Über den Wolken

Segelflug-Blog Jetzt geht die Reise los

Von


2100 Meter zeigt mein Höhenmesser. So hoch war ich noch nie in einem Segelflugzeug gestiegen. Und so weit war ich auch noch nie allein vom Flugplatz entfernt.

Bisher war ich, mit Ausnahme meiner Flüge in den Schweizer Alpen, in Unterwössen und bei meinem 50-Kilometer-Flug eigentlich immer in der Nähe des Flugplatzes geflogen. Bei den beiden Alpenflügen waren jeweils Fluglehrer dabei.

Das Fliegen in der Nähe des Flugplatzes hat etwas Beruhigendes. Man kann immer ohne Stress auf der gewohnten Piste mit der gewohnten Umgebung landen. Gleichzeitig, und das weiß ich erst jetzt, hat es etwas Unruhiges. Man flitzt hin und her, von Thermik versprechender Wolke zu Thermik versprechender Wolke, immer kurze Strecken. Ohne Ziel, rastlos.

Bei meinem ersten Streckenflug im Flachland hat mich vor allem die Ruhe überrascht. Obwohl ich ein konkretes Ziel hatte, und auf dem Weg dahin teilweise viel schneller flog, als ich es sonst getan hatte, verspürte ich dabei eine Entspannung, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte.

Es lief von Anfang an sehr gut: Gleich der erste Aufwind, den ich nach dem Ausklinken des Windenseils angeflogen hatte, war ein Treffer. Mit Wucht trug mich die Thermik nach oben, während der Pilot, der vor mir an der Winde gestartet war, einen Aufwind weiter kämpfen musste, um hoch zu kommen. Reine Glückssache - trotzdem flog ich mit gestärktem Selbstbewusstsein ab.

Überhaupt: Abfliegen! Weg vom Platz, vorwärts immer, rückwärts nimmer. Es war, als startete ich in ein neues Leben.

Im Teamflug in der Thermik

Ich hatte mich mit einem Fliegerkollegen, der erfahrener war als ich, zum Teamflug verabredet. Er mit seiner ASW 20, Kennzeichen "GW", Golf Whiskey", ich mit meiner SZD-55, "Juliet Uniform".

Wenn man sich gut miteinander abstimmt, kann der Teamflug Vorteile haben. Für mich als Novizen bietet er das beruhigende Gefühl, nicht ganz auf mich allein gestellt zu sein. Aber auch der Erfahrenere kann profitieren. Unter großen, nicht genau definierten, Wolken kann man sich aufteilen und ein größeres Areal nach Thermik abgrasen. Wer das bessere Steigen gefunden hat, ruft den anderen zu sich. Und wenn jeweils eine Wolke rechts und eine Wolke links der Kurslinie stehen, die ähnlich vielversprechend aussehen, kann man sich ebenfalls aufteilen.

Spyderglider Productions

Der Teamflug hat auch Nachteile: Als Anfänger schiebt man es immer weiter heraus, Entscheidungen zu treffen. Wie ist die Wetterlage auf dem angepeilten Kurs? Entspricht sie noch der Vorhersage oder hat sie sich entscheidend geändert?

Auf unserem Flug mussten wir mehrmals umdisponieren. Auf dem Weg zum Wendepunkt waren zum Beispiel plötzlich die Wolken aufgerissen, ein großes, blaues Loch Himmel lag vor uns. Keine Wolken, vermutlich keine Thermik oder zumindest keine eindeutig zu lokalisierende. Schnell änderten wir den Kurs.

Diese Entscheidungen haben wir bei unserem Flug gemeinsam getroffen, in kurzen Absprachen über Funk. Das war eine große Erleichterung, wiewohl ich weiß: Irgendwann muss ich es auch alleine schaffen.

Anmutig, fast lautlos

"Golf Whiskey" und ich flogen schräg versetzt über den Fläming. Zum ersten Mal erlebte ich Segelfliegen als eine Reise. Bisher hatte es, auch beim Geradeausfliegen eher den Charakter einer sportlichen Übung: Ein ewiges Hin-und-Herhasten zwischen den Turngeräten in Form von Wolken. Jetzt, dadurch, dass ich ein Ziel hatte, das weit weg lag, war mein Segelflugzeug nicht mehr nur Sportgerät, sondern Reisemittel. Und was für eins: anmutig, fast lautlos, die Fiberglas-Tragflächen schwangen in kleinen Turbulenzen wie die Flügel eines Vogels.

Die wohl extremste Form dieses Dahingleitens ist der sogenannte Endanflug. Das letzte Stück der Strecke auf dem Weg zurück zum Flugplatz. Rund 35 Kilometer entfernt tankte ich in einem Aufwind (die Segelflieger nennen ihn den "Endanflugbart") noch einmal so lange Höhe, bis der Bordcomputer mir eine Ankunft in 300 Metern über dem Flugplatz in Reinsdorf anzeigte. Also los, ab nach Hause. "Golf-Whiskey" flog noch weiter, aber ich war platt, am Ende. Bis zu den Haarspitzen gefüllt mit neuen Eindrücken.

Für mich war es das erste Mal, dass ich einen so langen Endanflug antrat und dabei nur dem Computer vertraute. Einfach nur flog, ohne zwischendrin noch einmal in einem Aufwind einzukreisen. Anfangs war das nicht schwer, der Boden war weit weg. Auch, als der Endanflugrechner zwischenzeitlich nur noch eine Ankunftshöhe von 150 Metern über Platz anzeigte, weil ich zuvor durch einen satten Abwind geflogen war und Höhe verloren hatte, ließ mich das nicht unruhig werden. Ich würde auf den noch vor mir liegenden 25 Kilometern sicher auch wieder durch einen Aufwind fliegen, der mir die verlorene Höhe zurückgeben würde, dachte ich. Und so war es auch.

Einfach nur Abgleiten. Herrlich

Ich hatte nur noch eine Aufgabe: die Landung. Kein Höhe-Erkämpfen mehr, keine taktischen Abwägungen treffen, einfach nur Abgleiten. Es war herrlich.

Nervös wurde ich erst, als der Höhenmesser sich der 500-Meter-Marke näherte und der Flugplatz noch zu weit weg schien. Unter mir lag der Flugplatz Oehna, rund zehn Kilometer von Reinsdorf entfernt. Sollte ich sicherheitshalber hier landen? Ich erinnerte mich an meine Außenlandung vor ein paar Tagen und mein mangelhaftes Optionsmanagement.

Eine Landung in Oehna wäre vermutlich übervorsichtig. Immerhin zeigte der Endanflugrechner 250 Meter Ankunftshöhe über Reinsdorf an. Und zur Not könnte ich mit verkürzter Platzrunde anfliegen oder auf einem der Felder im Anflugbereich landen - die hatte ich mir am Morgen extra daraufhin angeschaut. Ich gab mir einen Ruck und flog weiter.

Es passte. Als ich in Reinsdorf ankam, zeigte der Höhenmesser 270 Meter über Grund an, mehr als genug für eine ganz entspannte Platzrunde und eine stressfreie Landung. Ich hatte es geschafft.

Die Bilder dieses Fluges und die Empfindungen klingen noch bis heute in mir nach. Das Glücksgefühl, soweit oben über dem Boden lautlos zu reisen, kann ich auch jetzt noch jederzeit abrufen. Dann schließe ich die Augen, winke aus dem Fenster "Golf Whiskey" zu und stoße einen stillen Jubelschrei aus. Streckenflug, von dir will ich noch mehr.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


Diskutieren Sie mit!
2 Leserkommentare
thies 04.06.2016
discus98 11.07.2016

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.