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Über den Wolken

Segelflug-Blog Der mit den Störchen fliegt

Spyderglider Productions

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Manchmal sind es die kleinen, vermeintlich unspektakulären Flüge, die einem ganz besonders im Gedächtnis bleiben. Bei mir war es ein kurzer, knapper Flug, den ich mir hart erkämpft hatte - und bei dem es zu einer unerwarteten Begegnung in der Luft kam.

Es war das letzte August-Wochenende. Der August ist ein schwieriger Monat. Die Tage werden schon kürzer, die Thermik flaut ab, die Tage, an denen man abheben kann, werden weniger. Die lange, entbehrungsreiche Pause im Winter wird erstmals greifbar. An jenem Tag im August sollte es laut Wetterbericht noch möglich sein, zu fliegen, aber erst zum Mittag hin. Am Nachmittag aber waren wir auf einer Hochzeit eingeladen. Es war klar: Wenn ich überhaupt würde fliegen können an diesem Tag, dann nur kurz. Und das Wetter müsste mitspielen.

Meine SZD 55 hatte ich schon morgens aufgerüstet. Nun wartete ich, den Kopf in den Nacken gelegt, zusammen mit den anderen Piloten darauf, dass sich die Wolkendecke auflösen würde. Und das tat sie auch - nur nicht über unserem Platz: südlich der Elbe riss um halb zwölf der Himmel auf und ließ die Sonnenstrahlen durch. Wie Wattebälle bildeten sich dort, in Sichtweite und doch zu weit weg für uns, die Thermik verheißenden Kumuluswolken. Über unseren Köpfen hingegen blieb es grau.

Die Uhr tickte gnadenlos. Zwölf, halb eins - um 14 Uhr musste ich wieder auf dem Boden stehen, um noch rechtzeitig zur Hochzeit zu kommen. Und damit zu verhindern, dass an diesem Tag noch Menschen aus meinem näheren Umfeld in die Luft gehen (und zwar ohne Flugzeug). Die Zeit verrann, der Himmel blieb grau und die Flugschüler, die starteten, waren wenige Minuten später wieder unten. Hatte ich umsonst aufgerüstet?

Um kurz vor eins bildeten sich unweit vom Platz, in Startrichtung voraus die ersten, dunklen Wolkenfetzen. Thermik ohne direkte Sonnenstrahlung? Ja, das gibt es ab und an. Ich setzte alles auf eine Karte, schob mein Flugzeug an den Start und ließ mich von der Winde in den Himmel schießen. Es war kurz nach eins.

Nach dem Ausklinken flog ich entschlossen vom Platz weg auf den grauen Wolkenfetzen zu. 350 Meter zeigte der Höhenmesser bei meiner Ankunft an. Zwei, drei tastende Kreise würde ich fliegen können auf der Suche nach Thermik, wenn ich dann nichts gefunden hätte, würde ich zurückfliegen und landen müssen.

Doch dann ging das typische Thermikschütteln durch den Flieger, das anzeigte, dass hier die Luft in Bewegung ist. Es war ein sogenannter Nullschieber - ein Aufwind, der so gerade eben reichte, um die Höhe zu halten. Nullschieber heißt er, weil man nach einem vollen Kreis in ihm genau null Meter gestiegen ist, aber auch null Meter gesunken.

Fast zwanzig Minuten zog ich in ihm meine Kreise, ohne dass sich die Nadel des Höhenmessers nach oben oder unten bewegte, wie festgeklebt blieb sie bei 350 Metern stehen. Da der Wind mich eher in Richtung Platz zurücktrieb statt davon weg, war das kein Problem.

Ich freundete mich gerade mit dem Gedanken an, an diesem Tag immerhin eine knappe halbe Stunde in der Luft gewesen zu sein, wenn auch nur an einer Stelle, einen Steinwurf vom Platz entfernt. Doch plötzlich zuckte die Nadel des Variometers, dass das Steigen anzeigt, nach oben. Der Thermik-Bart gewann an Kraft, es ging aufwärts!

Fünf Minuten später war ich schon auf 500 Meter Höhe geklettert. Ich sah, wie andere Flieger herübergeflogen kamen und weiter unten in den Bart einstiegen. 600 Meter, 700 Meter, beim Blick aus dem Fenster sah ich, dass die Wolken nun endlich auch über dem Platz aufgerissen waren und rings um mich herum die weißen Wolkenwattebällchen am Himmel erschienen.

Ich flog zurück in Richtung Platz. Die anderen Segelflieger waren noch weit unter mir, doch ich hatte Gesellschaft hier oben. Ein Schwarm Störche ein kleines Stück voraus markierte den nächsten Aufwind. Es kommt immer mal wieder vor, dass man mit Vögeln zusammen in der Thermik kreist, meist sind es Bussarde oder andere Raubvögel.

Das sind immer erhebende Momente, die mich daran erinnern, dass ich gerade einen alten Menschheitstraum erlebe: frei wie ein Vogel zu sein. Denn die Menschen hatten, wenn sie über Hunderte von Jahren an das Fliegen dachten, sicher nicht quälend laute, stinkende Motormaschinen vor Augen. Sondern genau das: Seit' an Seit' mit Vögeln lautlos durch die Luft zu gleiten, nur getragen von der Kraft der Natur.

Störche verleihen diesen Augenblicken noch etwas Majestätischeres als Falken oder Bussarde. Sie sind groß, sie wirken ungelenk - und gleiten doch elegant durch die Luft. Ohne einen Flügelschlag zu tun, stiegen sie, der Sonne entgegen. Und ich mit ihnen, nur umgeben vom Rauschen des Windes.

Als ich wenig später wieder landen musste, um zur Hochzeit zu eilen, war der Himmel voll von Segelflugzeugen, die gar nicht mehr runterkamen, weil die Thermik sich so gut entwickelt hatte. Ich hätte nun noch ewig in der Luft bleiben können. Traurig war ich trotzdem nicht. Ich hatte es geschafft, hatte mich festgebissen, nicht nachgegeben, mir den ersten Aufwind des Tages erkämpft. Und dann einen Moment erlebt, der mich ewig begleiten wird.

Anmerkung des Piloten: Leider hatte ich bei meinem Flug keine Kamera mit. Zum Glück waren die Fliegerkollegen von Spyderglider Productions ein paar Wochen zuvor ebenfalls mit Störchen geflogen - und haben den besonderen Moment gefilmt und mir das Video zur Verfügung gestellt. Danke dafür!

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  • Den Traum vom Fliegen träumt Michail Hengstenberg, seit er Kind ist. Weil regelmäßige Fünfen in Mathe einer Karriere als Berufspilot nicht förderlich sind, blieb er lange am Boden. Doch dann machte der SPIEGEL-ONLINE-Redakteur von etlichen Gastflügen bei verschiedenen Segelflugklubs ausreichend motiviert die Ausbildung zum Segelflugpiloten.

    Von seinen Erfahrungen auf dem Weg zur Lizenz zum Abheben und in der Luft erzählt Michail Hengstenberg regelmäßig in diesem Blog.