Segelkunstflieger in Ausbildung "Dann muss mich der Fallschirm retten"

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Als sich das Flugzeug auf den Rücken dreht, trifft mich das komischerweise unerwartet. Was soll ich jetzt machen? Und dann kommt sie schon: die Panik.

Dabei geht alles mit rechten Dingen zu, ist kein Unglück oder ein Defekt für meine Fluglage verantwortlich. Ich bin auf einem Lehrgang für Segelkunstflug und befinde mich im Trainingsabschnitt eins am ersten Tag: dem koordinierten Rückenflug.

Zuvor hatten wir in der Theorie alles durchgesprochen. Dass die Tragfläche auf dem Rücken wegen des Profils ebenfalls Auftrieb erzeugt, also in Richtung Erde fliegen will. Dass ich entsprechend gegensteuern muss, also den Knüppel nach vorne drücken. Normalerweise lenkt man das Flugzeug damit nach unten, auf dem Rücken, wo alles umgekehrt ist, entsprechend nach oben. Ich kannte die grundlegende Mechanik des Rückenflugs schon vom Modellfliegen und freute mich enorm darauf, sie im richtigen Flugzeug auszuprobieren. (Wie es mir am Anfang des Lehrgangs ergangen ist, lesen Sie hier).

Doch nichts hatte mich darauf vorbereitet, wie es sich anfühlt, auf dem Rücken zu fliegen. Das Blut schießt mir in den Kopf. Ich bin orientierungslos. Meine Augen finden die Instrumente nicht mehr, mein Blick irrt umher. Das sanfte Säuseln, dass meine Flüge sonst begleitet, schwillt an zu einem Orkan. "Drücken!", schreit mein Fluglehrer vom Rücksitz. Mist, der Bug hat sich schon wieder in Richtung Erde gesenkt.

Als meine Augen endlich den Fahrtmesser finden, zeigt er 160 an, viel zu schnell. Ich drücke den Knüppel nach vorn, das Flugzeug nimmt die Nase nach oben. Noch mehr Blut schießt in meinen Kopf, durch durch die negative G-Belastung hänge ich wie ein nasser Sack in meinen Schultergurten. Ich kann nur einen einzigen klaren Gedanken fassen: Wenn sich jetzt das Gurtschloss öffnet, hält mich die Plexiglashaube nie. Ich werde sie einfach durchschlagen und in Richtung Erde rasen. Dann muss mich der Fallschirm retten.

Im Video: Der Autor dreht sich

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Natürlich öffnet sich das Gurtschloss nicht. Die existenzielle Angst, die mich erfasst hat, begleitet mich trotzdem auf meinen ersten Flügen. Auch am zweiten Tag des Lehrgangs krallt sie sich in meine Eingeweide. Auf dem Rücken fliegen wir da zwar nur noch kurz, denn jetzt stehen die ersten Figuren auf dem Programm. Aber die finde ich nicht weniger bedrohlich.

Lächeln? Geht doppelt nicht

Der "Abschwung" ist eine halbe Rolle, bei der ich das Flugzeug auf den Rücken drehe und dann im Rückenflug die Fahrt wegdrücke. Also eine komprimierte Form all dessen, was mir am Tag eins Probleme bereitet hatte. Nur dass ich dann, wenn der Flieger bei Tempo 100 im Ruder weich wird und anfängt zu taumeln, am Höhenruder ziehe.

Und was passiert, wenn man im Rückenflug am Höhenruder zieht? Genau, es geht nach unten, und zwar steil - in einem halben Looping. Ich werde also erst wieder in die Gurte geschleudert und dann auf dem Weg nach unten so in die Sitzwanne gepresst, dass meine Wangen nach unten rutschen. Lächeln? Ginge jetzt doppelt nicht.

Loopings lernen wir auch am zweiten Tag. Und das ist schwerer als gedacht. Einfach den Knüppel an den Bauch ziehen ergibt noch lange keinen Looping. Stattdessen ist Timing gefragt, muss der Knüppel im richtigen Moment (kurz vor dem Eintritt in den Rückenflug) wieder in die Neutralstellung gebracht und dann langsam wieder an den Bauch gezogen werden, damit der Looping kein "Zwetschgoid" (so nennen die Kunstflieger einen Looping in Eiform) wird oder aussieht wie eine Neun.

Mein Problem ist: Das ständige Auf und Ab, der Wechsel der Kräfte, die an mir zerren, setzen mir zu. Mir ist nach jedem Flug speiübel. Während die anderen Grundschüler bei mir im Kurs stets zwei Starts hintereinander machen, brauche ich nach jedem Start mehrere Stunden Erholung, bis ich wieder in den Flieger steigen kann.

Auch am dritten Tag (es stehen jetzt Rolle und Aufschwung auf dem Programm. Der "Aufschwung" ist ein halber Looping, an dessen oberen Ende man den Flieger durch eine halbe Rolle wieder in die Normalfluglage zwingt) ist es das gleiche Spiel: Der erste Flug des Tages noch erträglich. Auch, weil die Luft dann noch ruhig ist und mir nicht schon beim Flugzeugschlepp auf 1250 Meter Höhe durch die bockige Luft blümerant wird. Doch spätestens nach dem zweiten Flug wird mir auch am Boden beim bloßen Gedanken an die Figuren hundeelend.

Wo kann ich Segelkunstflug lernen?
    Viele Segelflugschulen bieten für Piloten mit Segelfluglizenz und entsprechender Flugerfahrung auch die Schulung von Kunstflug an. Daneben haben sich verschiedene Vereine der Förderung von Segelkunstflug verschrieben, sie bieten über das Jahr verteilt Lehrgänge an. Zum Beispiel:

Segelfliegen ist sowieso schon eine Nischensportart und die Kunstflieger innerhalb ihrer noch mal eine Randgruppe. So wie es aussieht, werde ich sie nicht verstärken. Ich spiele mit dem Gedanken, den Lehrgang abzubrechen und nach Hause zu fahren.

Das Einzige, was mich davon abhält, ist ein kleiner Hoffnungsschimmer am Segelkunstflieger-Horizont: Viele erfahrenere Lehrgangsteilnehmer klopfen mir verständnisvoll auf die Schulter. "Wird schon, war bei mir am Anfang auch so", sprechen sie mir Mut zu. Aber werde ich es auch schaffen, Magen und Maschine noch in diesem Kurs zu bändigen?

Davon werde ich den kommenden Tagen hier in dem Blog im Kunstflug-Tagebuch berichten.

  • Den Traum vom Fliegen träumt Michail Hengstenberg, seit er Kind ist. Weil regelmäßige Fünfen in Mathe einer Karriere als Berufspilot nicht förderlich sind, blieb er lange am Boden. Doch dann machte der SPIEGEL-ONLINE-Redakteur, von etlichen Gastflügen bei verschiedenen Segelflugklubs ausreichend motiviert, die Ausbildung zum Segelflugpiloten.

    Von seinen Erfahrungen auf dem Weg zur Lizenz zum Abheben und in der Luft erzählt Michail Hengstenberg regelmäßig in diesem Blog.
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4 Leserkommentare
chupamela 13.09.2018
sikasuu 13.09.2018
urmedanwalt 13.09.2018
ACDI 14.09.2018

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