Über den Wolken

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Das Glück hat einen Namen: Meine SZD-55 mit der Kennung JU, "Juliet Uniform"
Michail Hengstenberg

Das Glück hat einen Namen: Meine SZD-55 mit der Kennung JU, "Juliet Uniform"

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Ein Flugzeug kaufen, ohne es vorher Probe zu fliegen? Das ist wie ein Blind Date mit Heirat. Kann man machen, umso spannender ist dann die Kennenlernphase. Ich habe deswegen für mich und meinen Segelflieger einen kleinen Honeymoon-Urlaub gebucht - mit glücklichem Ausgang.

Drei Tage am Stück in Reinsdorf, einem Flugplatz südlich von Berlin, wo die Thermik gut ist und die Flüge lang, zusammen mit ein paar Fliegerkameraden aus meinem Verein. Das sollte mich und meine SZD-55 einander näherbringen. Der Jungfernflug war ja immerhin sehr kurz. Wir sind beide wieder heil runtergekommen, so viel konnte ich nach den sieben Premierenminuten in der Luft mit ihr sagen. Außerdem, dass mir nichts besonders störend aufgefallen ist. Aber das kann ja nicht die Basis sein für eine lange, erfüllte Beziehung.

Es gibt immerhin viel, was schiefgehen kann zwischen Mensch und Fluggerät. Ähnlich wie bei einem Auto gibt es auch zwischen den verschiedenen Segelflugzeugen große Unterschiede. Zum Beispiel beim Sitzkomfort im Cockpit. Oder bei der Ruderabstimmung und Steuerung, was bestimmt, wie sich das Flugzeug beim Fliegen anfühlt. Harmonieren Pilot und Flieger nicht, wird das keine glückliche Verbindung. Wie würden wir zusammenpassen?

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Mit Spannung erwartete ich vor allem, wie die SZD-55 in Extremsituationen reagiert: Für sie ist in Deutschland nämlich die Installation eines sogenannten Überziehwarnsystems vorgeschrieben, das ist ein Piepser, der bei Annäherung an die Mindestgeschwindigkeit Alarm schlägt. Denn fliegt man zu langsam, reißt die Strömung an den Tragflächen ab. Darauf reagieren Flugzeuge je nach Bauart ganz unterschiedlich. Die Gutmütigen nehmen einfach die Nase herunter und gehen in einen stabilen Sackflug. Die auf Leistung getrimmten Flieger tendieren dazu, über eine Fläche abzukippen. Das kann vor allem in Bodennähe gefährlich werden.

Über die SZD-55 und ihre Überziehwarnung (es gibt kaum andere Segelflugzeuge, für die ein solches System vorgeschrieben ist) kursieren im Internet deswegen wilde Ansichten. Sie würde ohne Vorwarnung abkippen und sei gefährlich. Auf gar keinen Fall sei sie unerfahrenen Piloten an die Hand zu geben. Zwar hatten mich andere SZD-55-Piloten, mit denen ich während der letzten Monate Kontakt gesucht hatte, beruhigt, es sei alles halb so wild. Trotzdem bangte ich ein wenig: Hatte ich mir ein Biest angelacht, ein Flugzeug, das sich bei näherer Betrachtung als unberechenbare Zicke herausstellen würde?

Ein bisschen Nervosität schwang deswegen auch bei meinem zweiten Start mit der SZD in Reinsdorf mit. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich zum ersten Mal hier startete, der Platz mir noch fremd war. Als hätte sie das gespürt, krallte sich meine SZD, nachdem sie ohne Allüren (da gibt es auch andere Flugzeuge) an der Winde auf 450 Meter gestiegen war, stabil in die Thermik. Eine Stunde und zehn Minuten blieben wir in der Luft. Zeit genug, sich besser kennenzulernen.

Ich mochte, wie sich der Flieger beim Steuern anfühlt. Direkt, aber nicht nervös. Ich hatte Platz im Cockpit und saß komfortabel. Mir gefiel, wie ruhig und souverän die SZD in der Thermik kreiste und nur minimale Korrekturen brauchte. Ich schaute aus dem Cockpit über die eigentümlich geformten Flächen, die ich in so vielen Stunden Arbeit wieder zum Strahlen gebracht hatte, hinaus in den blauen Himmel. Ich war glücklich. Hey, du! Mit uns beiden kann es etwas werden.

Und ich machte den Zickentest. In rund tausend Meter Höhe zog ich den Steuerknüppel vorsichtig nach hinten, nahm langsam die Fahrt heraus. Bei knapp über 80 km/h wurden die Ruder merkbar weich und verlangten kaum noch Kraft beim Steuern. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Flieger in den Grenzbereich kommt. Bei 70 Km/h eierte die SZD, die Nase weit nach oben gereckt, nur so durch die Luft und bettelte förmlich um mehr Fahrt. Bei knapp über 60 Km/h dann gab sie sich endlich geschlagen: Sie kippte über die rechte Fläche ab und ging ins Trudeln. Ich ließ einfach den Knüppel los, und kaum mehr als eine Vierteldrehung später flog sie schon wieder stur geradeaus. Unberechenbar? Nein, ganz und gar nicht. Du willst mir nichts Böses, das weiß ich jetzt.

Am Ende unserer Flitterwochen in Reinsdorf hatten die SZD und ich knapp vier Stunden in der Luft verbracht. Immer, wenn wir am Boden waren, schaute ich sie verträumt an. "Was für ein toller Flieger", sagte ich. "Wenn du das jetzt schon sagst, wirst du mit ihr viel Freude haben", antwortete ein mitgereister Kollege.

Das war wichtig zu wissen, jetzt konnte ich mein Flugzeug guten Gewissens taufen. Segelflugzeuge können nämlich drei Namen tragen. Den Typnamen, in meinem Fall SZD-55. Die Kennung, so etwas wie das Nummernschild beim Auto, unter dem das Flugzeug registriert ist, in meinem Fall D-7644. Und dann gibt es noch das sogenannte Wettbewerbskennzeichen, das die Kommunikation von Segelflugpiloten in der Luft erleichtern soll. Es ist eine zwei- oder dreistellige Kombination aus Buchstaben und Zahlen, die man beantragen kann. Ich hatte mir die Buchstaben JU reserviert. Wenn mich jetzt andere Flieger in der Luft anfunken, rufen sie mich gemäß des Nato-Alphabets "Juliet Uniform". Warum aber ausgerechnet diese Buchstaben?

Ganz einfach: Ich habe ja vor langer Zeit mal darüber geschrieben, dass Segelfliegen ein familienfeindliches Hobby ist. Und das stimmt. Segelflieger brauchen Partner mit viel Geduld und Verständnis. Während einer fliegt, muss der andere am Boden bleiben und den Laden schmeißen. Ich bin in dieser Hinsicht ein Glückspilz, und die Kennung JU ein Zeichen meiner Dankbarkeit. Denn so ist die Person, die mich beim Segelfliegen unterstützt, in gewisser Weise immer mit mir in der Luft. Auch wenn sie am Boden bleibt.

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2 Leserkommentare
gandalfderdumme 05.08.2015
JörgL 26.08.2015

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