Über den Wolken

Segelflug-Blog Wie ich fast im Einsitzer geflogen wäre

Statt Erstflug im Einsitzer: Der Autor unter dem Rasenmäher
Howard Mills

Statt Erstflug im Einsitzer: Der Autor unter dem Rasenmäher

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Der erste Flug in einem Einsitzer - für Segelfluglehrlinge wie mich ein ganz besonderer Moment. Endlich nicht mehr unterwegs mit dem Arbeitspferd, dem Schulungsdoppelsitzer, sondern in einem eleganten, leistungsfähigen Segler. An einem Wochenende im Mai war es bei mir endlich so weit. Oder wäre es zumindest fast gewesen.

Es war alles wunderbar gelaufen. Zehn Flüge sind es insgesamt, die man bei uns im Verein allein im Schulungsflugzeug ASK 21 fliegen muss, bevor man auf den Einsitzer, eine DG 300, umsteigen darf. Die vier mir noch fehlenden Alleinflüge auf dem Doppelsitzer hatte ich in schneller Abfolge am Vormittag absolviert.

Anschließend schnappte ich mir das Bordbuch der DG 300 und las mich in die Eigenheiten dieses Flugzeugtyps ein. Dann fragte mich der Fluglehrer die wichtigsten Dinge ab. Wie würde ich das Trudeln ausleiten, falls die Maschine abkippt? Was sind die Mindestgeschwindigkeiten? Ich hatte die richtigen Antworten parat. Es konnte losgehen.

Im Liegestuhl in die Luft

Wir schoben die Maschine an den Start, ich zog mir den Fallschirm über und legte mich ins Cockpit. Ja, genau, ich legte mich ins Cockpit - die Sitzposition in der DG 300 ist eine ganz andere als in den Flugzeugen, in denen ich zuvor geflogen war. In der Ka 7, meinem ersten Schulflugzeug, sitzt man wie am Esstisch. In der ASK 21 wie in einem Fernsehsessel. Und in der DG 300 muss man im wahrsten Sinne des Wortes die Beine hochlegen.

Daran versuchte ich mich zu gewöhnen, während ich darauf wartete, dass der Rückholwagen das Seil von der Winde brachte, das mich in den Himmel ziehen würde. Je länger es dauerte, desto mehr klopfte mir das Herz bis zum Hals. Ja klar, natürlich war ich aufgeregt! Wie würde der Start sein? Würde ich mich auf Anhieb zurechtfinden? Ich würde müssen, schließlich saß hinter mir kein Lehrer, der mich im Notfall hätte unterstützen können.

Endlich kam der Wagen. Und leider inzwischen der Wind aus einer anderen Richtung. Ein Erstflug bei Rückenwind? Die Fluglehrer gingen auf Nummer sicher und entschieden sich fürs Umbauen. Umbauen bedeutet, dass der gesamte Flugbetrieb einmal um 180 Grad gedreht und am jeweils anderen Ende der Startbahn platziert wird. Die Winde kommt dahin, wo vorher gestartet wurde; die Flugzeuge und der Startwagen, also der mobile Tower, dahin, wo vorher die Winde stand.

Unter den Rasenmäher gekommen

Als wir Flugzeuge und Startwagen die 1,5 Kilometer zum anderen Ende der Startbahn gezogen hatten, stellten wir fest, dass die Graspiste dort schon lange nicht mehr gemäht worden war. Langes Gras aber ist gefährlich: Wenn beim Start die Fläche den Boden berührt, kann sie sich darin verfangen. Wenn dann nicht schnell genug das Seil ausgeklinkt wird, kann es zum Crash kommen.

Es wurde also jemand losgeschickt, um beim Flugplatzbetreiber um eine Mähmaschine zu bitten. Als der Mäher endlich angetuckert kam, war meine Aufregung natürlich längst verflogen. Zu Recht, wie sich nur wenig später zeigte. Der Aufsitzrasenmäher schaffte exakt zehn Bahnen, etwa eine Tragflächenbreite. Dann brach der Keilriemenspanner für das Mähwerkzeug.

Wir versuchten es noch mit einer Reparatur, auch ich warf mich unter den Mäher, doch es half alles nichts. Rund zwei Stunden nachdem ich, eigentlich fertig zum Abheben, aus der DG 300 geklettert war, rüsteten wir den Flugbetrieb ab.

Ich war traurig, keine Frage. Aber wer weiß, wozu es gut war. Am vergangenen Wochenende bin ich wieder in den eleganten Einsitzer geklettert. Und diesmal kamen mir kein Wind, kein Gras, kein Pech in die Quere.



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4 Leserkommentare
dg300 30.05.2014
altocumulus 31.05.2014
cumulusgranitus 04.06.2014
michail hengstenberg 06.06.2014

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