Über den Wolken

Segelflug-Blog Endlich Pilot!

Ralf Westphal

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Auf einmal gratulieren mir meine Fliegerkameraden, auch Tage später nach der Prüfung noch. Ich nehme die Glückwünsche entgegen, aber ich kann es noch nicht ganz begreifen. Ich habe die praktische Segelflugprüfung bestanden, ich bin Pilot. Ich bin Pilot? Ich bin Pilot!

Seitdem höre ich von meinen nicht-Flieger-Freunden, Kollegen und Bekannten immer wieder die gleiche Frage: Und, wie ist die Prüfung? Wie beim Autoführerschein? Nein, das ist sie nicht.

Die Führerscheinprüfung war, zumindest erinnere ich sie so, ein permanenter Angstzustand. Mit ein paar Fahrstunden nur halbwegs auf den Irrsinn des Autofahrens vorbereitet, wagte ich vor gut zwanzig Jahren die Prüfungsfahrt. Jede Dreißigerzone war eine Ansammlung von Vorfahrtsfallen, jede komplexe Kreuzung ein mögliches Finale. Es war schweißtreibend. Entsprechend groß war die Erleichterung und Freude, nachdem ich bestanden hatte. Hurra, geschafft!

Ich habe ein paar Tage gebraucht, um zu verstehen, warum sich die Segelflugprüfung ganz anders anfühlt. In diesen Tagen habe ich daran gedacht, wie alles angefangen hat. Mit meinen ersten Starts auf der alten KA7 in Lübeck in der Flugschule. Drei intensive Wochen, in denen ich jeden Tag geflogen bin. Und wie kaputt ich damals war: nach kurzen Flügen von fünf Minuten vollkommen ausgelaugt, weil das Erlernen der Bewegung im dreidimensionalen Raum, die Koordination von Höhen, Seiten und Querruder gerade am Anfang so unfassbar fordert.

Gefühl braucht Erfahrung

Ich erinnere mich daran, wie schwer es mir anfangs fiel, im Landeanflug den richtigen Moment für das Abfangen, das sanfte Ausschweben des Flugzeugs zu finden. Wie ich abends im Bett lag und mir Strategien überlegte, mit denen es klappen könnte. Bis ich irgendwann merkte, dass das Gefühl für den richtigen Moment einfach mit der Zeit, mit der Erfahrung kommt.

Ich denke an all diese Dinge, weil all das, was man in der Ausbildung teilweise mühsam erlernt, in der Prüfung abgefragt wird. Die Segelflugprüfung ist so etwas wie ein Ausbildungszeitraffer. Drei Flüge, in denen Ruck-Zuck die wichtigsten Fähigkeiten abgefragt werden.

Der Witz dabei - und der große Unterschied zur Fahrprüfung: All das, was dort abgefordert wurde, ist mir inzwischen viel stärker in Fleisch und Blut übergegangen, als es das Autofahren bei der Fahrprüfung war.

Der Check vor dem Start zum Beispiel: "Ich bin angeschnallt, die Haube ist geschlossen und verriegelt, die Störklappen sind geschlossen und verriegelt, der Höhenmesser ist eingestellt, die Trimmung ist eingestellt, die Ruder sind frei, die Startstrecke ist frei, der Wind kommt von West, ich bin auf einen Seilriss vorbereitet." Anfangs stammelte ich das mühsam zusammen, nun könnte ich es runterbeten, wenn man mich mitten in der Nacht aus dem Bett reißt.

Auch die Seilrissübung, bei der der Lehrer plötzlich und unangekündigt die Schleppkupplung zieht und das Flugzeug in voller Steilfluglage vom Schleppseil trennt, ist inzwischen Routine. Noch nicht mal die Tatsache, dass der Prüfer den Seilriss gleich beim ersten Prüfungsflug probte, hat mich aus der Bahn geworfen. Man übt, und übt, und übt in der Segelflugausbildung. Zugunsten der Sicherheit und auf Kosten des Glücksrauschs nach der Prüfung.

Video: Landung mit Slip

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Natürlich war ich trotzdem aufgeregt. Schon alleine deshalb, weil mir mehrere Vereinskameraden gut zugeredet hatten, dass in den letzten zehn Jahren kein Kandidat durch die Prüfung gefallen ist. Was, wenn jetzt ausgerechnet bei mir diese Serie reißen würde?

Und natürlich hat auch nicht alles auf Anhieb geklappt. Den bei der zweiten Landung gewünschten Seitengleitflug musste ich abbrechen, weil ich im Gegenanflug etwas zu weit vom Platz weggeflogen war, uns die entsprechende Höhe fehlte und wir sonst im Wald vor der Piste gelandet wären.

Beim nächsten Flug hat es dann gepasst, wenngleich die anschließende Landung einen Hauch zu kurz ausfiel. Auch die hochgezogene Fahrtkurve, ein Manöver, bei dem man aus dem Schnellflug in eine Kurve mit normaler Geschwindigkeit möglichst flüssig übergeht, gefiel meinem Prüfer Yeaerst im zweiten Anlauf.

Als er mir aber nach der dritten Landung die Hand reichte und gratulierte, eine knappe halbe Stunde, nachdem wir zum ersten Mal abgehoben waren, war ich einerseits glücklich. Andererseits kam es mir unwirklich kurz vor. Wie - schon geschafft?

Es gibt übrigens noch einen Unterschied zwischen der Fahrprüfung und der Segelflugprüfung. Und vielleicht ist der auch der Grund für das etwas unterkühlte Glücksgefühl nach der dritten Landung: Nach der Fahrprüfung bekommt man den "Lappen" sofort in die Hand gedrückt und kann losfahren. Der Segelflugschein muss erst von der Landesluftfahrtbehörde ausgestellt werden. Ich wusste also, ich bin fertig - und muss doch noch warten.

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14 Leserkommentare
Diomedea 21.05.2015
docmarten 21.05.2015
fortyplus 21.05.2015
strixaluco 21.05.2015
MichaelundNilma 21.05.2015
vitalis_eichwald 21.05.2015
ash26e 21.05.2015
wahrsager26 21.05.2015
Alternator 21.05.2015
specialsymbol 22.05.2015
Lzdf 23.05.2015
tb59427 23.05.2015
klaus.zeter 26.05.2015
genx59 22.07.2015

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