Über den Wolken

Segelflug-Blog Bestanden!

Falk Cent

Von


Der Schauplatz meines Triumphes könnte nicht trostloser sein. Ein gesichtsloser Parkplatz vor einem unscheinbaren Rotklinkerbau in einem kleinen Industriegebiet irgendwo in Schleswig-Holstein.

Für mich ist es in diesem Moment trotzdem das Paradies auf Erden, mein persönlicher Sehnsuchtsort. Ich habe die Segelflug-Theorieprüfung bestanden!

Ich will ganz ehrlich sein: Für mich war die Theorieprüfung von Anfang an der Teil der Ausbildung, der mir am meisten Angst eingeflößt hat. Ich hatte Schiss. Vor dem Lernen (wann bitte hatte ich zuletzt in meinem Leben so viel gelernt?). Vor der Prüfung selbst (was genau erwartet mich da?). Und natürlich vor dem Durchfallen, und sei es nur in einem Fach (nochmal einen Tag zur Prüfung zuckeln, außerdem natürlich die Schmach, zum Platz zu kommen und nicht bestanden zu haben).

Deswegen habe ich gelernt wie ein Bekloppter. Alle Fliegerkameraden, mit denen ich gesprochen habe, attestierten mir schon Wochen vor der Prüfung, mehr als ausreichend vorbereitet zu sein. Sie verwiesen immer wieder darauf, dass ich ja nur 75 Prozent der Fragen richtig beantworten müsse. "Mag ja sein. Aber was, wenn in der Prüfung durch Zufall eine Zusammenstellung all jener Fragen drankommt, bei denen ich unsicher bin?", dachte ich bei mir. Und lernte weiter.

Cirruswolken als Schlechtwetterboten

Am Ende habe ich natürlich viel zu viel gelernt. Für einen kurzen Moment auf dem Parkplatz habe ich mich darüber auch geärgert. Angesichts der Menge der studierten Materie kamen mir die 40 Fragen pro Prüfungsfach fast schon banal vor. Und dafür habe ich jetzt so lange geackert? Natürlich nicht. Okay - was eine "Mercatorprojektion" ist (eine Darstellungsform von Landkarten), diese Information hätte ich nicht gebraucht und werde sie wohl auch nicht mehr brauchen. Doch vieles hat mich tatsächlich bereichert.

Zum Beispiel, dass ich jetzt Wolken lesen kann. Ich weiß jetzt, dass diese ganz feinen, zerrissenen Wolken weit oben am strahlend blauen Himmel sogenannte Cirruswolken sind. Als Laie denkt man: "Schön!". Ich denke jetzt: "Sch…" - denn die Cirren sind in der Regel Vorboten einer Warmfront, die erstmal mit schlechtes Wetter bringt.

Vor allem aber brauchte ich eins: Das Blatt Papier, die Bestätigung, dass ich die Prüfung bestanden habe. Denn nur damit kann ich mich zur praktischen Prüfung anmelden, ohne sie wird es nichts mit dem Pilotenschein. Ich stehe auf dem Parkplatz und schaue es mir an, das schmucklose Schriftstück. Es ist keine verzierte Urkunde, die man sich einrahmen kann, sondern eine einfache Din-A-4-Seite Druckerpapier, schon leicht zerknittert.

Ich hatte es mir das alles irgendwie spektakulärer vorgestellt. Dass sich der Druck der vergangenen Wochen in einem berauschenden Gefühl Bahn brechen würde. Aber da ist nur stille Freude, und Erleichterung. Ein unscheinbarer Parkplatz, ein unscheinbares Blatt Papier und ich. Und jetzt? Jetzt ist der Weg frei, ich kann endlich einbiegen auf die Zielgerade der Segelflugausbildung.

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8 Leserkommentare
ash26e 02.04.2015
wogo 02.04.2015
theanalyst 02.04.2015
Mr. Tibbers 02.04.2015
MichaelundNilma 03.04.2015
ul-flieger 03.04.2015
tb59427 03.04.2015
klaus.zeter 04.04.2015

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