Über den Wolken

Segelflug-Blog Umsonst geackert, aber viel gelernt

Zurück am Platz nach der Außenlandung

Zurück am Platz nach der Außenlandung

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Manchmal muss man im Leben einen Schritt zurückgehen, um zwei voranzukommen. Das gilt offensichtlich auch für das Segelfliegen. Meine ungeplante Außenlandung auf einem Acker entpuppte sich für mich als ein Befreiungsschlag.

Mit den Außenlandungen ist es so eine Sache: Sie gehören eigentlich zum Segelfliegeralltag. In der Ausbildung wird man bei der sogenannten navigatorischen Überlandflugeinweisung mit dem Motorsegler darauf vorbereitet, Man lernt, sich den richtigen Acker auszusuchen, ohne Hindernisse, in Windrichtung gelegen, ausreichend groß. Dann übt man die Anflüge - startet aber vor dem Aufsetzen mit dem Motorsegler immer wieder durch.

Vor einer echten Außenlandung hatte ich aber bislang großen Respekt. Zum einen gibt es immer ein gewisses Restrisiko, auch beim schönsten Acker. Das zeigte sich auch in meinem Fall: Als wir nach der Landung den Flieger vom Feld zogen, rumpelte das schleppende Auto über einen Findling, so groß wie ein Schaf. Der lag einfach dort, verdeckt vom Dreck, nicht zu sehen. Wenn ich bei der Landung mit dem Fahrwerk daran hängengeblieben wäre oder auf den letzten Metern, die mein Flieger bei der Landung mit der Nase im Erdreich zurücklegte, den Brocken getroffen hätte, wäre das Fluggerät garantiert beschädigt worden.

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt und der ist in meinem Fall viel entscheidender: Eine Außenlandung kostet Zeit, viel Zeit. Und die muss man erstmal haben. Wer außenlandet, braucht nämlich einen sogenannten Rückholer. Einen selbstlosen Fliegerkollegen, der sich den Anhänger für den Flieger schnappt, ihn ankoppelt und zum Acker kommt, auf dem man gelandet ist. Das kann manchmal dauern - gerade wenn er selber an dem Tag noch fliegt, oder man weiter vom Flugplatz weg in unwegsamem Gelände gelandet ist. Etliche Rückholaktionen enden erst spät in der Nacht. Man sollte also, wenn man auf Überlandflug geht, am Abend lieber keinen wichtigen Termin haben.

In Reinsdorf, wo wir unser Streckenfluglager abhielten, hatte ich abends keine wichtigen Termine. Und es scheint, als wollte ich diese Gelegenheit unbedingt für meine erste, möglichst stressfreie Außenlandung nutzen. Denn, wie ich im Nachhinein rekonstruierte, war die eigentlich unnötig gewesen. Zu dem Zeitpunkt, als ich die Entscheidung zur Außenlandung traf, hatte ich noch eine Höhe von 500 Metern. Ich wähnte mich weit vom Flugplatz weg, tatsächlich war ich das aber gar nicht, sondern kreiste lediglich fünf Kilometer entfernt der Piste. Ein Blick auf meinen Bordcomputer hätte genügt, und ich hätte gesehen, dass ich mit dieser Höhe und bei den herrschenden Windverhältnissen (ich hätte bei einem Anflug auf den Platz Rückenwind gehabt) problemlos hätte zum Platz zurückkehren können.

Doch diese Option kam mir überhaupt nicht in den Sinn. Stattdessen war ich vollkommen darauf fixiert, zu landen, jetzt, hier, gleich. Und das tat ich dann auch.

Für mich war das aus zwei Gründen wichtig: Zum einen hat es mir noch einmal vor Augen geführt, wie wichtig die mentale Einstellung beim Fliegen ist. Wie sehr mich das Ziel (oder ein fehlendes Ziel) bei meinen Handlungen leitet. Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft ein besseres Optionsmanagement durchzuführen, mir einen besseren Überblick zu verschaffen.

Zum anderen war es trotzdem ganz entscheidend, diese Landung auf dem Acker zu machen. Erfahrene Streckenflieger sprechen immer davon, dass man "das Band zum Flugplatz zerschneiden" muss, um in die Streckenfliegerei hineinzufinden. Also nach vorne zu schauen, auf den Wendepunkt, das nächste Ziel, sich darauf zu fixieren. Nicht darauf, ob man es noch zum Flugplatz zurückschafft.

Die Außenlandung mit einzukalkulieren, sie in Kauf zu nehmen, das gehört zum Streckenfliegen dazu. Meine Außenlandung mag, rational betrachtet, unüberlegt gewesen sein, ich hätte zum Flugplatz zurückkehren, noch mal starten und noch mehrere Stunden fliegen können. Stattdessen wartete ich in der sengenden Sonne auf meinen Rückholer und freute mich: Meine Skepsis, meinen Respekt vor dem sogenannten Ackern hatte ich weggelandet. Ich hatte, so fühlte es sich an, das Band zum Flugplatz durchschnitten. Und das sollte die nächsten Tage noch sehr beeinflussen.

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4 Leserkommentare
Sergeij 30.05.2016
tutnet 31.05.2016
440satellite 31.05.2016
dietmarschlager 01.06.2016

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