Zeitcafé in Wiesbaden: Jede Minute zählt

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Kaffee und Kekse bis zum Abwinken: In einem Café in Wiesbaden zahlen Gäste nicht für ihre Bestellungen, sondern für die dort verbrachte Zeit. In Russland ist das Konzept ein Riesenerfolg. Doch lassen sich auch die Deutschen darauf ein?

Zeitcafé: Fünf Cent pro Minute Fotos
Sebastian Wenzel

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Daria Volkova verkauft Zeit. Eine Minute kostet fünf Cent, die Stunde drei Euro. Für das Geld können ihre Kunden spielen, schmökern oder schwatzen. Sie dürfen Kaffee trinken und Kekse naschen, so viel sie wollen. Das gehört zu Volkovas Geschäftsidee. Die 24-Jährige ist Inhaberin des laut ihrer Aussage ersten deutschen Zeitcafés, dem "Slow Time" in Wiesbaden.

Das Konzept kommt aus Moskau und ist dort der Renner. Einheimische und Touristen können rund um den Kreml zwischen zahlreichen Zeitcafés wählen, echten Ruheoasen in einer hektischen Stadt. Die Gäste vergessen in den Cafés die Zeit, obwohl sie den Preis bestimmt. Die Besucher zahlen nur für die Minuten und Stunden, die sie im Café sitzen.

Getränke und Häppchen sind inklusive, das Zusatzprogramm auch. In einem Café stapeln sich in den Regalen Gesellschaftsspiele, in einem anderen Bücher. Dort zupfen Musiker auf der Gitarre, da skizzieren Künstler Gemälde, hier präsentieren Fotografen ihre Bilder.

Volkova hat die Idee nach Deutschland exportiert. Ursprünglich wollte die gebürtige Russin ihr Zeitcafé in Mainz eröffnen. Doch erst in Wiesbaden fand sie bezahlbare und geeignete Räume. Also packte sie ihre Koffer und zog mit ihrem sechsjährigen Sohn von der rheinland-pfälzischen in die hessische Landeshauptstadt.

Mitte April eröffnete sie in einem ehemaligen Steakhaus in der Nerostraße 39 das Slow Time, etwa 500 Meter von der Fußgängerzone entfernt. Laufkundschaft verirrt sich dorthin nur selten. Volkova glaubt daran, dass ihr Café trotzdem funktioniert. "Ich hoffe, damit den Nerv der Zeit zu treffen", sagt sie. Ihre blauen Augen leuchten, wenn sie über ihr Projekt redet. Ihr Traum wäre es, sich damit den Lebensunterhalt zu finanzieren. 2008 reiste Volkova von Russland nach Deutschland, der Liebe wegen. Wenn sie nicht im Café steht, sitzt sie im Hörsaal. Sie studiert Musik in Mainz. Ihre zweite große Leidenschaft neben dem Slow Time ist die Geige.

Hausschlappen statt Turnschuhe

Das Café erinnert an ein Wohnzimmer. Wer möchte, kann seine Turnschuhe ausziehen und in Hausschlappen schlüpfen. Auf den Tischen flackern Kerzen. An den Wänden kleben Papierfalter. In den Regalen stapeln sich Gesellschaftsspiele wie "Carcassonne", "Activity" oder "Scrabble". Leseratten greifen zu Büchern wie "Die schönsten Kurzgeschichten aus aller Welt", "Russische Volksmärchen" oder "Die Chroniken von Narnia".

Wer lieber in digitalen statt in analogen Seiten versinkt, tippt und klickt sich mit seinem Laptop durchs Netz. Im Minutenpreis ist W-Lan enthalten. Auf dem Holzboden liegt ein Kontrabass. Markus Wach, der Freund von Volkova und Mitinhaber des Cafés, spielt manchmal darauf. An den Wänden ticken Uhren. Alle zeigen unterschiedliche Zeiten, mit Absicht. Im Slow Time sollen die Gäste entspannen. Niemand soll sich gehetzt fühlen.

Wer Durst bekommt, geht zu einem runden Tisch mit orangefarbener Tischdecke. Darauf steht eine Kanne mit Filterkaffee, heißes Wasser und Milch. Daneben liegen in Gläsern grüne Teeblätter und bunte Drops. Alles umsonst, alles inklusive. Wem das nicht reicht, der kann eigene Getränke mitbringen, sein eigenes Vesper genießen oder sich eine Pizza ins Slow Time liefern lassen. Volkova will, dass ihr Laden ein Ort der Begegnung wird. "Hier kann man günstiger Leute treffen als in einer Bar, wo man teure Getränke kaufen muss", sagt sie.

