Astrotourismus in Brandenburg Zum Star Search nach Gülpe

Stars und Sternchen sind in Brandenburg reichlich zu sehen - am Himmel über dem Westhavelland. Das Dorf Gülpe liegt mitten im ersten deutschen Sternenpark. Die Einwohner hoffen auf viele Astrotouristen - und ein Anhalten der Dunkelheit.

TMN

Gülpe - Gülpe hat Star-Potenzial, davon war Burghard Zacharias immer überzeugt. "Ich habe den Sternenhimmel auf dem Kilimandscharo, in der Namib und in Machu Picchu gesehen", sagt der Rentner. "Und ich habe immer gesagt: Da kann Gülpe mithalten."

Zacharias ist in dem Dorf mit etwa 160 Einwohnern in Brandenburg aufgewachsen. "Hier habe ich als Kind die Milchstraße verinnerlicht", sagt er. Sternenklare Nächte waren für ihn normal. Und sie sind es hier im Westhavelland, nur 80 Kilometer westlich von Berlin, noch immer.

Anfang 2014 wurde der Naturpark von der International Dark-Sky Association (IDA) deshalb zum ersten Sternenpark Deutschlands ernannt. Die US-Organisation setzt sich für den Schutz der Dunkelheit ein - vielerorts auf der Welt ist diese bedroht.

Die letzten düsteren Orte bewahren

Straßenlampen, Werbeleuchten und auf Gebäude gerichtete Strahler machen die Nacht immer mehr zum Tag. Mit verheerenden Folgen: Vögel zerschellen an erleuchteten Bürotürmen. Insekten kreisen so lange um Lampen, bis sie erschöpft zu Boden fallen. Menschen können nicht mehr schlafen.

Zu viel künstliches Licht mit hohem Blauanteil hemmt die Produktion von Melatonin im Gehirn, erklärt Andreas Hänel. Der Leiter des Planetariums Osnabrück kämpft gegen Lichtverschmutzung. Er setzt sich dafür ein, die letzten dunklen Flecken in Deutschland zu bewahren.

Wie in jedem Jahr war Hänel deshalb auch in diesem beim Astrotreff in Gülpe. Zur vierten Ausgabe der Veranstaltung im Spätsommer waren Hobbyastronomen aus ganz Deutschland nach Brandenburg gekommen, samt Wohnwagen, Zelten und Teleskopen. Alle Stellplätze waren ausgebucht, seit Wochen kein Zimmer mehr zu haben. Gülpe ist jetzt ein bisschen berühmt - dank Andreas Hänel.

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Sterne de luxe: Die besten Orte für Himmelsbeobachter
Werte wie in den dunkelsten Gegenden der Erde

2009 kam Hänel das erste Mal in den Ort. Damals war er auf dem Weg zu einer Tagung über Lichtverschmutzung im Bundestag und hatte zuvor eine Diskussion über Messungen am Neuruppiner See in Astronomie-Foren verfolgt. Konnte es so nahe bei Berlin wirklich so dunkel sein, wie nächtliche Karten Europas zeigten? "Ich wollte es selbst messen", sagt Hänel. "Es war Ende April und superklares Wetter."

Hänel fuhr über Straßen, die immer schmaler wurden. "Es wurde dunkler und dunkler." Irgendwo zwischen Görne und Witzke hielt er an und schaute auf sein Sky Quality Meter. Es zeigte Werte an, die in den dunkelsten Wüsten und Gebirgen der Erde gemessen werden. Der Grund dafür ist schlicht: Im Westhavelland leben sehr wenige Menschen.

Finsterster Ort Deutschlands haben manche Medien Gülpe fortan genannt, die Bewohner fanden das nur mäßig witzig. Und es stimme auch gar nicht, sagt Hänel. Es gebe noch einige ähnlich dunkle Gegenden mehr, zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern. Die Naturparks dort haben aber nicht auf seine Idee reagiert, einen Sternenpark auszuweisen. Im Westhavelland war das anders.

Hobbyastronomen und Astrotouristen aus Berlin

Die Gemeinden und der Naturpark witterten ihre Chance, mehr Touristen anzulocken. Es wird geschätzt, dass es 40.000 bis 50.000 Hobbyastronomen in Deutschland gibt. "Aber wir wenden uns vor allem an Laien", sagt Hänel, "an Leute aus Berlin, die mal den Sternenhimmel sehen wollen." Studien ergaben, dass ein Drittel der Deutschen noch nie die Milchstraße in Natur gesehen hat.

Bisher reisen die meisten Besucher ins Westhavelland, um zu radeln, Kanu zu fahren und Vögel zu sehen. Doch nun kommen immer mehr Gäste zum Sterneschauen. Manche Pensionen haben sich bereits auf die besonderen Bedürfnisse der Sternentouristen eingestellt. Mit spätem Frühstück, verdunkelbaren Zimmern und dem Hinweis: Morgens bitte leise sein. Sie haben Liegen zum In-den-Himmel-Gucken in den Garten gestellt, Sternenkarten und Rotlicht-Taschenlampen besorgt.

Auch der Naturpark bereitet sich vor. Zwei Naturführer haben sich astronomisch fortgebildet und bieten nun Sternenwanderungen an. Im Naturparkzentrum in Milow simulieren Leuchten in einer neuen Kabine den Sternenhimmel, dazu singen Vögel vom Band. Eine Broschüre zeigt die besten Orte zum Sternenschauen mit GPS-Koordinaten. Stelen sollen die Punkte bald markieren und Betonsäulen aufgestellt werden, auf denen man Teleskope abstellen kann. Und in Parey möchte der Förderverein eine Sternwarte einrichten. Menschenmassen fallen freilich vorerst nicht ein.

Das Dorf muss dafür sorgen, dass es dunkel bleibt

"Der Sternentourismus entsteht sachte", sagt Jens Aasmann, Amtsdirektor von Rhinow. Noch fehlten auch die Voraussetzungen. "Wir könnten nicht mal einen ganzen Bus voller Besucher zusammen unterbringen." Vor allem aber muss sich Aasmann darum kümmern, dass es dunkel bleibt. "Die Gemeinde hat sich verpflichtet, den Zustand zu bewahren", sagt er.

Wenn eine Straßenlampe ausgetauscht wird, achte man nun darauf, dass sie gut abgeschirmt ist und kein Licht nach oben strahlt. "Das spart auch eine Menge Energie." Ansonsten müsse er nicht viel unternehmen. "Die Werbeschilder halten sich arg in Grenzen", sagt Aasmann. "Und Ampeln mussten wir auch keine dimmen - es gibt keine."

Mittlerweile hat die IDA zwei weitere Sternenparks in Deutschland anerkannt, in der Rhön und in der Eifel. In der höher gelegenen Rhön könne es noch dunkler sein als im Westhavelland, sagt Hänel. "Aber hier haben wir viel öfter klaren Himmel."

Weitere Informationen: Anreise per Zug nach Rathenow und dann mit dem Bus 684 nach Gülpe. Von Juni bis August ist es zu hell für gute Sternenbeobachtung. Am besten sind die Bedingungen bei Neumond.

Florian Sanktjohanser/dpa/emt



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