Segelkunstflieger in Ausbildung Jetzt geht es drunter und drüber

Aluminium-Einsitzer Pilatus B4 - der Einstiegs-Kunstflieger
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Aluminium-Einsitzer Pilatus B4 - der Einstiegs-Kunstflieger

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Die ersten drei Tage im Kunstfluglehrgang ging es mir nach jedem Start hundeelend. Das ist nun vorbei, auch die Angst ist passé. Stattdessen zaubere ich jetzt immer mehr Figuren in den Himmel.

Schon am Morgen des fünften Tages hatte mich mein Fluglehrer ermutigt, das Programm für die Prüfung zur Kunstflugberechtigung allein zu fliegen. Er traute meinen Fähigkeiten wohl schon mehr als ich selbst (Wie ich meine Angst vor den Figuren verloren habe, lesen Sie hier). Stattdessen machte ich noch einen Flug mit Begleitung, um das Programm, den Ablauf der Figuren, einzustudieren.

Eine große Hilfe dabei war mein Spickzettel mit den sogenannten Aresti-Symbolen. Sie sind so etwas wie die Hieroglyphen des Kunstfliegers. Der Spanier Graf José Luis de Aresti Aguirre hat sie erfunden, und es gibt einen ganzen Katalog davon. Jedes einzelne Symbol bezeichnet eine Kunstflugfigur, kleine Details wie Pfeile auf dem Symbol zeigen an, in welche Richtung sie geflogen wird oder ob sie noch Elemente anderer Figuren enthält.

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Die Prüfung zur Kunstflugberechtigung enthält festlegte Figuren, es gibt sogenannte Leistungsabzeichen Kunstflug in den Kategorien Bronze, Silber und Gold, deren Figurenprogramme festgelegt sind. Ansonsten können sich die Kunstflieger ihr Programm aus den Aresti-Symbolen beliebig zusammenstellen.

Wie wichtig es ist, sich die Figuren und Programm auszudrucken und ins Cockpit zu hängen, merke ich im Lehrgang immer wieder: Selbst mit Spickzettel passiert es mir und meinen Mitschülern, dass wir während des Durchfliegens des Programms Figuren vergessen. Beim Üben ist das nicht so schlimm - aber wenn es auf dem Prüfungsflug passiert oder bei einem Wertungsflug für ein Leistungsabzeichen, ist das blöd. Dann wird nämlich der gesamte Flug nicht gewertet.

Mein Spickzettel: Figurenprogramm für die Prüfung (mit Notizen)
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Mein Spickzettel: Figurenprogramm für die Prüfung (mit Notizen)

Ebenso hilfreich wie das Anfertigen von Spickzetteln ist das imaginäre Durchfliegen des Programms am Boden. Weil jede Figur bestimmte, teils nur nuancierte Eingaben mit dem Steuerknüppel erfordert, hilft es ungemein, diese Abläufe vor dem Abheben wieder und wieder im Geiste durchzugehen. Manche sprechen sogar jedes Detail des Fluges durch.

In der Praxis sieht das ziemlich behämmert aus: Immer wieder sieht man während des Lehrgangs Piloten am Boden mit ausgebreiteten Armen und halb geschlossenen Augen, den Spickzettel in der einen Hand, imaginär ihr Programm durchfliegen. Ein bisschen sieht es aus wie auf einer Goa-Party. Nur ohne Musik und ohne Drogen. Und ja: Ich habe es auch getan.

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Ausbildung: Wie ich Segelkunstflieger wurde

Denn es wirkt. Ein letzter Flug noch mit einem anderen Lehrer auf dem Rücksitz, das sogenannte Auschecken, die Überprüfung, dass ich mich nicht in Gefahr bringe und das Programm sicher allein fliegen kann. Dann ein Alleinflug, zum Üben, der schon ziemlich gut klappt. Ich fühle mich an meinen ersten Alleinflug überhaupt erinnert: Wie erstaunt ich schon damals darüber war, wie schnell sich Routinen festigen - und wie viel Sicherheit das gibt.

