Das Pisten-Blog

Selbstversuch auf Crossblades Das kurze Vergnügen

crossblades.ch

Von Johanna Stöckl


Wie kleine Badewannen sehen sie aus und sollen Schneeschuhwanderern Lust auf rasante Abfahrten machen: Crossblades. Wir haben die neuen Hybrid-Wintersportgeräte getestet.

Auf zwei Kunststoffwannen gleite ich mithilfe von Skistöcken durch den glitzernden Pulverschnee bergauf. Crossblades heißen die Teile an meinen Füßen, einer neues Sportgerät aus der Schweiz. Laut Produktbeschreibung verbinden sie die Trittsicherheit von Schneeschuhen im Aufstieg und das Gleiten auf Ski in der Abfahrt. Ein Schneeschuh, der fahren kann? Auf diesen Hybrid bin ich gespannt.

Denn manchmal habe ich keine Zeit für eine Skitour. Oftmals schreckt mich auch eine heikle Lawinenlage davor ab, auf Tourenski in höhere Lagen aufzubrechen. Dann ziehe ich in Talnähe auf Schneeschuhen los und laufe über Wiesen, Hügel und am liebsten natürlich durch einen tief verschneiten Wald. Diese Art des Wanderns ist auch und vor allem unter Nichtskifahrern als kostengünstiger Wintersport beliebt geworden.

Für mich als leidenschaftliche Skifahrerin fehlt nur noch, dass ich den Rückweg wie auf Tourenski über eine Abfahrt verkürzen und beschleunigen könnte. Genau das war auch die Idee des Erfinders der Crossblades, Ulo Gertsch - der auch die heute übliche Plattenbindung vor 50 Jahren entwickelt hat. "Bei einer Schneeschuhtour mit meinem Sohn Peter auf das Morgenberghorn im Berner Oberland klagte dieser im Abstieg", sagt Gertsch. Anstatt bergab zu stapfen, sehnte sich Gertsch Junior danach, bergab zu sausen.

Ulo Gertsch kennt als ehemaliger Rennläufer, Bergführer und Skilehrer alle Spielarten des Wintersports. Der 77-jährige Tüftler aus Steffisburg bei Thun hat rund hundert internationale Patente angemeldet. "Ich bin ein Erfinder aus Leidenschaft und ständig am Denken", sagt der Schweizer. Sohn Peter gab den Anstoß für die Crossblades, bis zur Serienreife hat es sechs Jahre gedauert.

Wie funktionieren die Crossblades?

Auf den ersten Blick erinnern mich die Geräte weniger an Schneeschuhe, eher an Firngleiter. Die wannenartig vertieften Kurzski aus Kunststoff wiegen mit je 1,85 Kilogramm mehr als Schneeschuhe, sind knapp 90 Zentimeter lang und können mit einer längenverstellbaren Hardboot-Bindung für Alpin- und Tourenskischuhe genutzt werden. Verfügbar sind sie auch mit einer Softboot-Bindung für herkömmliche Bergschuhe.

Interessanter ist der Blick auf die Unterseite, wo sich eine Wendeplatte befindet. Für den Aufstieg nutzt man das integrierte Steigfell. Und für die Abfahrt löst man die Platte, wendet sie um 180 Grad, fixiert sie, und schon steht einem eine Lauffläche mit Belag samt Stahlkanten zur Verfügung. "Twin-Deck-Prinzip" nennt Gertsch seine patentierte Erfindung.

Fotostrecke

7  Bilder
Crossblades im Test: Hybrid aus Schneeschuh und Tourenski

Und? Wie fühlt sich das an?

Der Einstieg in die Hardboot-Bindung klappt über einen Stahlbügel hinten und einen Schnappbügel vorne problemlos. Bergauf fühle ich mich auf den Crossblades sofort wohl. Während man auf Schneeschuhen bei jedem Schritt den Fuß anheben und relativ viel Kraft aufwenden muss, kommt das Ziehen der Crossblades dem Gleiten auf Tourenski sehr nahe. Der Wechsel vom Aufstiegs- in den Abfahrtsmodus ist kinderleicht: Innerhalb weniger Sekunden ist die Platte gedreht und die Bindung umgestellt.

Und jetzt der lang ersehnte und hart erarbeitete Höhepunkt der Tour: die Abfahrt. Hier muss ich ausholen. Als ich zum ersten Mal auf Schneeschuhen stand, hatte ich anfangs kurioserweise im Abstieg Probleme. Tendenziell verweigerte mein Körper in abschüssigem Gelände das Gehen. Instinktiv wollte er talwärts fahren, was über meine quasi angeborene Abfahrtshaltung dazu führte, dass ich im Abstieg mehrmals vornüber in den Schnee kippte.

Meine ersten Versuche auf Crossblades hingegen gestalteten sich großartig: In sanftem Gelände und ganz besonders auf Waldwegen fühlte ich mich talwärts gleitend auf Anhieb sicher. Im Tiefschnee schwimmen die wannenartigen Kurzski nämlich wunderbar auf. Auch schöne, kurze Schwünge in etwas steilerem Gelände gelangen mir nach ein paar Trainingsfahrten.

Ein Skianfänger hingegen braucht sicher etwas Übung, bis er die Abfahrt auf Crossblades drauf hat. Bei geringer Geschwindigkeit gestaltet sich das Fallen in den Pulverschnee allerdings sehr harmlos. Vor Stürzen muss man daher keine Angst haben. Außerdem bietet sich dem ungeübten Anfänger immer noch die Option, auf der Steigfellplatte stark gebremst in Falllinie behutsam nach unten zu rutschen.

Mein Fazit:

Im Aufstieg funktionieren die Crossblades sehr gut. Die Abfahrt in leicht hügeligem, nicht anspruchsvollem Gelände klappt bei guter Schneelage ebenfalls wunderbar und macht Spaß. Im Bruchharsch kam ich auf Crossblades an meine Grenze. Was mir als guter Skifahrerin zudem schwerfiel, waren Abfahrten in stark verspurtem oder buckeligem Gelände. Dafür scheinen sich die nicht sonderlich fahrstabilen Crossblades einfach nicht zu eignen. Die Fahrt wird dann sehr unruhig.

Würde ich mir Crossblades anschaffen? Nein, da ich bereits Schneeschuhe, Alpinski und eine komplette Skitourenausrüstung besitze. Für gelegentliche Einsätze benötige ich nicht auch noch Crossblades - immerhin kosten sie noch 540 Euro (Softboot-Bindung, 4,3 Kilogramm) beziehungsweise 500 Euro (Hardboot-Bindung, 3,7 Kilogramm). Das Gerät könnte ich aber Menschen empfehlen, die (noch) nicht gut Skifahren können, Freude am Winterwandern haben und sich spielerisch im (leichten) Gelände bewegen und an erste Variantenabfahrten heranwagen möchten.

Zur Person
  • privat
    Johanna Stöckl, 51, ist in Leogang, einem Skigebiet im Salzburger Land, mehr oder weniger auf zwei Brettern geboren. Die Helden ihrer Kindheit: Franz Klammer, Ingemar Stenmark und Alberto Tomba. Heute würde die freie Autorin für einen Skitag mit Aksel Lund Svindal oder Kjetil Jansrud alles stehen und liegen lassen. Beruflich hat es die gebürtige Österreicherin nach München verschlagen.

    Im Pisten-Blog erzählt Stöckl von dem Genuss der frühen Abfahrt, philosophiert über den Charme von Mikroskigebieten und testet Produktneuheiten.
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3 Leserkommentare
Dualist 03.02.2017
jsalps 03.02.2017
jsalps 03.02.2017

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