Südkoreanische Küche in Berlin Verrückt nach Kimchi

Mit Glitzerkrönchen und Kimchi-Crêpes fing sie an - heute ist ihr Restaurant in Berlin-Kreuzberg eine Institution: Young-Mi Park-Snowden ist erstaunt, wie koreanischer Kohl in Deutschland zum Trend wurde.

Ken Buslay

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"Hast du schon gegessen?" - Die Frage erinnert an hoffnungsvoll dreinblickende Großmütter, denen es in den Fingern juckt, den vorsorglich vorbereiteten Topfenstrudel mit Vanillesauce auftischen zu können. In Korea hat die Frage eine ganz andere Tragweite: Sie ist fester Bestandteil des Alltags. Was bei den Deutschen "Wie geht's dir?" ist und bei den US-Amerikanern "How are you?", ist in Südkorea die Frage nach der letzten Mahlzeit.

Doch im Gegensatz zur deutschen oder amerikanischen Begrüßungsfloskel, auf die man wie von selbst meist "Danke gut und selbst?" antwortet, sind die Koreaner tatsächlich an der Antwort interessiert. Es geht ja immerhin nicht einfach nur um irgendwelche Kinkerlitzchen, sondern viel wichtiger: um die Befindlichkeiten des Magens. Lautet die Antwort "Nein", muss dieser unhaltbare Zustand umgehend geändert werden.

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Kimchi, Bibimbap und Co.: Nichts geht über Essen

Young-Mi Park-Snowden bringt es auf den Punkt: "Essen hat in Südkorea eine ganz besondere Bedeutung." Die 38-Jährige ist die Inhaberin des koreanischen Restaurants Kimchi Princess in Berlin-Kreuzberg. Wie das Viertel ist auch das Restaurant laut, voll und irgendwie hip-authentisch.

Koreanische Kellner bringen dampfende Tontöpfchen zu den Gästen, die auf langen dunklen Holzbänken eng beisammen sitzen und hilflos versuchen, den Reis mit den silbern glänzenden Stäbchen möglichst ohne große Verluste in ihren Mund zu befördern. Die Kellner machen den Eindruck, am liebsten einschreiten zu wollen.

Park-Snowden lacht. "Koreaner essen Reis mit dem Löffel", sagt sie. "Die meisten Deutschen denken aber, sie müssten jedes einzelne Reiskorn mit den Stäbchen greifen." Mit den sehr dünnen Metallstäbchen, die in Korea üblich sind, sei das besonders schwierig.

Park-Snowden wurde in Wolfsburg geboren, ihre Eltern stammen aus Südkorea. Zu Hause aß sie mit Stäbchen, noch bevor sie lernte, mit Messer und Gabel umzugehen - in der Schule wurde sie für ihre mandelförmigen Augen gehänselt. "Ich habe das nie wirklich verstanden", sagt sie. "Ich fand gar nicht, dass ich anders aussah als die anderen Kinder."

Young-Mi Park-Snowden
Valerie Schmidt

Young-Mi Park-Snowden

Erst als sie zum ersten Mal mit ihren Eltern nach Südkorea reiste, sei es ihr bewusst geworden: "Auf einmal sah ich, dass die Leute dort vom Aussehen her mehr mit mir gemeinsam hatten als die Kinder in meiner Schule", sagt Park-Snowden.

Mit jedem Besuch in dem Land habe sie die Unterschiede mehr begriffen - zwischen Südkorea und Deutschland, zwischen der Kultur, die sie zu Hause von ihren Eltern vorgelebt bekam, und den Verhaltensweisen ihrer deutschen Freunde.

Heute ist es für die schlanke Frau mit den langen schwarzen Haaren normal, an jedem Geburtstag eine Algensuppe zu essen, weil das in Südkorea Tradition ist, und ebenso liebt sie alles, was mit Kartoffeln zu tun hat.

Es stört sie nicht, wenn eine schick gekleidete Koreanerin mit perfekter Frisur in ihr Restaurant gestöckelt kommt und ihr Essen so geräuschvoll verspeist, dass sich die deutschen Gäste angeekelt umdrehen. "Das heißt, dass es ihr gut schmeckt", sagt Park-Snowden. "Genauso sollte man aber auch Respekt und Achtung vor der deutschen Tischkultur haben." Und da sei Schlürfen nun einmal unhöflich.

