Hamburgs Kneipen und Bars: Auf St. Pauli nachts um halb eins

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Vor knapp 70 Jahren sang Hans Albers die berühmte Hymne auf die "Reeperbahn nachts um halb eins". Was passiert heute in St. Pauli zu exakt dieser Uhrzeit? Sieben Nächte, sieben Momentaufnahmen.

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Auf der Reeperbahn

Mittwoch, 0:30, Ritze

Es sind fast nur noch Männer da, und natürlich reden sie über Fußball. Eines der zahllosen Promi-Fotos an der Wand gibt Rätsel auf. "Wer ist der Vierte?", fragt ein Herr mit rotem Hemd und grauem Schnurrbart und deutet auf ein Bild, das mit "Die 4 Großen des deutschen Fußballs!!!" betitelt ist. Eindeutig sind die Kicker-Legenden Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Helmut Schön zu erkennen. Doch vorne rechts steht jemand mit gepunkteter Krawatte und schelmischem Grinsen, den keiner erkennt.

"Horst Blankenburg", sagt die Kellnerin schließlich. Der hat mal beim HSV gespielt, war aber kein Nationalspieler wie die anderen. Dafür hat er als Einziger das Foto unterschrieben - mit dem handschriftlichen Satz, der ihn als einer der ganz Großen des Fußballs ausgibt. In St. Pauli liebt man solche charmanten Hochstapler, zur Rotlicht-Welt der Illusionen und großen Verheißungen gehören die einfach dazu.

Auch die "Ritze" hat schon manchen auswärtigen Gast getäuscht mit ihren gemalten Frauenschenkeln neben dem Eingang und dem eigenartigen Namen: Doch Sexshows gibt es hier nicht, sondern bayerisches Bier vom Fass, einen nach Schweiß stinkenden Boxkeller und kiloweise Kiez-Nostalgie zwischen Bilderrahmen. Und, tatsächlich: jeden Abend den Song "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" aus den Lautsprechern.

Nachts um halb eins

Donnerstag, 0:30 Uhr, 20up-Bar

Über dem kegelbahnlangen Tresen glänzen Kupferblech-Wände, 20 Stockwerke tiefer leuchten die Reeperbahn und die Verladekräne des Hafens. Die weißen Säulen sind so sauber und makellos wie die Anzüge der Besucher. Wenn es so etwas wie das Gegenteil der "Ritze" gibt, dann ist es das 20up im Empire Riverside Hotel.

76 Höhenmeter entfernt, aber gefühlt viel weiter weg sind Seemannsromantik, Astra-Werbeschilder und Die-Beatles-waren-auch-schon-hier-Nostalgie der alten Kiez-Kaschemmen, diese Bar steht für das St. Pauli der Zukunft. Und für eine Modernisierung, die viele nicht haben wollen. Wütend protestieren Anwohner etwa gegen den geplanten Abriss der fernsehbekannten Esso-Tankstelle.

Sie ärgern sich auch über die Tanzenden Türme, ein Designer-Hochhaus in provokanter Lage direkt am Anfang der Reeperbahn, das im August eröffnet wird. Der Erfolg wird den Bauherren vermutlich recht geben, genau wie den 20up-Betreibern. "Ich bin stolz, dass viele Gäste Hamburger sind", sagt Barkeeper Norman Pohn und blickt aus einem Riesenfenster auf die Lichter der Nacht, auf die Touristenmeile Reeperbahn.

Ob du 'n Mädel hast

Samstag, 0:30 Uhr, Grüner Jäger

"Halb eins, das ist der interessanteste Moment des Abends", sagt Matze, Baseballkappe, Hornbrille, Künstlername DJ Dreck. "Da entscheiden die Leute: 'Bleiben wir oder gehen wir noch woanders hin?' Als DJ musst du dann auf den Punkt auflegen." Und, ganz wichtig: "Die Mädels müssen tanzen, die Jungs bewegen sich erst, wenn sie betrunken sind." Sein Kollege am Pult weiß das offenbar auch, er spielt "Mmmbop" von Hanson. Die Tanzfläche: voller Mädels. Es ist einer dieser Abende im Grünen Jäger, bei denen hippe Menschen unter 30 zu Chart-Hits der Neunziger zeigen, dass Ironie tanzbar ist. Wer ohne Ironie mitmacht, fällt auch nicht auf. Und nach ein paar Bier sind "Coco Jambo" und "Mr. Vain" sowieso nicht mehr peinlich, nach ein paar Bier wird mitgesungen.

