Über den Wolken

Über den Wolken Ist mir übel!

Stemme S10: Gastflug im ganz besonderen Doppelsitzer Zur Großansicht
Michail Hengstenberg

Stemme S10: Gastflug im ganz besonderen Doppelsitzer

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Gestern bin ich seit Wochen zum ersten Mal wieder geflogen, allerdings nicht zur Schulung. Urlaub, Termine, Arbeit, das ganz normale Leben also, haben mich am Abheben gehindert. Ganz ehrlich: Gewisse Entzugserscheinungen kann ich nicht verhehlen.

Am Wochenende aber war ich in Mannheim, und habe bei der Gelegenheit den örtlichen Segelflugverein besucht. Meine naive Idee war, dort einen Gastflug zu machen, nur eben nicht als Gast im hinteren Sitz, sondern als Schüler vorn. Was aus versicherungstechnischen Gründen nicht möglich ist, bescherte mir ein denkwürdiges Erlebnis: den Flug in einer Stemme S10.

Die Stemme ist ein ganz und gar ungewöhnlicher Doppelsitzer. Mit einem Motor hinter den Sitzen und einem Faltpropeller hinter der ausfahrbaren Bugspitze. Die Stemme kann wie ein Motorflugzeug abheben, hat aber, wenn der Motor ausgeschaltet, die Bugspitze eingefahren und die Lüftungsklappen geschlossen ist, die aerodynamische Güte eines Segelflugzeugs. Vor allem aber sitzt man in der Stemme nebeneinander, nicht hintereinander.

Segelflug über dem Odenwald

Als sich gegen elf Uhr am Himmel die ersten Thermik verheißenden Wolken bildeten, hoben wir vom Flugplatz Mannheim unter Motor in Richtung Heidelberg ab. Wenige Minuten später waren wir auf 800 Meter geklettert, mein Pilot Swen Holtmann schaltete den Motor aus. Vor uns lagen die Berge des Odenwalds. In den ersten Thermikblasen des Tages schraubten wir uns bis auf 1100 Meter hoch und flogen in den Odenwald hinein.

Es war eine beeindruckende Erfahrung, in mehr als tausend Meter Höhe zu schweben - und trotzdem nur wenige hundert Meter unter dem Rumpf die Baumspitzen der Kiefernhänge des Odenwalds zu sehen. Das Heidelberger Schloss. Den Königstuhl.

Leider fanden wir über dem Odenwald nicht die erhoffte Thermik, also flogen wir zurück in die Rheinebene - und weiter nach Speyer. Ich bin dabei zum ersten Mal eine Wolkenstraße entlanggeflogen. So nennen Segelflieger eine Reihe sozusagen hintereinander hängender Wolken. Wählt man unter ihnen den richtigen Weg, kann man weite Strecken zurücklegen, ohne Höhe zu verlieren. Wenn es gut läuft, gewinnt man sogar Höhe.

Das Flugzeug steigt - die Anspannung auch

Das allerdings erfordert Fähigkeiten, die ich noch nicht besitze, wie ich jetzt weiß. Denn für rund eine Viertelstunde durfte ich die Stemme mitsteuern. Und kam ganz schön ins Schwitzen.

Um die Wolkenstraße richtig abzureiten, muss man nämlich ständig die Geschwindigkeit variieren. Fliegt man durchs "Saufen" - so werden die Gebiete genannt, in denen die Luft das Flugzeug nach unten zieht - muss man sofort die Geschwindigkeit erhöhen, um möglichst schnell durchzufliegen. Gerät man ins "Steigen" - also Gebiete, in denen es nach oben geht - muss man den Speed sofort drosseln, um möglichst lange in der Aufwindzone zu verharren.

Nase hoch, Nase runter, gleichzeitig Luftraum- und Wolkenbeobachtung, dazu die ganze Zeit die Instrumente im Blick behalten: Nach einer Viertelstunde brummte mir der Schädel. Ich war auch ein bisschen erleichtert, als Swen seine Stemme alleine weiterflog.

Übelkeit im Cockpit

Dafür wurde mir dann schlecht. Zum ersten Mal überhaupt in einem Segelflugzeug. Vielleicht durch die Anspannung, vielleicht durch die Hitze im Cockpit, vielleicht durch das permanente Auf und Ab und das lange Kreisen, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall waren wir rund 40 Kilometer vom Heimatflughafen entfernt und mir war ziemlich flau im Magen.

Mit einem Gefrierbeutel auf dem Schoß traten wir den Rückflug an. Und schon nach kurzer Zeit machte meine Übelkeit einer faszinierenden Erkenntnis platz: Wir hatten uns zuvor auf rund 1000 Meter hochgekurbelt. Und die reichten aus, um uns zum Flughafen zurückzubringen. Es braucht einen Kilometer Höhe, um 40 Kilometer voranzukommen.

Für eingefleischte Segelflieger mag das zum Alltag gehören. Für mich, der ich mich in Lübeck ja kaum vom Flugplatz wegbewege, war das ein ganz neuer Einblick: wie viel Strecke man tatsächlich zurücklegen kann ohne Motor. Und so bin ich in Sachen Ausbildung noch kein Stück weitergekommen, habe aber trotzdem viel gelernt. Und, ach ja: Den Gefrierbeutel habe ich am Ende doch nicht gebraucht.

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11 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
fortyplus 13.08.2013
-5m 13.08.2013
aviateur 13.08.2013
brut_dargent 13.08.2013
tb59427 13.08.2013
Fleetenkieker 13.08.2013
specialsymbol 13.08.2013
Fleetenkieker 13.08.2013
Fleetenkieker 13.08.2013
fortyplus 14.08.2013
Kunibaer 21.08.2013
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  • Den Traum vom Fliegen träumt Michail Hengstenberg, seit er Kind ist. Weil regelmäßige Fünfen in Mathe einer Karriere als Berufspilot nicht förderlich sind, blieb er bislang am Boden. Bis jetzt. Von etlichen Gastflügen bei verschiedenen Segelflugclubs ausreichend motiviert, befindet sich der SPIEGEL-ONLINE-Redakteur seit Juli 2013 in der Ausbildung zum Segelflugpiloten.

    Von seinen Erfahrungen auf dem Weg zur Lizenz zum Abheben erzählt Michail Hengstenberg regelmäßig in diesem Blog.