Gebrauchsanleitung an den Scheiben

An diesem Mittwochnachmittag sind nur drei Gäste da: ein älteres Ehepaar mit Sohn, sie haben sich selbst Kuchen mitgebracht. Doch Volkova ist sicher, dass sich ihr Konzept eines Tages rechnen wird. Sie hat kaum Ausgaben. Eine Küche gibt es nicht, eine Mitarbeiterin im Service reicht. "Ab elf Gästen pro Stunde verdienen wir Geld", sagt die 24-Jährige. In dem knapp 70 Quadratmeter großen Raum können bis zu 25 Personen sitzen. Bisher kommt die Gastronomie-Quereinsteigerin noch nicht auf ihren Schnitt.

Die Anlaufschwierigkeiten haben für Volkova mehrere Gründe: "Es muss sich in Wiesbaden noch herumsprechen, dass es uns gibt", sagt Volkova. Zweitens ist das Konzept in Deutschland unbekannt. Passanten stoppen oft vor dem Slow Time, schauen durch die Fenster, schlendern dann aber weiter. Dabei hat Volkova extra zwei Plakate an die Scheiben geklebt. Darauf erklärt sie mit großen schwarzen Buchstaben, was ein Zeitcafé ist und wie es funktioniert.

Dritter Grund: Noch fehlen regelmäßige Veranstaltungen. Das soll sich in Zukunft ändern. Volkova plant feste Spieleabende und Konzerte. Die ersten Stammgäste kommen aber auch so fast täglich ins Café. Sie lesen ihre Zeitung, genießen die Atmosphäre, verbringen Zeit. Auf Facebook schreibt ein Nutzer: "Es gibt leckeren Café (für umme), W-Lan, und durch die großzügige Fensterfläche strahlt mich die Sonne an. Der ideale Ort zum Arbeiten."

Geöffnet ist das Café montags bis samstags von zwölf Uhr mittags bis neun Uhr abends. Der Eintritt kostet zwei Euro. Darin enthalten sind dreißig Minuten. Ab dann kostet jede weitere Minute fünf Cent. Das macht in der Stunde drei Euro. Wenn ein Gast das Café betritt, notiert Volkova mit einem Kugelschreiber auf einem Bändchen die aktuelle Uhrzeit.

Das Bändchen klebt sie um das Handgelenk des Besuchers. Wenn der Kunde das Café verlässt, wird minutengenau abgerechnet. Bislang kommt dabei noch nicht allzu viel zusammen, aber Volkova glaubt an ihr Café. "Ich habe noch Rücklagen, um die ersten Monate zu überstehen." Was danach passiert? Das wird die Zeit zeigen.

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insgesamt 44 Beiträge
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1. Break even
bronck 27.05.2013
erst ab 11 Personen und nur für 25 ist Platz? Das bedeutet, dass ich fast komplett volles Haus brauche, um Leerzeiten auf Null auszugleichen. Ich fürchte das wird nicht lange gut gehen, denn die Leerlaufzeiten dürften im Vergleich zur Vollauslastung viel zu hoch sein. Und wovon möchte dann noch die Familie leben?
2. Kerzerlgeld
jta 27.05.2013
Das ist nicht neu und unter Kerzerlgeld wohlbekannt. So Nebenbei wird es auch erwähnt. Man kann spielen, und genau dafür wurde das üblicherweise eingehoben. Gespielt wurde Poker, Stoß und Schnapsen ... natürlich wieder um Geld.
3. Wow, wlan inklu! Ich würde hingehn.
mortimer001 27.05.2013
...an den Schreiberling: dass es in einem Café heutzutage kostenloses Wlan gibt ist zwar meiner Meinung nach mehr eine absolute Selbstverständlichkeit als der Rede wert, aber okay -wenn's den einen oder anderen deshalb dorthin lockt -umso besser. (in anderen, auch weniger technisierten Ländern sind z.B. auch öffentliche Verkehrsmittel wie Busse mit freiem Wlan ausgestattet...) Wie auch immer: cooles Konzept, ich drücke die Daumen!!
4. Geht das wirklich auf?
qewr 27.05.2013
Zitat von sysopSebastian WenzelKaffee und Kekse bis zum Abwinken: In einem Café in Wiesbaden zahlen Gäste nicht für ihre Bestellungen, sondern für die dort verbrachte Zeit. In Russland ist das Konzept ein Riesenerfolg. Doch lassen sich auch die Deutschen darauf ein? http://www.spiegel.de/reise/deutschland/slow-time-cafe-in-wiesbaden-jede-minute-zaehlt-a-901782.html
Die gute Dame weiss nicht, wieviel Kuchen ich in einer halben (oder gar ganzen) Stunde hinunterdrücken koennte... Und wenn es dazu noch Kaffee gibt?
5. ohne Instrumente und Gesellschaftsspiele vielleicht attraktiv
teltowlle 27.05.2013
Ohne Instrumente und Gesellschaftsspiele wäre das vielleicht attraktiv. Die Menschen von heute benötigen Ruhe genau so dringend wie Zeit!
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