Flussfahrt mit Segeljolle: Im Zickzack die Elbe runter

Von Maik Brandenburg

Die Elbe ist für vieles bekannt, aber bestimmt kein berühmtes Segelrevier. Zwei leidenschaftliche Skipper fuhren trotzdem mit einer Jolle von Tschechien 400 Kilometer flussabwärts. Ihr Gefährt sorgte unterwegs für verwunderte Blicke. Und bei Gegenwind für anstrengende Stunden.

Elbe-Segeltour: Abenteuer vor der Haustür Fotos
Manfred Jacob

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Okay, andere segeln in haushohen Wellen über den Atlantik, andere trotzen den Stürmen des Pazifiks, und wieder andere gar segeln gleich um die ganze Welt. Manfred Jacob ist die Elbe runter. Die Elbe. Als gebe es da Abenteuer zu erleben. Der 58-jährige Physiker aus Hamburg lächelt: "Und ob es da was zu erleben gibt", sagt er.

Im August 2012 luden er und sein Sohn Marek ihre Rennjolle "Woge" auf einen Trailer und machten sich auf den Weg nach Tschechien. Etwa 60 Kilometer hinter der Grenze, in dem Örtchen Lovosice, ließen sie das Boot zu Wasser.

"Erst wollten wir ja von Dresden nach Hamburg", berichtet der Skipper. "Nur hätten dafür die zwei Urlaubswochen nicht gereicht." Seit langem träumte er davon, die Elbe hinabzusegeln. "Lass uns einfach losfahren, mal sehen, wie weit wir kommen", schlug Sohn Marek schließlich vor. Und weil Tschechien nicht weit von Dresden entfernt liegt, wurde der Startpunkt kurzerhand etwas weiter nach Osten verlegt - mit Ziel Magdeburg.

Es war nicht die erste Tour der beiden. Sie fuhren über Havel und Müritz, gleich mehrmals absolvierten sie Wanderfahrten durch die finnischen Schären. Von dort, aus Finnland, stammten auch die Ruderriemen für ihre geplante Elbtour. "Wir waren uns einig: Ein Motor stinkt, und Riemen sind sowieso besser für den Kreislauf", sagt Manfred Jacob.

Schwer und gutmütig, also perfekt

Die 91 Jahre alte "Woge" bewahrte er vor einem schmählichen Ende als Feuerholz: "Sie sollte verbrannt werden." Jacob bekam gerade noch rechtzeitig Wind von der Sache. "Doch sie war in einem jämmerlichen Zustand. Der Kiel gebrochen, die Bodenbretter schwarz angemalt, der Wellenbrecher zu hoch." Ein Freund leimte den Kiel zusammen, Jacob schnitt den verrotteten Kram heraus, erneuerte den gebrochenen Steven. Im Wesentlichen jedoch beließ er die "Woge" im Zustand ihres Geburtsjahres 1922, inklusive der feuerverzinkten Holzblöcke aus der Vorkriegszeit.

"Die 'Woge' ist schwer und gutmütig", sagt Jacob. Wie geschaffen also für das Vorhaben der Hamburger Flussskipper. Sie planen keine Regatta und keine Rekordfahrt, sondern einen gemütlichen Törn. Im Internet und auf Karten recherchieren sie die Tiefen, die Brückenhöhen, die Flussbreiten.

Der Tag ist schwarz vor Regenwolken, als das Duo mit der "Woge" endlich aufbricht. Von Lovosice aus wollen sie am ersten Tag an eine 20 Kilometer entfernte Schleuse. Kaum unterwegs, kracht es - der Himmel fällt ihnen auf den Kopf. Unter einem Baum am Ufer suchen sie Schutz vor dem Unwetter. Danach müssen sie rudern. Flaute. Alle zwei Kilometer wechseln sie einander ab.

Kurz vor der Schleuse bei Usti nad Labem treffen sie auf ein tschechisches Ehepaar, das dort mit seinem Jollenkreuzer liegt. Mit Händen und Füßen und Mareks Schulrussisch klappt die Verständigung. Die Tschechen staunen: Ihr segelt? Könnt ihr euch keinen Motor leisten? Diesen Spruch, sagt Jacob, hörten sie "unterwegs noch öfter. Ein Motorbootfahrer wollte uns sogar abschleppen. Einige meinten: Das Kreuzen haltet ihr keine drei Tage durch".