Oder hast keins

Dienstag, 0:30 Uhr, Goldener Handschuh

"Alles Fotzen außer Mutti", ruft ein glatzköpfiger Gast mit Trainingshose, Bierbauch und einer Stimme, die nach 10.000 Zigaretten klingt. "Im Grunde hast du recht", bestätigt ein Besucher in Jeansjacke. Sie bestellen sich "Lecken", trinken auf Ex und schmeißen die leeren Likörfläschchen unter den Tisch.

Amüsierst du dich

Samstag, 0:30 Uhr, Queen Calavera

Im Queen Calavera geht es nicht um Mutti, sondern ums andere Elternteil: Aus den Boxen tönt "My Heart belongs to Daddy", gesungen von Marilyn Monroe. Dazu tänzelt eine mit weißen Federboas wedelnde Tänzerin über die 80 Zentimeter breite Minibühne.

Zum Playback bewegt sie die Lippen und schält sich Strumpfbänder und Handschuhe vom Leib. Marlene von Steenvag, eine der besten deutschen Burlesque-Tänzerinnen, ist in ihrem Element. Sie ist größere Bühnen gewohnt, kommt aber gern ins Calavera, weil "es hier so familiär zugeht", wie sie später erzählt.

Vielleicht kommt sie auch, weil der vor wenigen Jahren eröffnete Club ein modernes St. Pauli verkörpert, das seine Wurzeln nicht verleugnet. Ein St. Pauli, das nicht museal oder kauzig wirkt, aber dennoch diese gemütliche Verruchtheit ausstrahlt, die zum Kiez gehört wie das Matjesbrötchen zum Fischmarkt.

Denn das findet sich auf der Reeperbahn

Mittwoch, 0:30 Uhr, Reeperbahn

Ein Brite in gelben Shorts, Hosenträgern über dem Hemd und gelber Mütze mit Feder führt seine Junggesellenabschieds-Gruppe in den Baby Doll Club. Ein Mann mit rotem Sikh-Turban und Vollbart betrachtet im Schaufenster des Sexy Devil einen Vibrator für 74,99 Euro. Zwei Japaner im Anzug lassen sich von einem Koberer mit "Sexshow! Entry is free!" und einer international verständlichen obszönen Handbewegung ins Moulin Rouge locken.

Auf der anderen Straßenseite, am Hans-Albers-Platz, haken sich Mädchen bei männlichen Passanten unter. Was denn dagegen spreche, mal für 'ne halbe Stunde mitzukommen? Ihre Zunft steht nicht in dem Ruf, um schlagfertige Worte verlegen zu sein, doch einmal stockt das Gespräch mit einer Dame in rosa Jacke: "Wo kommst du her? Aus Hamburg? Was machst du dann auf der Reeperbahn?"

Nachts um halb eins

Samstag, 0:30, Olivias Show Club

Travestie-Künstlerin Olivia Jones sitzt in einem Strandkorb vor ihrer neuesten Bar und philosophiert über die Zeit. "Zwischen zwölf und halb eins werden die Uhren umgestellt auf Alarm, dann fängt St. Pauli an zu leben", sagt die Zwei-Meter-Riesin. Sie muss es wissen, betreibt sie doch zwei Bars und einen Menstrip-Laden in der Partystraße Große Freiheit.

Jones trägt eine glitzernde Paillettenjacke, auf der ihr Name steht. Völlig unnötig - nachts kann sie sich nicht auf dem Kiez bewegen, ohne alle fünf Meter mit "Oliviaaa!", Liebesbekundungen und Kinderwünschen gegrüßt zu werden. "Um halb eins werden die Leute langsam wild - das war zur Zeit von Hans Albers so, aber es stimmt noch immer", sagt sie.

