Über den Wolken

Segelflug-Blog Rush-Hour in der Luft

Hang an der Porta Westfalica: Fliegen mit Obenbleib-Garantie
Helene Tiefensee

Hang an der Porta Westfalica: Fliegen mit Obenbleib-Garantie

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Der Wind biegt die Bäume am Rande des Flugplatzes, das Schleppflugzeug vor uns vollführt nach dem Start einen wilden Tanz. An den Bewegungen meines Steuerknüppels vor mir sehe ich, wie sehr sich meine Fluglehrerin anstrengen muss, unseren Doppelsitzer trotz der heftigen Böen zu bändigen. Dann klinken wir aus, und ich übernehme das Steuer. Unter uns erstrecken sich kilometerweit die bunt gefärbten Wälder des Wesergebirges und die Porta Westfalica.

Es ist Herbst! Die Segelflugsaison ist vorbei! Und ich fliege trotzdem!

Vor einigen Monaten habe ich eine eine Blogfolge über meine Angst geschrieben, mir ein familienfeindliches Hobby ausgesucht zu haben.. Diese Sorge ist inzwischen verschwunden, vor allem, weil ich immer wieder gemerkt habe, wie segelflugfreundlich meine Familie ist. Dass ich am Sonntag nochmal geflogen bin, habe ich nämlich zwei Frauen zu verdanken. Meiner Freundin - und einer Segelflugkollegin.

Die hatte meine letzte Blogfolge über mein Heimweh nach Himmel gelesen und mir in einer Mail geschrieben, dass man im Weserbergland auch ohne Thermik noch fliegen kann, nämlich am Hang und bis fast in den Winter hinein. Diese Mail hatte meine Freundin gelesen und ohne mein Wissen Kontakt zu ihr aufgenommen. Sie hatte eine Schnuppermitgliedschaft in dem Segelflug-Club in Minden vereinbart und mich am Sonntag dorthin gekarrt. So saß ich, vollkommen unverhofft, in diesem Jahr doch noch einmal in einer ASK 21.

Der Flug hatte nichts gemein mit dem, was ich bislang erlebt hatte. Und das in mehrfacher Hinsicht. Zum einen hat man, wenn der Wind richtig steht, beim Hangflug fast eine Obenbleib-Garantie. Während man sich in der Ebene erst mühsam einen Thermik-Bart suchen und sich darin hochschrauben muss, kann man auf dem Aufwindfeld vorm Hang stundenlang hin- und herfliegen - wenn man denn hingelangt.

Weil das so ist, pilgern offenbar Segelflieger aus ganz Deutschland zur Porta Westfalica. Ich habe zumindest noch nie so viele Segelflugzeuge am Start gesehen wie an dem Sonntagmorgen in Minden. Und ich war auch noch nie mit so vielen Segelfliegern gleichzeitig in der Luft. Wie an der Perlenschnur aufgezogen, flogen wir unsere Bahnen parallel zur Bergkette. Die einen schneller und dichter über den Bäumen, die anderen - auch ich - etwas langsamer und in größerer Höhe.

Daran musste ich mich erst mal gewöhnen: Das Kollisionswarngerät piepst permanent. Was sonst Notfall bedeutet, ist über der Porta Normalfall. Ausweichen musste ich tatsächlich nur einmal, doch die Luftraumbeobachtung erforderte dort allerhöchste Konzentration.

Und dann war da noch das Wetter. Als wir auf dem Platz ankamen, schien die Sonne. Doch schon beim Start hatte sich der Himmel bedrohlich verdunkelt, mein erster Flugzeug-Schlepp (bisher war ich nur an der Winde gestartet) glich einem Rodeo-Ritt. Der Schlepppilot kämpfte mit den Böen, meine Lehrerin auch. Mehrmals sackten wir dabei so heftig durch, dass ich in den Gurten hing und froh war, sie vor dem Start ordentlich angezogen zu haben.

Über der Porta wehte es so stark, dass wir fast in der Luft standen. Die Nase im Wind, flogen wir quasi seitwärts, um nicht hinter die Kuppe und damit ins Abwindfeld gedrückt zu werden. Wegen der Böen ging es ordentlich rauf und runter. Und so rabiat wie am Sonntag musste ich noch nie den Knüppel führen.

Schließlich fing es auch noch an zu regnen - und noch mehr zu stürmen. Wir versuchten kurz, an der Bergkette entlang vor dem Schauer zu fliehen. Doch da meldete sich der Flugleiter: Wir sollten sofort zum Platz zurückkommen. Was dann passierte, wird mit als Bild lange im Gedächtnis bleiben.

Wir waren über die Autobahn hinweggeflogen, dort, wo Bergkette und Aufwindfeld durchbrochen waren. Deswegen hatten wir nur 400 Meter Höhe, als der Funkspruch kam. Zu wenig, um es direkt zum Platz zurück zu schaffen. "Flieg noch ein Stück vor", riet meine Lehrerin, "da trägt es wieder". Und plötzlich sah ich durch die Wasserschlieren auf der Haube vor und über mir drei weitere Segler, die sich am Hang in der Luft geparkt hatten. Ich setzte unsere ASK 21 darunter - dann ging es wie im Fahrstuhl nach oben. Nacheinander flogen wir in Richtung Flughafen ab, bevor die Welt endgültig unterging.

Diese drei in der Luft gegen den Wind scheinbar still verharrenden Flugzeuge, die immer weiter steigen - das nehme ich als Sinnbild des Hangflugs mit, das werde ich nicht vergessen. Vor allem aber habe ich entdeckt, dass man die Saison noch ein wenig verlängern kann, auch wenn sie eigentlich vorbei ist. Das ist gut zu wissen, für die nächsten Jahre.



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11 Leserkommentare
MichaelundNilma 29.10.2013
kenterziege 29.10.2013
aviator 29.10.2013
AchtFox 29.10.2013
thomas.grote 29.10.2013
tb59427 30.10.2013
mathildesch. 30.10.2013
mathildesch. 30.10.2013
hvonhertell 31.10.2013
tb59427 11.11.2013
kinmuc 24.02.2014

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