Seeadler und Weißwein

Sie passieren Burgen, Klöster, Landhäuser. Und immer wieder alte Bootswerften und zerfallende Fabrikgebäude aus Backstein, Relikte einstiger industrieller Blüte Böhmens. Am meisten bewundern sie die Weinberge. "Wein an der Elbe, Mann, wer denkt dann an so was", staunt Manfred Jacob noch immer. Später, in Meißen, wird er sich ein paar Flaschen trockenen Müller-Thurgau zulegen, seine Souvenirs. Schiffe begegnen ihnen kaum, dafür sehen sie Reiher, Störche, Seeadler.

Am Abend erreichen sie den Yachtclub Postelwitz. Der Vereinschef ist ganz aus dem Häuschen: ein voll getakeltes Segelboot! Das hatten sie hier seit Jahren nicht. Im Vereinshaus hängen vergilbte Schwarzweißfotos aus den Fünfzigern. Seinerzeit, erfahren die Jacobs, segelten viele DDR-Bürger hier entlang. Heute haben sie größere Reviere.

Ist diese Art zu segeln nicht ein Witz, Herr Jacob? Manfred Jacob hebt die Augenbrauen und sagt: "Auf einem See ist es nicht so anstrengend." Der Fluss sei schmal - ein Augenblick der Unachtsamkeit, und man läuft aufs Ufer oder auf eine Untiefe. Etwas Selbstüberschätzung, und man rammt den nächsten Rumpf. So lassen sich die beiden, obwohl es in den Fingern juckt, auch nicht auf ein Rennen mit dem Raddampfer ein, der von achtern aufkommt. Lieber fahren sie eine Halse, und damit ist es gut.

"Es war nie langweilig"

Es ist wirklich nicht immer so einfach, wie es scheint. Vor Dresden spielt eine nagelneue Elbfähre verrückt, sie dreht Pirouetten, mitten auf dem Fluss, das Deck voller Autos. Knapp vor der Kollision schaffen es die Jacobs ans Ufer. "Die modernen Steuerungen versagen öfter", erfahren sie später.

Hinter der Festung Königsstein hauen sie die Böen fast um, der Düseneffekt der hohen Berge beschleunigt das Boot auf sechs Knoten. "Da mussten wir beide die Jolle voll auf der Kante ausreiten", sagt Jacob. An solcherlei kleinen Abenteuern hat es selbst auf dem vermeintlich beschaulichen Törn nicht gemangelt. "Es war nie langweilig", sagt Manfred Jacob.

Am aufregendsten sei die Landschaft gewesen. Der stete Wechsel. Mampfende Kühe, Schafe, Camper, Züge, Sehenswürdigkeiten, die Ungewissheit, wie's hinter der nächsten Kurve aussieht. Etwa vier Stunden am Tag fahren sie, den Rest verbringen die beiden an Land.

In Pirna entdecken sie die Wassermarken der letzten Hochwasserflut auf der Einkaufsstraße, in drei Meter Höhe. In Meißen bewundern sie das Porzellan, in Wittenberg die Prachtstücke des Bibelmuseums. Bei der Einfahrt in Dresden knipst Vater Jacob die Speicherkarte voll, die Feldschlösschenbrücke, die Frauenkirche, die Semperoper.

"Wir sind", sagt er, "gewissermaßen die deutsche Kultur abgefahren." Das Tollste aber waren die Berge. Sie erreichen sie am dritten Tag. Keine 50 Meter ist die Elbe breit, als sie in den "Grand Canyon" einfahren.

Das einzige Sportboot weit und breit

Plötzlich erheben sich die steilen, himmelhohen Wände des Elbsandsteingebirges: schroffe Schluchten, zerklüftetes Gestein, gewaltige Felssäulen. "Diese gigantische Natur und dazwischen unser kleines Boot", sagt Manfred Jacob.

Mitten auf dem Fluss knallt das Eisenschwert auf Unterwasserfelsen. Aber das Gefährt ist robust, die Jacobs holen routiniert das Schwert höher und machen wieder Fahrt.