Wer weiß: Vielleicht war sein fröhlicher Reeperbahn-Schunkelsong gar keine Ode an das Rotlichtviertel, sondern eine Ode an die Uhrzeit. An die Uhrzeit, zu der sich entscheidet, ob es ein guter Abend wird in Hamburg.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Nein, es ist nicht mehr meine Reeperbahn.
papayu 18.07.2012
Um die Ecke bin ich zur Schule gegangen am Millerntor. Oft sind wir Jungens die Reeperbahn rauf und runter. Schwimmen habe ich neben der Davidswache gelernt, im Wellenbad ohne Wellen. Eine unserer Mutproben war mit Schulranzen durch die Herbertstrasse zu wetzen. Im Kaffee Kaese haben wir dann versucht, die Damen aufzureissen, ging aber nicht, wir waren zu jung. Am Millerntor stand ein grosses Zelt mit Catchern. Catch as catch can. einen Namen hab ich noch " Der Wuerger" war ein Wiener. Das war so zwischen 1950 und 1960. Nun bin ich ein alter Sack und weit, weit weg von der Reeperbahn und St. Pauli.
2.
bicyclerepairmen 18.07.2012
Zitat von papayuUm die Ecke bin ich zur Schule gegangen am Millerntor. Oft sind wir Jungens die Reeperbahn rauf und runter. Schwimmen habe ich neben der Davidswache gelernt, im Wellenbad ohne Wellen. Eine unserer Mutproben war mit Schulranzen durch die Herbertstrasse zu wetzen. Im Kaffee Kaese haben wir dann versucht, die Damen aufzureissen, ging aber nicht, wir waren zu jung. Am Millerntor stand ein grosses Zelt mit Catchern. Catch as catch can. einen Namen hab ich noch " Der Wuerger" war ein Wiener. Das war so zwischen 1950 und 1960. Nun bin ich ein alter Sack und weit, weit weg von der Reeperbahn und St. Pauli.
Iss wohl auch gut so ( das weit weg..). Bin zwar nicht ganz so alt aber habe im noch lebhaft in Erinnerung wie sich die Damen älteren Semesters in der 2 ( gab es ne dritte ?) Reihe der Herbertstr. laut gröhlend dem Jungvolk angeboten haben. Deren Anblick hat mich auf Jahre zu diesem Thema kuriert. Sonst war die letzte 1/2 der 80er sehr nett, dank rücklaufenden Geschäfts ( Aids, Ostmafia etc. ) kamen damals viele junge Typen ohne viel Geld günstig an die versifften Anmachläden ran. Ordentlich mit Domestos et al durch und dann nette Mucke aufgelegt. War nee nette Zeit die leider vorbei ist.
3. Horst Blankenburg
spon-facebook-1224363134 18.07.2012
Horst Blankenburg hat mit Ajax Amsterdam 3 mal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewonnen... 1 mal mit dem HSV. Nur das ihr ihn nicht kennt macht ihn noch lange nicht zum Hochstapler. Er ist einer der Grössten im deutschen Fussball.
4. Astra im Jäger?
mjerumani 18.07.2012
Also Astra gibts im Jäger definitiv nicht, da hat dder Author wohl was durcheinander gebracht....
5. Dat kannst mi glööven!
maximixa 18.07.2012
Zitat von sysopSamuel Zuder Vor knapp 60 Jahren sang Hans Albers die berühmte Hymne auf die "Reeperbahn nachts um halb eins". Was passiert heute in St. Pauli zu exakt dieser Uhrzeit? Sieben Nächte, sieben Momentaufnahmen. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,841450,00.html
Auf der Reeperbahn Nachts um halb eins Ob du 'n Mädel hast Oder Karl-Heinz Amüsierst du dich Denn das findet sich auf der Reeperbahn Nachts um halb eins
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