Über den Wolken

Segelflug-Blog Was ist ein Azorenhoch? Und QNH? Fragen über Fragen

Falk Cent

Von


Es fängt so einfach an mit der Segelfliegerei. Schnell steuert man selber, schon bald fliegt man allein. Der Haken sitzt, die Leidenschaft ist erwacht, das Ziel ist klar: Der Pilotenschein muss her. Und dann, wenn es zu spät für eine Umkehr ist, beginnt das böse Erwachen.

Denn plötzlich klemmt bei einem Alleinflug der Steuerknüppel. Irgendetwas muss ins Steuergestänge gefallen sein und blockiert jetzt die Querruder. Was tun? Aussteigen natürlich! Anschnallgurt lösen, Haube abwerfen, den Aufziehgriff des manuellen Fallschirms ziehen und springen!

Falsche Antwort.

Die richtige wäre gewesen: "Entschluss rechtzeitig fassen, Kabinenhaube abwerfen, Anschnallgurt lösen, abspringen. Bei manuellem Schirm rechtzeitig den Aufziehgriff kräftig ziehen." Ist auch irgendwie logisch. Den Fallschirm noch im Flugzeug zu öffnen, ist wenig sinnvoll.

Es sind Fragen und Antworten wie diese, die zwischen mir und dem Pilotenschein stehen. Exakt 1515 Fragen mit je vier Antwortmöglichkeiten. Unterteilt in die Fächer Luftrecht, Allgemeine Luftfahrzeugkunde, Flugleistung, Flugplanung, Menschliches Leistungsvermögen, Meteorologie, Navigation, Betriebliche Verfahren, Grundlagen des Fliegens. Puh.

Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Leben je noch einmal so viel Stoff in so kurzer Zeit in meinen Kopf bekommen muss. Schwachgradiente Wetterlage, Strahlungsverhältnisse, statischer Druck, Auftriebsbeiwert, Umschlagpunkt, Anstellwinkel - in meinem Hirn schwirren die Fachbegriffe nur so herum. Hinzu kommt eine Unmenge von Kürzeln: QNH, QTE, QDM, QDR, VOR, VFR, TAS - bin ich wie durch Zauberhand in einen Endlos-Loop des Fanta-4-Hits "MFG" geraten, nur mit anderen Abkürzungen?

Buch, Theorieunterricht oder App?

Es gibt viele Möglichkeiten, sich die richtigen Antworten auf 1500 Fragen draufzuschaffen. Bücher, die einem das nötige Wissen vermitteln, sind eine davon. Fast alle Vereine bieten im Winterhalbjahr zudem Theorieunterricht an. Es soll allerdings auch Schein-Aspiranten geben, die gar nicht lernen, sondern auf Glück bei der Zusammenstellung der Prüfungsfragen hoffen (ich habe allerdings noch von keinem Prüfling gehört, der es so geschafft hätte).

Es gibt Theorien, dass immer die längste der vier möglichen Antworten die Richtige ist. Doch selbst wenn das in vielen Fällen tatsächlich zutrifft, sind es am Ende wohl nicht genug, um damit die nötigen 75 Prozent richtiger Antworten zu erreichen.

Über 1515 theoretische Fragen führt der Weg zur Segelfluglizenz
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Über 1515 theoretische Fragen führt der Weg zur Segelfluglizenz

Ich jedenfalls will mich darauf nicht verlassen. Ich habe mich für eine App entschieden, bei der man alle Fragen im Multiple-Choice-Verfahren durchgehen und die Vorzüge des Computers nutzen kann - zum Beispiel nur falsch gelöste Fragen in einem Fach abzuspeichern.

Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, das entsprechende Lehrmaterial in digitaler Form dazuzukaufen. Es ist dann direkt mit den Fragen verknüpft. Habe ich bei falsch gelegen, klicke ich auf den Link und werde zu der entsprechenden Stelle im Lehrbuch geführt und kann meine Wissenslücke gezielt schließen.

Mein Tablet und ich sind deswegen seit Wochen miteinander verschweißt. Vor dem Schlafengehen, nach dem Aufstehen, beim Anziehen, manchmal beim Essen, vorm Fernseher, oft zwischen Tür und Angel im Stehen klicke ich mich durch die Fragen. Meine Familie attestiert mir zwar, ich würde von Tag zu Tag mehr in eine Parallelwelt abgleiten, aber hey: Ich werde immerhin von Tag zu Tag besser!

Wie hoch denn nun?

Es ist ein mühsamer Weg, aber auch einer, der immer wieder auch Erfolgserlebnisse bietet. Wenn es "Klick" macht und Dinge, die sich mir vor Wochen einfach nicht erschlossen haben, plötzlich Sinn ergeben. Zum Beispiel was der Unterschied zwischen QNH (Meereshöhe) und QFE (Höhe über Grund) ist. Immer wieder war ich bei den zu diesem Aspekt gehörenden Fragen auf die Nase gefallen. Was für ein Jubelgefühl, als ich es verstanden hatte und auf einmal keine Fehler mehr machte!

Sicher, vieles werde ich wohl nie wieder in meinem Segelfliegerleben brauchen und lerne es nur für die Prüfung. Doch viele Fragen und die Antworten dazu lehren mich tatsächlich Neues über das Segelfliegen. Und nicht nur das.

Wer beschäftigt sich schon mit dem Wetter? Also, abgesehen von der Frage, ob es morgen schön wird oder nicht?

Ich muss es jetzt tun. Und lerne, wie Nebel entsteht. Was die sogenannten Frontensysteme (Stichwort Kaltfront oder Warmfront) sind, und was vor und was hinter ihnen an Wettergeschehen herrscht. Azorenhoch, Polarluft - lauter Begriffe, die ich schon tausendmal mal im Wetterbericht gehört habe, ergeben jetzt langsam ein Bild.

Meteorologie, das mit mehr als 400 Fragen umfangreichste Fach, flößt mir zwar immer noch einen Heidenrespekt ein. Und bietet gleichzeitig den größten Anreiz. Irgendwann die Wolken lesen zu können - für den Segelflieger, der nur durch das Wetter fliegt, das ist die Königsdisziplin.

Ja, ich habe Bammel davor, durch die Prüfung zu rasseln. Und sei es nur in einem Fach. Es fehlt nämlich nicht mehr viel auf dem Weg zur Segelfluglizenz. Es wäre zu blöd, wenn mich ein paar Fragen zurückwerfen würden auf dem Weg dorthin. Deswegen müssen sie rein in den Kopf. Auch wenn es 1515 sind.

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10 Leserkommentare
laxness 27.02.2015
Danares 27.02.2015
bonngoldbaer 27.02.2015
Thomas Schnitzer 27.02.2015
Andreas (Andi) 27.02.2015
bafibo 27.02.2015
laxness 27.02.2015
nonomette 27.02.2015
fortyplus 27.02.2015
Mr. Tibbers 12.03.2015

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