Die Berge schrumpfen, doch Obacht ist weiterhin geboten - der Grund bleibt felsig und flach. Das Ufer säumen bald grüne Überschwemmungswiesen, Bäume darauf, von Elbauen begrenzt. Vater Jacob erinnert die Gegend an die Haseldorfer Marsch viel weiter flussabwärts, gleich jenseits von Hamburg.

Seeadler kreisen über dem Boot, Schafherden blöken. Die Nächte sind sternenklar. Die "Woge" ist das einzige Sportboot weit und breit.

Per Zug nach Tschechien

Nach elf Tagen ist das kleine Abenteuer vor der Haustür beendet. 400 Kilometer liegen achteraus, in Magdeburg wird die "Woge" aus dem Wasser gezogen, der halbe hiesige Verein packt mit an. Einmal noch Sightseeing zum Abschluss, der Dom, die Grüne Zitadelle, das letzte von Friedensreich Hundertwasser gebaute Haus, das war's.

Am Bahnhof holt Manfred Jacob einen zerknitterten Zettel aus der Tasche hervor, "unser wichtigstes Inventar". In Lovovice, zu Beginn der Reise, hatte sich der Hamburger den Namen sorgfältig vom Ortsschild abgeschrieben. Jetzt reicht er ihn der Dame vom Schalter, und sie bekommen den Fahrschein nach Tschechien, wo der Trailer abgeholt werden muss.

In der Hamburger Wohnung blättert Manfred Jacob durchs Logbuch. Viele eng beschriebene Seiten. Aber es wäre noch Platz genug für einen nächsten Törn. Wohin? Sie überlegen. Die Donau vielleicht? Der Rhein? Beide zu laut, zu viel Verkehr. Weiter weg - Finnland? Waren sie schon.

"Es wird schwer", sagen beide auf die Frage nach einem würdigen nächsten Ziel. "Die Elbe ist kaum zu toppen." So dürfte es nicht allzu lange dauern, bis die letzte Flasche Müller-Thurgau aus Meißen geleert wird. Die wollen sie erst anrühren, wenn sie die letzten 300 Kilometer nach Hamburg auch noch geschafft haben.

Dies ist die gekürzte Version eines Textes, der im Segelmagazin "Yacht" (Ausgabe 20/2013) erschienen ist.

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1. Feldschlösschenbrücke
Coulomb89 heute, 09:34 Uhr
Zitat von sysopDie Elbe ist für vieles bekannt, aber bestimmt kein berühmtes Segelrevier. Zwei leidenschaftliche Skipper fuhren trotzdem mit einer Jolle von Tschechien 400 Kilometer flussabwärts. Ihr Gefährt sorgte unterwegs für verwunderte Blicke. Und bei Gegenwind für anstrengende Stunden. Segeln auf der Elbe: Von Lovosice nach Magdeburg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/deutschland/segeln-auf-der-elbe-von-lovosice-nach-magdeburg-a-925398.html)
Feldschlösschenbrücke? ernsthaft? Liest denn niemand bei SPON die Artikel Korrektur?
2.
iBert heute, 09:36 Uhr
Die Strecke um Wittenberg ist mir als sehr langweilig in Erinnerung, das Elbufer ist so hoch, dass man nicht darüberschauen kann.
3. Namen sind Schall und Rauch, was?
sensitivo heute, 10:16 Uhr
Zitat von sysopBei der Einfahrt in Dresden knipst Vater Jacob die Speicherkarte voll, die Feldschlösschenbrücke, die Frauenkirche, die Semperoper.[/url]
Welche FELDschlösschenbrücke, bitteschön? Ist wohl'n schlechter Witz? Das Vater Jakob den Namen so nannte mag ja sein, aber als Schreiberling sollte man solche "Fakten" mal prüfen, BITTESCHÖN. Schließlich kostete das Ding den Welterbetitel. DANKE!
4. Kleiner Fehler
EH-DD heute, 10:47 Uhr
Macht mal aus "Feldschlösschenbrücke" eine "Waldschlößchenbrücke"...
5. Aber auch sonst
reifenexperte heute, 11:28 Uhr
geht es in dem Artikel geografisch munter durcheinander, erst ist am in Dresden und noch weiter und dann wieder im Elbsandsteingebirge. Dem Verfasser hätte ein Blick auf eine Karte gut getan.
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