Über den Wolken

Über den Wolken Fliegen versus Familie

Freude am Fliegen: Ein Fall für die ganze Familie? Zur Großansicht
Gerrit Sievert

Freude am Fliegen: Ein Fall für die ganze Familie?

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Als ich das erste Mal einem Segelflieger gestand, dass ich ihm nacheifern wolle, hat der mich gewarnt. Ich war auf gut Glück mit meinen beiden Söhnen zu einem Segelflugplatz gefahren, um als Gast mitzufliegen. Während ich wartete, kam ich mit einem der Piloten ins Gespräch. Wir unterhielten uns über Dauer und Kosten der Ausbildung und das, was danach kommt. Irgendwann blickte er lange auf meine Kinder. Während er vorher bei seinen Schilderungen gestrahlt hatte, wirkte er plötzlich traurig. "Segelfliegen ist ein familienfeindliches Hobby", sagte er.

Ich habe das inzwischen öfter gehört. Auch in den Kommentaren hier im Blog lese ich immer wieder, dass Leute aufgehört haben, "aus Zeitgründen". Das ist etwas weniger krass formuliert, wird aber vermutlich im Kern dasselbe meinen. Man wird älter, die Prioritäten verschieben sich, irgendwann muss man sich entscheiden.

Aber warum eigentlich? Ich habe bislang zweierlei Erfahrungen gemacht: Wenn man die Ausbildung so intensiv gestaltet wie ich in den ersten drei Wochen, ist es für den Partner eine Belastung. Also müssen die Einheiten in Zukunft etwas homöopathischer dosiert werden.

Die Kinder hingegen haben es genossen. Viermal habe ich die beiden, sechs und zwölf Jahre alt, mitgenommen, trotzdem haben sie nicht genug bekommen. Für sie war das Leben auf dem Segelflugplatz ein Paradies. Sie durften auf meinem Schoß sitzend den Seilrückholwagen steuern. In der Winde sitzen und zuschauen, wie die alte KA7 in den Himmel gezogen wird. Sie durften das Seil am Flugzeug einklinken. Der Große hat zum Schluss voller Stolz den Funk beim Start übernommen und die Tragfläche beim Anrollen gehalten.

Klar, die Jungs konnten natürlich nur deshalb so viel mitmachen, weil ich an einer kleinen und lässig geführten Flugschule lerne. Und weil ich der einzige Schüler war, der seine Kinder mitbrachte.

Man kann den Segelflugplatz nicht zum Kinderspielplatz machen. Gleichzeitig wundere ich mich, wenn ich immer wieder lese und höre, dass der Segelflug ein Nachwuchsproblem hat. Meine beiden Söhne durften zweimal mitfliegen. Sie waren entzündet: Beide bekundeten, nachdem sie ausgestiegen waren, sobald wie möglich mit der Ausbildung beginnen zu wollen.

Ich schaffe es aus Zeitgründen gerade nicht auf den Flugplatz, also grübele ich darüber, wie ich mein Hobby, irgendwann, wenn ich den Schein habe, gestalte. Ob ich einen Verein finde, der ein flexibleres Modell fährt als die ganztägige Anwesenheitspflicht am Wochenende. Einen, bei dem ich vielleicht auch mal meine Kinder mitnehmen kann, bei denen ich das Glück habe, dass sie meine Leidenschaft teilen. Es muss einen Weg geben. Denn ein familienfeindliches Hobby kann ich mir nicht leisten.

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kinmuc 30.07.2013
spindoc 30.07.2013
dumovic 30.07.2013
bvdlinde 30.07.2013
karlblomquist 30.07.2013
dborrmann 30.07.2013
trugschluss 30.07.2013
tb59427 30.07.2013
cbarniske 30.07.2013
zuerichente 30.07.2013
ash26e 30.07.2013
conpi 31.07.2013
Alternator 31.07.2013
pescador 31.07.2013
attex 31.07.2013
ina31170 31.07.2013
kinmuc 31.07.2013
tb59427 31.07.2013
amococadiz 31.07.2013
hifamav 31.07.2013
Absurdistan-Veteran 31.07.2013
markususa 31.07.2013
ventus 02.08.2013
ventus 02.08.2013
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  • Den Traum vom Fliegen träumt Michail Hengstenberg, seit er Kind ist. Weil regelmäßige Fünfen in Mathe einer Karriere als Berufspilot nicht förderlich sind, blieb er bislang am Boden. Bis jetzt. Von etlichen Gastflügen bei verschiedenen Segelflugclubs ausreichend motiviert, befindet sich der SPIEGEL-ONLINE-Redakteur seit Juli 2013 in der Ausbildung zum Segelflugpiloten.

    Von seinen Erfahrungen auf dem Weg zur Lizenz zum Abheben erzählt Michail Hengstenberg regelmäßig in diesem Blog.