Über den Wolken

Segelflug-Blog Ein Sommer zum Einpacken

Sinnbild für die Saison 2016: Das schlechte Wetter ist genau über mir
Michail Hengstenberg

Sinnbild für die Saison 2016: Das schlechte Wetter ist genau über mir

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Es wird Zeit, sich den Frust von der Segelfliegerseele zu schreiben: Dieser Sommer war eine herbe Enttäuschung. Dabei hatte die Saison zu schön begonnen.

Und zwar mit meinen ersten echten Überlandflügen. Doch dann ging es so gar nicht angemessen weiter. "Wieso?", werden nicht fliegende Leser an dieser Stelle fragen. "Der Sommer war doch ganz schön." Aber diese Frage macht alles nur noch schlimmer. Weil es fürs Segelfliegen eben nicht reicht, wenn der Himmel strahlend blau ist und die Sonne scheint, verdammt.

Aber wie erklärt man Familie und Freunden die meteorologischen Notwendigkeiten für schöne, lange Flüge, ohne dass die gelangweilt wegnicken? Dass man eine kühle Luftmasse braucht, ein stabiles Hochdruckgebiet und eine Sonne, die ordentlich draufbrennt? Also quasi Geburtstag, Ostern und Weihnachten an einem Tag?

Am besten gar nicht. Obwohl ich mir wünsche, dass Familie und Freunde meinen Frust verstehen. Warum wir am See sitzen, Lichtschutzfaktor 50 brauchen, und ich sage: Scheißwetter. Aber meine Erklärungsversuche verliefen eigentlich immer gleich. Ich sehe es in ihren Augen, wenn die Leute schon nach zwei Sätzen bereuen, nachgefragt zu haben und dann nur noch höflich nicken.

Als Segelflieger bewegt man sich in dieser Hinsicht in einer Parallelwelt. Nur Segelflieger verstehen, warum man bei einem rauschenden Familienfest mit bestem Wetter mit leicht gequälten Gesichtsausdruck dasitzt. Weil die Schäfchenwolken im sonst blauen Himmel von Hammerthermik künden, die einen Hunderte Kilometer weit tragen würde. Deshalb. Ich bin irgendwo am Anfang des Abstiegs in diese Parallelwelt. Ich kapiere nur die Hälfte, wenn die alten Hasen über das Wetter reden. Gleichzeitig versteht meine normale Umgebung mich schon nicht mehr.

Warum es niederschmetternd ist, jeden Tag die Segelflugwetterprognosen für die kommenden Tage zu studieren - und mitanzusehen, wie die Vorhersagen für den Tag, an dem ich Zeit habe, immer schlechter werden.

Das Wetterpech war dieses Jahr auf meiner Seite. An den wenigen Tagen, es waren ungefähr fünf, an denen hier im Norden perfektes Segelflugwetter war, war ich anderweitig verplant. Und an zwei Tagen, an denen ich Zeit hatte und eigentlich auch gutes Wetter vorhergesagt war, entwickelte es sich dann in letzter Minute anders.

Ganz besonders gemein war es an meinem vorerst letzten, nun ja, Flugtag: Der Segelflugwetterbericht hatte eine - für die Jahreszeit - ganz passable Aussicht gegeben. Und tatsächlich kam es auch dazu. Nur nicht bei uns.

Über unserem Flugplatz hing schon um kurz nach elf eine geschlossene, graue, Wolkendecke, die jegliche Thermik spendende Sonnenstrahlung unterband. Nur wenige Kilometer südlich, ungefähr über der Elbe, riss der Himmel mit einer messerscharf gezogenen Linie auf und gab den Blick frei auf herrliche Cumulus-Wolken, die bis zum Horizont reichten. Allein, sie waren für uns nicht erreichbar, weil der Motorsegler, der uns dorthin hätte schleppen können, am frühen Morgen weggeflogen war.

Hoffnungsfroh hatte ich meinen Flieger morgens aufgerüstet, traurig packte ich ihn am Mittag wieder zusammen. Der möglicherweise letzte Streckenflugtag dieses Jahres war im wahrsten Sinne des Wortes an mir vorbeigezogen.

  • Den Traum vom Fliegen träumt Michail Hengstenberg, seit er Kind ist. Weil regelmäßige Fünfen in Mathe einer Karriere als Berufspilot nicht förderlich sind, blieb er lange am Boden. Doch dann machte der SPIEGEL-ONLINE-Redakteur, von etlichen Gastflügen bei verschiedenen Segelflugklubs ausreichend motiviert, die Ausbildung zum Segelflugpiloten.

    Von seinen Erfahrungen auf dem Weg zur Lizenz zum Abheben und in der Luft erzählt Michail Hengstenberg regelmäßig in diesem Blog.
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8 Leserkommentare
rhatt 23.09.2016
metman 23.09.2016
mike_spiegel 23.09.2016
rhatt 23.09.2016
mike_spiegel 23.09.2016
Neapolitaner 23.09.2016
allmale 23.09.2016
blue-skies 23.09.2016

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