haben sich gelohnt Zur Großansicht
Michail Hengstenberg

Ganz in Weiß: Die Stunden in der Werkstatt haben sich gelohnt

Doch das Schlimmste kam erst noch: Wochen und Monate, in denen ich das Flugzeug nicht fliegen durfte, weil ich noch keine Pilotenlizenz hatte. Was mich etwas tröstete: Auch der Anhänger musste noch überarbeitet werden, und damit war ich am Ende dann sogar erst nach Erhalt meines Scheins fertig.

"Warum musst Du denn erst den Anhänger fertig machen?", wurde ich in dieser Zeit ganz oft von Freunden und Kollegen gefragt. Naja, ganz einfach: Weil es ja immer sein kann, dass ich es nicht mehr zum Platz zurückschaffe. Und dann muss ein zum Flugzeug und seinen Abmessungen passender Anhänger da sein, damit man es abtransportieren kann - selbst wenn ich auf einem Acker nur 500 Meter vom Flugplatz gelandet bin.

Die Aufregung vor dem Jungfernflug

Ende Juni dieses Jahres war es dann soweit: Die SZD-55, Kennung D-7644, hatte ihren Erstflug. Es war ein wunderschöner Sommertag, meine Familie war zum Flugplatz mitgekommen und wir alle, wirklich alle waren aufgeregt.

Den ersten Start wollte ich deswegen gar nicht selbst machen, sondern bat einen erfahrenen Mitflieger, den "Jungfernflug" durchzuführen. Ein komisches Gefühl - und ein wundervolles: Als die Winde anzog und der Flieger am Seil nach oben stieg, sich die Flächen wie die Schwingen eines Vogels durchbogen - da strahlte ich vor Freude. Auf diesen Tag hatte ich so lange hingearbeitet, so lange gewartet.

Vor allem: Die SZD-55 hat eine ganz besondere Tragflächenform. Sehr, sehr schmal und zu den Spitzen hin stark gebogen. Ich hatte diese eigenartige Form in den vergangenen Monaten zu Genüge am Boden bestaunt. Aber jetzt sah ich sie am Himmel, und sie sah aus wie kein anderes Flugzeug. Fein wie ein Florett schnitt sie durch die Lüfte. Ich war verliebt.

Dann war ich dran. Ich schnallte mir den Fallschirm um und setzte mich ins Flugzeug. Meine Familie stand daneben und stellte vor lauter Aufregung Fragen, die ich allesamt nicht hörte, weil ich mich ganz auf den Check vor dem Start konzentrierte. Würde alles gutgehen? Würde ich meine "55" mögen? Ich schloss die Haube und wartete auf den Start. Der Windenfahrer riss das Seil so abrupt an, dass der Flieger unweigerlich einen Satz nach oben machte und ich erstmal gegendrücken musste, um nicht zu steil zu steigen.

Den Rest des Windenstarts absolvierte ich mit erhöhtem Puls, aber ohne Probleme. Thermik fand ich vor lauter Aufregung nicht, obwohl um mich herum lauter schöne, Aufwind versprechende Cumuluswolken standen. Nach sieben Minuten landete ich wieder.

Hätte mich nicht ein Vereinskollege von der Landebahn gezogen, hätte ich vermutlich noch sehr lange einfach nur mit geöffneter Haube im Flugzeug gesessen. In meinem Flugzeug.

23 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
mhpr262 26.07.2015
ellge 26.07.2015
P-Centurion 26.07.2015
johi62 26.07.2015
gehdoch 26.07.2015
johndo89 26.07.2015
cumulusgranitus 26.07.2015
dani216 26.07.2015
hmutt 26.07.2015
sikasuu 26.07.2015
sikasuu 26.07.2015
wahrsager26 26.07.2015
tb59427 26.07.2015
Robert Redlich 26.07.2015
Lzdf 26.07.2015
humptata 27.07.2015
docmillerlulu 27.07.2015
vamp1971 27.07.2015
Blaniker 27.07.2015
Fakler 27.07.2015
acroflyer 27.07.2015
VvJ_Shogun 27.07.2015
cpt.z 27.07.2015

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  • Den Traum vom Fliegen träumt Michail Hengstenberg, seit er Kind ist. Weil regelmäßige Fünfen in Mathe einer Karriere als Berufspilot nicht förderlich sind, blieb er lange am Boden. Doch dann machte der SPIEGEL-ONLINE-Redakteur von etlichen Gastflügen bei verschiedenen Segelflugklubs ausreichend motiviert die Ausbildung zum Segelflugpiloten.

    Von seinen Erfahrungen auf dem Weg zur Lizenz zum Abheben und in der Luft erzählt Michail Hengstenberg regelmäßig in diesem Blog.