Über den Wolken

Segelflug-Blog Whiskey, Bravo, Tango - hallo? 

Funky: Die Geheimsprache der Piloten
Michail Hengstenberg

Funky: Die Geheimsprache der Piloten


Fliegen hat auf mich immer schon eine große Faszination ausgeübt. Auch als ich nur einfacher Passagier in normalen Linienjets war. Als solcher habe ich vor Jahren einen fast magischen Moment erlebt. Und dank meiner Segelflugausbildung verstehe ich endlich, was damals passiert ist.

Ich saß damals an Bord einer Boeing 767 auf dem Rollfeld des Flughafens von Los Angeles. Bei der Begrüßung an Bord sagte der Kapitän, dass man, wenn man wolle, auf einem der Radiokanäle des Bordprogramms den Cockpitfunk mithören könne. Ich stöpselte meine Kopfhörer in die Buchse in der Armlehne. Draußen, vor dem kleinen Kabinenfenster, verwandelte die Abendsonne den Himmel über dem Flughafen in einen Farbenrausch. Auf dem Boden begannen die Lichtspiele der Pistenbefeuerung, die Rollbahnmarkierungen leuchteten in einem schummerigen Gelb. Und in meinen Ohren tat sich eine ganz neue Welt auf.

Mysteriös klingende Codes, eine geheime Sprache

Fasziniert lauschte ich dem Funkverkehr. Ich verstand nur Bruchstücke. "Runway" für Piste. "Wind". Und dann, die ganze Zeit geheimnisvolle Bezeichnungen: "Whiskey", "Bravo", "Tango", "Uniform", "Echo". Ich kannte diese Begriffe aus Kriegsfilmen, so hießen dort die Einheiten.

An diesem Abend in L.A. schwirrten die "Tangos" und "Echos" nur so durch meinen Kopf. Was war das nur für eine seltsame Geheimsprache? Was verbarg sich hinter den einerseits vertraut wirkenden, andererseits so mysteriös klingenden Codewörtern?

Ich konnte es nicht entschlüsseln. Aber eine Sache begriff ich sofort: Es war diese ganz eigene Sprache, die alle Piloten, die anfliegenden und die abfliegenden, mit dem Tower verband wie eine unsichtbare Schnur. Obwohl von Knacken und Rauschen untermalt und den teilweise starken Sprachakzenten der Flugkapitäne - in diesem Geheimcode gab es offensichtlich keine Verständigungsschwierigkeiten.

Heute weiß ich, warum. Ich verstehe sie jetzt, die Geheimsprache, kenne die Bedeutung der Codes: Am Montag habe ich in Bremen die Prüfung für das BZF 1 bestanden, das "Beschränkt gültige Sprechfunkzeugnis in deutscher und englischer Sprache". Jetzt kann ich mitreden.

Dabei habe ich es anfangs verflucht, dass in Schleswig-Holstein das BZF Voraussetzung zur Zulassung zur praktischen Segelflugprüfung ist. Eine weitere Hürde auf dem Weg zum Flugschein. Noch mehr lernen, dachte ich angesichts des schier unüberwindlichen Lernpensums zur Theorieprüfung. Doch der Ärger verflog schnell.

Eine Skype-Lerngruppe hebt ab

Wir hatten eine Lerngruppe gebildet. Fünf Flugschüler und ein funkerfahrener Lehrer, der den Tower mimte. Einmal haben wir uns leibhaftig getroffen und alle grundsätzlichen Dinge besprochen - und anschließend zweimal in der Woche per Skype trainiert. Jeder von uns hatte sich einen Flugzeugtyp ausgesucht und eine Kennung, wir hatten uns die sogenannten Sichtanflugkarten von verschiedenen Flughäfen in Norddeutschland besorgt und flogen dort nun an oder ab. Trocken natürlich, in unseren Küchen, Jugendzimmern, manchmal auch aus dem Urlaub. Wo auch immer wir gerade saßen. Mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Ich war "Delta Kilo Bravo Uniform Oscar, Superfalke two-five", der Motorsegler unseres Vereins vom Typ Superfalke 25, Kennung D-KBUO.

Die ersten beiden Sitzungen waren der Horror. Der Funkverkehr beruht auf kurzen, präzisen und vor allem festgelegten Formulierungen, sogenannten Sprechgruppen, die nach einem ganz bestimmten Schema abgearbeitet werden.

Der Fluglotse gibt eine Anweisung, zum Beispiel: "Delta Kilo Bravo Uniform Oscar, rollen Sie über Rollwege Bravo, Tango, Lima zum Abflugpunkt Piste zwo-drei." Diese sogenannte Rollanweisung, die einem den Weg von der Parkposition bis zum Abflugpunkt auf der Piste beschreibt, muss man in Windeseile mitschreiben - und dann fehlerfrei zurücklesen, damit der Tower weiß, dass man alles verstanden hat und nicht verloren auf dem Flugplatz herumirrt.

Knacken und Rauschen in der Leitung

"Delta Kilo Bravo Uniform Oscar, leave Control Zone via Whiskey two, two tousend (das "th" wird im Funk nicht gesprochen) feet. When airborn, left turn is approved. Climb altitude one tousend two hundred feet, report when passing 800 feet." Na? Mitgekommen? Nein? So ging es uns anfangs auch.

Das, was bei versierten Piloten ein traumwandlerisches Navigieren nur über den Austausch von Sprechkommandos ergibt, war bei uns ein einziges Gestammel. Doch mit der Zeit gewannen wir Sicherheit. Und flogen immer flüssiger an und ab. Die Flughäfen Hamburg, Bremen, Hannover, Münster wurden zweimal in der Woche unsere Heimat. Die Tatsache, dass wir per Skype übten, verlieh dem Ganzen einen starken Realismus. Denn immer wieder war die Verbindung schlecht, knackte und rauschte es beim Sprechen, manchmal hörte man nur Fetzen. Draußen vor dem Fenster tauchte die Abendsonne die Bäume in rotes Licht. "Delta Kilo Bravo Uniform Oscar, say again Departure Routing." Es war fast wie damals in Los Angeles.

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23 Leserkommentare
santacatalina 17.04.2015
Campioni 17.04.2015
widower+2 17.04.2015
J.Corey 17.04.2015
astirbezwinger 17.04.2015
trubitz 17.04.2015
tim00777 17.04.2015
Analfabeth 17.04.2015
ul-flieger 17.04.2015
ul-flieger 17.04.2015
koenigludwigiivonbayern 17.04.2015
ca-max 17.04.2015
horstma 17.04.2015
MichaelundNilma 17.04.2015
panzertom 17.04.2015
Auchleser 17.04.2015
tk90 17.04.2015
Auchleser 17.04.2015
Pointaris 17.04.2015
meberz 18.04.2015
sfmoma 18.04.2015
Hitbacker 19.04.2015
Low-pass 20.04.2015

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