Über den Wolken

Segelflug-Blog Ich will weg

Jetzt schnell zurück: Der Autor über dem Wendepunkt des Überlandflugs
Michail Hengstenberg

Jetzt schnell zurück: Der Autor über dem Wendepunkt des Überlandflugs

Von


Und dann ging mir auf einmal doch die Düse: Ich war rund zwanzig Kilometer vom Flugplatz entfernt, und der Zeiger des Höhenmessers bewegte sich unerbittlich nach unten. 550 Meter, 500 Meter, 450 Meter - wo war die rettende Thermik?

Eine halbe Stunde zuvor war ich zu meinem 50-Kilometer-Überlandflug aufgebrochen, der letzten großen Aufgabe in der Segelflugausbildung vor der praktischen Prüfung. Der "50er" ist sozusagen der Reifetest des Segelfliegers. Zum ersten Mal weg vom Flugplatz, nur auf mich allein gestellt. Bei uns im Verein gibt es dafür eine gern gewählte Strecke: vom Flugplatz bis zu einem rund 25 Kilometer entfernten Kalktagebau und zurück.

In den Tagen vor dem Flug hatten mich die Streckenflug-Cracks aus meinem Verein bearbeitet. Wenn ich mich wirklich abnabeln wolle, müsse ich nicht 50 Kilometer fliegen, sondern besser hundert, nach Neumünster und zurück. Weil mit den Gleitleistungen moderner Kunststoffflugzeuge der 50er ein Klacks ist, eine "erweiterte Platzrunde", wie sie sagten.

Es stimmt ja auch: Der Kalktagebau in Lägerdorf ist aus unserer Platzrunde am Horizont deutlich zu erkennen. Trotzdem habe ich mich für die "kleine" Lösung entschieden. Weil ich das Risiko einer Außenlandung minimieren wollte. Erst am Tag zuvor war ein Vereinskamerad bei Bremen gelandet. Bis er von den Rückholern aufgepickt, sein Flugzeug zerlegt, im Hänger verstaut und der ganze Trupp wieder zurück am Platz war, schlug die Uhr Mitternacht. Es war also eine pragmatische Entscheidung. Aber am Ende wurde es trotzdem noch spannend.

Wobei es auch direkt vor Abflug schon nicht so rosig aussah. Gegen elf Uhr hatten sich die ersten satten Kumuluswolken gebildet. Segelflieger lieben die strahlendweißen Häufchenwolken, weil sie so etwas wie ein Thermikanzeiger sind: Da, wo sie stehen, steigt die Luft nach oben, da wartet der Fahrstuhl für uns Flieger. "Bart", so heißen die aufsteigenden Warmluftgebilde im Segelfliegerjargon. Und an diesem Tag, das verhießen die Wolken, würde es verdammt viele gute Bärte geben.

Doch leider entwickelten sich die Dinge anders. Die Piloten, die gegen zwölf Uhr gestartet waren, meldeten alsbald über Funk, dass die Wolken "abtrocknen", also sich auflösen würden. Wenn das passiert, fährt der Aufzug nicht mehr. Sollte es doch nichts werden mit meinem Flug? Zwei Jahre lang hatte ich auf diesen Moment hingearbeitet.

Um kurz vor ein Uhr Ortszeit startete ich trotzdem. "Erzwinge es nicht", hatte mir der Startleiter, ein erfahrener Streckenflieger, nach einem kritischen Blick in den Himmel noch mitgegeben, bevor ich die Cockpithaube schloss. Nein, erzwingen wollte ich nichts. Aber versuchen.

Der erste Bart nach dem Ausklinken aus der Winde zog nicht richtig, doch der zweite trug mich auf fast 900 Meter. Ein letzter Blick zurück auf den Platz, dann flog ich ab in Richtung Norden. Mein Plan war der: Möglichst nicht unter 700 Meter Höhe zu sinken und mich so von Bart zu Bart langsam vorzutasten. Zunächst ging der Plan auch auf, ich flog von Wolke zu Wolke und tankte mit ein paar Kreisen im Aufwind immer wieder Höhe.

Doch dann, keine drei Kilometer vor meinem Ziel, endete plötzlich die Bewölkung. Vor mir lag der Kalktagebau - und ein riesiges Gebiet blauen Himmels. Keine Wolken, keine Thermik auf dem letzten Stück zum Wendepunkt. Was tun?

Eine schwierige Entscheidung. Sollte ich mich an meinen Plan halten, nicht unter 700 Meter zu sinken? Dann müsste ich umkehren, denn voraus, das war klar, wartete kein Höhe spendender Aufwind mehr auf mich. Doch dann würde ich es vermutlich nicht schaffen mit dem 50er an diesem Tag. Oder es doch wagen?

