Über den Wolken

Über den Wolken Die Geduldsprobe

Warten, warten, warten: Auch das gehört zum Segelfliegen Zur Großansicht
Michail Hengstenberg

Warten, warten, warten: Auch das gehört zum Segelfliegen

 |

Meine zweite Woche als Segelflugschüler begann mit Warten. Also, ich habe natürlich auch schon letzte Woche viel gewartet. Darauf, dass der Rückholwagen mit dem Seil von der Winde angezuckelt kommt. Oder der Starthelfer nach der Landung zum Flugzeug läuft, um das Seil wieder einzuklinken und die Tragfläche beim Start geradezuhalten. Oder einfach, bis ich mit Fliegen an der Reihe bin.

Wenn ich die drei Kardinalstugenden eines Segelfliegers benennen müsste, würde ich so tippen: Vorsicht (damit man nicht durch unbedachte Flugmanöver abstürzt), Übersicht (damit man nicht mit anderen Flugzeugen zusammenstößt und abstürzt) - und Geduld. Segelfliegen ist eine gute Geduldsübung. Am Montag wurde der Härtegrad noch mal extrem hochgeschraubt.

Als ich am späten Nachmittag bei bestem Wetter auf dem Platz ankam, zirkelten sich meine Mitschüler in der Thermik zu 16-Minuten-Flügen auf. Zur Erinnerung: Mein längster Flug hatte bislang acht Minuten gedauert. Voller Vorfreude, genau, wartete ich darauf, das Cockpit entern zu können. Doch beim vorletzten Flug des Schülers, der vor mir dran war, riss das Windenseil.

Das machte mich zwar um das Wissen reicher, wie man ein Stahlseil so auf-, und wieder ineinander wickelt (spleißt), dass es auch ohne Einsatz von Lötzinn oder Schweißdraht hält. Faszinierend! Aber natürlich kostete das Zeit.

Als wir nach einer guten halben Stunde fertig mit den Arbeiten waren, hatte der Wind um 180 Grad gedreht. Und weil Windenstarts mit Rückenwind weder ratsam noch ergiebig sind, mussten wir den gesamten Flugbetrieb einmal umdrehen. Bis alles jeweils am anderen Ende des Platzes wieder aufgebaut war, dauerte es eine weitere gute halbe Stunde. Als ich endlich ins Flugzeug klettern konnte, hatte sich das mit der Thermik erledigt.

In diesen Momenten zeigt sich, glaube ich, auch der Charakter einer Segelfluggruppe. Sei es in der Schule oder im Verein. Jeder am Platz brennt darauf zu fliegen. Und niemand kann etwas dafür, wenn das Seil reißt oder der Wind dreht. Man muss das als Gruppe ertragen, auch wenn es bedeutet, dass am Ende des Tages nicht so viel geflogen wird, wie eigentlich geplant war.

Ich habe gestern nur drei statt fünf Flüge gemacht. Entschädigt wurde ich mit dem Gefühl, auch nach einem Wochenende Pause vertraut mit dem Flugzeug zu sein. Einem Flug, auf dem mein Lehrer nur noch wenig sagte und mich viel allein machen ließ. Und mit einem traumhaften Blick von oben, weit über dem Boden, auf die glutrote, untergehende Sonne.

Auf manche Dinge muss man eben warten.

Diesen Artikel...
37 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
zuerichente 09.07.2013
jemueh 09.07.2013
jamelmar 09.07.2013
edirosso 09.07.2013
tb59427 09.07.2013
Acer99 09.07.2013
diboko1 09.07.2013
WMTRO 09.07.2013
WMTRO 09.07.2013
Sergeij 09.07.2013
les2005 09.07.2013
DieAntwort 09.07.2013
TheCabal 09.07.2013
Future 09.07.2013
Absurdistan-Veteran 09.07.2013
theloop 09.07.2013
olum_04 09.07.2013
vorstadtcowboy 09.07.2013
aviateur 09.07.2013
aviator 09.07.2013
aviateur 09.07.2013
Elias Faethe 09.07.2013
jdredd 09.07.2013
macallan38 10.07.2013
aviator 10.07.2013
uwe_p 10.07.2013
tb59427 10.07.2013
dominikel 10.07.2013
winne42 10.07.2013
aviateur 10.07.2013
joeplumber 10.07.2013
borisgo 10.07.2013
Jugendstil 13.07.2013
nano33 15.07.2013
martzimmermann 15.07.2013
Lutziii 15.07.2013
martzimmermann 16.07.2013
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Über den Wolken
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Den Traum vom Fliegen träumt Michail Hengstenberg, seit er Kind ist. Weil regelmäßige Fünfen in Mathe einer Karriere als Berufspilot nicht förderlich sind, blieb er bislang am Boden. Bis jetzt. Von etlichen Gastflügen bei verschiedenen Segelflugclubs ausreichend motiviert, befindet sich der SPIEGEL-ONLINE-Redakteur seit Juli 2013 in der Ausbildung zum Segelflugpiloten.

    Von seinen Erfahrungen auf dem Weg zur Lizenz zum Abheben erzählt Michail Hengstenberg regelmäßig in diesem Blog.