Als ich mein Prüfungsprogramm fliege, bin ich nur beim Einsteigen am Boden etwas zittrig. In der Luft ist die Aufregung wie weggeblasen. In 1300 Meter Höhe klinke ich das Schleppseil aus und bedanke mich bei dem Schlepppiloten. Weit unter mir liegt der Flugplatz Friesener Warte wie ein Peilstab. Parallel zu ihm fliege ich mein Programm, unten sitzen die Prüfer und schauen mir zu.

"Die Delta 3868 geht in die Westbox für den Kunstflug", melde ich mich über den Funk an. Wackele noch dreimal mit den Tragflächen, das offizielle Signal für den Beginn des Programms. Dann geht es los. Treppchen abwärts, Looping, Abschwung, Aufschwung, Turn rechts, Rolle links, Turn links, Rolle rechts, Treppchen aufwärts. Fertig! Erst als ich lande und meine Mitschüler mir beim Aussteigen gratulieren, begreife ich so richtig, wie schnell auf einmal alles ging.

Wo kann ich Segelkunstflug lernen?
    Viele Segelflugschulen bieten für Piloten mit Segelfluglizenz und entsprechender Flugerfahrung auch die Schulung von Kunstflug an. Daneben haben sich verschiedene Vereine der Förderung von Segelkunstflug verschrieben, sie bieten über das Jahr verteilt Lehrgänge an. Zum Beispiel:

Noch vor drei Tagen wollte ich abreisen. Heute ist alles weg: die Übelkeit. Die Angst. Stattdessen ist da Freude entstanden, ich habe plötzlich Spaß an der Sache. Auch, weil ich merke, dass ich das Flugzeug jetzt anders beherrsche als vor dem Lehrgang. "Am Anfang fliegst du die Figuren noch mechanisch", hatte einer der erfahreneren Lehrgangsteilnehmer zu mir gesagt, "später dann richtig."

Ich verstehe jetzt, was er meinte. Zu Beginn des Lehrgangs hatte ich den Steuerknüppel eher schematisch bewegt, so, wie es uns als Ablauf beigebracht worden war. Ein Gefühl für das Flugzeug hatte ich in den vielen ungewohnten Fluglagen nicht. Aber das war jetzt in den letzten Tagen gewachsen. Der Rückenflug war längst kein Gewaltakt mehr, sondern ich konnte ihn genauso feinfühlig steuern wie zuvor das normale Fliegen.

Am Abend nach der bestandenen Prüfung grübele ich. Der nächste Tag ist der letzte richtige Flugtag des Lehrgangs. Was soll ich aus ihm machen? Ich gebe "Leistungsabzeichen Bronze Segelkunstflug" bei Google ein. Und finde das Aresti-Programm Bronze. "Aha", denke ich - "sind ja nur drei neue Figuren im Vergleich zum Grundprogramm."

Am nächsten Abend, zwei Flüge mit Lehrer, zwei allein, habe ich auch das Bronze-Abzeichen in der Tasche. Der Lehrgang geht zu Ende. Was für eine Woche. Ich bin mit wenig Erwartungen angereist. Ich wäre zwischenzeitlich fast abgereist. Und jetzt bin ich plötzlich entflammt. Wenn ich nachts wachliege, zeichne ich Kunstflugfiguren in den imaginären Himmel. Gehe im Geiste die Steuerabläufe durch. Und kann es kaum erwarten, mich wieder auf den Rücken zu drehen.

  • Den Traum vom Fliegen träumt Michail Hengstenberg, seit er Kind ist. Weil regelmäßige Fünfen in Mathe einer Karriere als Berufspilot nicht förderlich sind, blieb er lange am Boden. Doch dann machte der SPIEGEL-ONLINE-Redakteur, von etlichen Gastflügen bei verschiedenen Segelflugklubs ausreichend motiviert, die Ausbildung zum Segelflugpiloten.

    Von seinen Erfahrungen auf dem Weg zur Lizenz zum Abheben und in der Luft erzählt Michail Hengstenberg regelmäßig in diesem Blog.
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2 Leserkommentare
sikasuu 16.09.2018
Jean Üwe 16.09.2018

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