Beim Blick nach unten sah ich zwischen mir und dem Wendepunkt lauter frisch gepflügte Äcker. Eine Außenlandung wäre also im schlimmsten Fall machbar. Aber wollte ich auf meinem ersten Flug weg vom Platz auch gleich auf einem Acker runtergehen? Nein danke, eine Premiere reichte mir. Ich flog trotzdem weiter.

Ich hatte mir diesen Flug in den zwei Jahren meiner Ausbildung immer wieder ausgemalt. Und die Ankunft am Wendepunkt stets als einen Moment des Innehaltens vorgestellt, als ein erhebendes Erlebnis. Tatsächlich war meine Ankunft dort mit kontinuierlichem Sinken verbunden. Ich flog deswegen noch nicht mal um den Tagebau herum, sondern wendete hastig kurz davor (was mich später, nach der Landung, kurz zittern ließ, ob ich überhaupt die geforderten 50 Kilometer geflogen war - bis ich die Flugdatei ausgelesen hatte).

500 Meter zeigte der Höhenmesser. In jedem Lehrbuch steht, dass man ab diesem Zeitpunkt die Außenlandung vorbereiten muss. Auf dem Weg zurück zu den Wolken beobachtete ich deswegen auch die darunter gelegene Landschaft. 400 Meter. Endlich sah ich über mir wieder weiß statt blau. Und tatsächlich: Es rupfte und zupfte zaghaft am Flieger, ich begann zu kreisen.

Aber ich war noch nicht aus dem Schneider. Abwechselnd schaute ich auf die Instrumente, die mir das Steigen anzeigten, und nach einem möglichen Landefeld. Wahrscheinlich traf ich deshalb den Aufwind nicht richtig, flog immer wieder raus aus dem Steigen und gewann deswegen nur minimal an Höhe. Ich ging meine Optionen durch. Von hier aus würde ich es nicht zurückschaffen. Auch nicht zu dem kurz vor unserem Platz gelegenen stillgelegten Flugplatz.

Da sah ich plötzlich, ein kleines Stück von mir entfernt, eine kleine Vogelformation ruhig durch die Luft schweben. Die Rettung! Vögel sind auch ein guter Thermikanzeiger. Ich verlagerte meinen Kreis ein Stück, und tatsächlich: Es riss mich zwar nicht empor, aber wenigstens stieg ich jetzt kontinuierlich. Auf einmal merkte ich, wie angespannt ich in den letzten Minuten gewesen war: Es fühlte sich an, als hätte ich die letzten Minuten die Luft angehalten - und würde jetzt erst wieder befreit atmen.

Den Rest des Rückwegs konnte ich genießen. Im Himmel über mir hingen wieder die schönsten Cumuli, zweimal tankte ich noch Höhe, bevor ich im Endanflug einfach nur noch geradeausflog. Das platte Land Schleswig-Holstein, durchzogen vom graublau schimmernden Band der Elbe. Und dann auf einmal wieder der Flugplatz. "Delta Zwo Sieben Acht Fünf an der Position, Fahrwerk ausgefahren und verriegelt" meldete ich mich zur Landung an.

"Acht-Fünf, in Sicht", knarzte aus dem Funk zurück, "Bist du rum?"

Immer wieder hatte ich von den Streckenfliegern bei uns im Verein gehört, wie unvergleichlich dieses Gefühl ist, nach einem langen Flug zurück nach Hause zu kommen. Es geschafft zu haben, der Natur Entfernungen abzuringen, bei denen sich die wenigsten Menschen vorstellen können, dass man sie ohne Motorkraft zurücklegen kann.

Ich war zwar an diesem Tag nicht besonders weit geflogen. Aber es gab einen Moment, in dem ich glaubte, es nicht zurück zu schaffen. Und ich habe ihn allein gemeistert. Es saß niemand hinter mir, mit dem ich mich hätte beraten können. Oder der mir gesagt hätte, was ich tun und wohin ich fliegen muss.

Trotzdem hatte ich die richtigen Entscheidungen getroffen, es trotz nicht ganz optimaler Bedingungen gewagt - und geschafft. Erleichterung, unbändige Freude und auch ein bisschen Stolz übermannten mich. Ich wusste jetzt, was die Streckenflieger meinen. "Ja, ich bin rum", antwortete ich ins Mikrofon. Und schrie vor Freude.

Mehr zum Thema


Diskutieren Sie mit!
9 Leserkommentare
wahrsager26 30.04.2015
Koalabärin 30.04.2015
f.hohaus 30.04.2015
downwind1 30.04.2015
winne42 30.04.2015
novembertango 05.05.2015
cumulusgranitus 18.05.2015
Mr. Tibbers 21.05.2015
JörgL 26.08.2015

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.