Über den Wolken

Segelflug-Blog Ich habe ein mentales Problem

Wie weit kann ich fliegen?
Wolfgang Sutter

Wie weit kann ich fliegen?

Von


Die neue Saison begann für mich mit einer etwas traurigen Erkenntnis: Ich bin eigentlich zu alt für das Segelfliegen.

Nicht dass ich über das Winterhalbjahr alles verlernt oder vergessen hätte, nein. Mein erster Start in der Saison fühlte sich an wie nach Hause kommen. Alles war vertraut, ich fand mich sozusagen blind zurecht im Flugzeug und in der Luft. Auch mein Ausflug auf die Hahnweide und der Flug im Elektrosegelflugzeug (hier geht es zum Artikel) klappte wie am Schnürchen, obwohl dort, auf der Schwäbischen Alb, alles neu war für mich.

Es war mein erster Versuch eines längeren Streckenfluges an einem Sonntag im Mai, der die schmerzhafte Gewissheit brachte. Dabei war die Ausgangslage eigentlich gut. Die Wetterprognose hatte zwar keine überirdischen Bedingungen berechnet, aber die grafische Vorhersage für gute Thermik zeigte einen schönen Streifen den Holsteiner Rücken hinauf. Ein Flug an die Grenze zu Dänemark schien nicht verwegen, sondern möglich.

Die zweite wichtige Bedingung war auch erfüllt: meine Freundin übernahm unsere Kinder für den Tag, und abends gab es keine Deadline für mich, keine Verabredung, zu der ich hätte zurück sein müssen.

Das ist deshalb wichtig, weil es immer sein kann, dass sich die Wetterbedingungen ändern, die Thermik einbricht und keinen Auftrieb mehr spendet. Dann muss man außenlanden, zum Beispiel auf einem Feld. Und dann kann es dauern, bis die Vereinskameraden mit dem Segelfluganhänger kommen, um einen abzuholen. Spätnächtliche Heimkehr kann nie ausgeschlossen werden, deswegen ist es gut, nach hinten heraus frei zu sein.

Schlacht im Kopf

Es war also eigentlich alles perfekt. Bis auf eine winzige Kleinigkeit. Meinem zehnjährigen Sohn stand am Dienstag eine Mathearbeit bevor, und er war noch nicht im Stoff. Montag würde ich nicht mit ihm üben können, blieb also nur noch der Abend. Würde ich außenlanden, fehlte ihm wichtige Vorbereitung, die Arbeit würde er dann wohl versieben.

Im Verlauf dieses Tages bekam dieses kleine Detail eine immer größere Bedeutung. Nach dem Start hatte ich Pech, nur mit Müh und Not konnte ich mich in schlapper Thermik oben halten. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich mir meine Abflughöhe von 750 Metern erkreist hatte. Meine Kameraden, mit denen ich eigentlich im Teamflug in Richtung Dänemark starten wollte, hatten mehr Glück und waren schon lange weggeflogen.

Das Selbstvertrauen war also angeknackst, trotzdem flog ich los in Richtung Norden. Dort war es auch nicht viel aufbauender: die Thermik nicht so stark und verlässlich wie erhofft, das Fliegen eher ein Gestochere im Himmel als eine zielstrebige Reise. Rund 25 Kilometer vom Flugplatz, genau an der Stelle, wo ich vor etwa zwei Jahren bei meiner Reifeprüfung, dem 50-Kilometer-Flug, gewendet hatte, fand die entscheidende Schlacht in meinem Kopf statt.

Wieder zog der Aufwind unter der Wolke, die ich angeflogen hatte, nicht wie erhofft. Nur quälend langsam ging es nach oben. Der Blick auf meinen Segelflugrechner, sozusagen der Bordcomputer, sagte mir: noch ein paar Meter Höhengewinn, und ich würde es von hier aus zum Platz zurückschaffen.

Nun rang ich nicht nur mit dem bockigen Aufwind, sondern in meinem Kopf rangen auch der Segelflieger und der Vater. Weiterfliegen, womöglich außenlanden, ein schlechter Papa sein? Oder umkehren, die Ziele aufstecken und meinem Sohn beistehen? Eine halbe Stunde später landete ich wieder.

  • Den Traum vom Fliegen träumt Michail Hengstenberg, seit er Kind ist. Weil regelmäßige Fünfen in Mathe einer Karriere als Berufspilot nicht förderlich sind, blieb er lange am Boden. Doch dann machte der SPIEGEL-ONLINE-Redakteur, von etlichen Gastflügen bei verschiedenen Segelflugklubs ausreichend motiviert, die Ausbildung zum Segelflugpiloten.

    Von seinen Erfahrungen auf dem Weg zur Lizenz zum Abheben und in der Luft erzählt Michail Hengstenberg regelmäßig in diesem Blog.

Als ich meinen Flieger abgerüstet hatte, kehrten meine geplanten Mitflieger zurück. Sie waren zwar nicht bis an die dänische Grenze geflogen, aber bis nach Kiel - und vor allem zurück. "Du hättest weiterfliegen sollen, nach Norden wurde es immer besser", sagten sie. Später, am Küchentisch beim Mathebüffeln, war der Frust dann nicht mehr ganz so groß. Ich war froh, mich so entschieden zu haben.

Trotzdem weiß ich jetzt, dass ich gewisse Dinge wohl nicht mehr schaffen werde. "Als Streckenflieger musst du kompromisslos sein", hatten mir die alten Recken im Verein mit auf den Weg gegeben. Und genau das bin ich nicht. Ich bin Anfang 40, habe eine Familie und einen Job.

Nach meiner Segelflugausbildung hatte ich von Streckenflügen über Hunderte von Kilometern geträumt, weiter und weiter und weiter. Ich hatte Berichte verschlungen von Piloten, die Hunderte, gar tausend Kilometer weit geflogen waren, und versucht, ihre taktischen Überlegungen und Entscheidungen nachzuvollziehen für meine eigenen, weiten Flüge.

Die meisten dieser Piloten aber sind noch jung. Oder sie haben so jung angefangen, dass Segelfliegen fast immer Teil ihres Lebens war. Genau genommen haben sie ihr Leben in das Segelfliegen integriert.

Bei mir ist es andersherum: Ich muss Segelfliegen in mein Leben integrieren. Die nötige Kompromisslosigkeit habe ich nicht, das habe ich an diesem Sonntag gemerkt. Fürs Erste bleibt mein Radius also kleiner. Und damit muss ich mich jetzt erst mal arrangieren.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


Diskutieren Sie mit!
18 Leserkommentare
poeticjustice 29.05.2017
maxi123456765432345 29.05.2017
Olaf 29.05.2017
tb59427 29.05.2017
valmel 29.05.2017
sikasuu 29.05.2017
moerre 29.05.2017
docmarten 29.05.2017
flugbert 29.05.2017
sikasuu 29.05.2017
dachbodenstradivari 29.05.2017
kategorien 29.05.2017
specialsymbol 29.05.2017
rjsedv 29.05.2017
ash26e 29.05.2017
zuerichente 29.05.2017
Max Super-Powers 30.05.2017
blackwing 01.06.2017

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.