Mit Glitzerkrönchen und Crêpes

"Essen und Trinken ist meistens der erste und einfachste Zugang zu einer Kultur", sagt Park-Snowden. "Wenn man etwas Leckeres isst, will man oft mehr über das Land wissen." Als sie vor 18 Jahren nach einem Jahr Aufenthalt in Seoul nach Berlin kam, kannte kaum jemand Kimchi oder Bibimbap.

"Berlin hatte alles", sagt sie. "Aber ich vermisste authentisches koreanisches Essen." Also zog sie sich ein Glitzerkrönchen auf und verkaufte als "Kimchi Princess" auf einem Designmarkt in Prenzlauer Berg koreanische Crêpes. "Dabei hat Kimchi so gar nichts Prinzessinenhaftes", sagt Park-Snowden. "Es hat einen sehr speziellen Geruch."

Der Stand war ein voller Erfolg, 2009 eröffnete Park-Snowden ihr Restaurant am Görlitzer Bahnhof. Seitdem konnte sie beobachten, wie immer mehr Deutsche etwas mit Südkorea anfangen konnten. Spätestens seit dem Hit "Gangnam Style" wissen die meisten, was K-Pop ist.

Auch die koreanische Küche ist längst kein Insidertipp mehr. Nach Thai-Curry, Sushi und Pho-Suppe stürzen sich die gesundheitsbewussten Trendsetter der Bundesrepublik auf Kimchi und Co. und glorifizieren es zum neuen Asia-Superfood.

"Alle sind verrückt nach Kimchi, und es ist wirklich sehr gesund", sagt Park-Snowden. "Es ist das Nationalessen, Koreaner essen es dreimal pro Tag. Mein Vater ist überzeugt davon, dass er deshalb noch mit 80 Jahren so fit ist." Das eingelegte Gemüse, meist Chinakohl, gilt insbesondere in den eisigen Wintermonaten als Vitamin-C-Lieferant Nummer eins - vor allem aber schmeckt es einfach köstlich.

Um dem gesunden K-Lifestyle auch zu Hause frönen zu können, hat Park-Snowden ein Kochbuch mit den gängigsten koreanischen Rezepten geschrieben. "Kimchi Jeon ist zum Beispiel leicht nachzukochen - das sind die koreanischen Crêpes, die wir damals bei unserem Stand verkauft haben", sagt sie. Aber auch die Reis-Gemüsepfanne Bibimbap kommt darin vor oder das typisch koreanische Barbecue.

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Koreans cook it better

Gräfe & Unzer Verlag; 240 Seiten; 24,99 Euro

Und was trinken die Koreaner? Am liebsten den koreanischen Reisschnaps Soju oder den Reiswein Makgeolli. "Wer Alkohol in einem koreanischen Restaurant trinkt, sollte das auch so tun wie die Koreaner", sagt Park-Snowden. In Deutschland sei es üblich, den Schnaps nach dem Essen zu trinken. In Korea sei das undenkbar. "Alkohol wird immer zum Essen getrunken", sagt sie. "Nie wird Alkohol allein getrunken. Selbst wenn es nur ein Bier abends auf der Straße ist - dann wird mindestens noch eine Tüte Chips dazu geholt. Undenkbar, dass etwas ohne Essen stattfindet."

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, an Geburtstagen wird in Korea Misosuppe gegessen. Koreaner essen jedoch Algensuppe, die auf Koreanisch Miyeok Guk heißt.

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insgesamt 16 Beiträge
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anders_denker 15.02.2018
1. Abgesehen davon das ich Kimchi seit den 90ern kenne
aber kein BERLINER bin, daran könnte es liegen, muss durchaus mal die Frage erlaubt sein - Kimchi gibt es nur in Südkorea? Wirkt ja fast so als gäbe es mit dem Bessersüdi ein Koreanisches Pendant zum Besserwessi!
AMHD 15.02.2018
2. Wie sich die Zeiten ändern
Mein Vater fuhr zur See und brachte Ende der 80’er/Anfang der 90‘er ein Rezept für Kimchi nebst Gewürzen mit nach Hause. Ich werde nie vergessen, wie ich, als mein Vater mal zu Hause war, nach ein paar Tagen Klassenfahrt nach Hause kam, den Kühlschrank öffnete und erschrocken rief: das ist alles vergammelt! Der Geruch war für mich schier überwältigend. Noch viele Jahre danach hatte ich kein Interesse, mehr über die koreanische Kultur zu lernen. Heute bin ich froh, dass ich für mich persönlich einen anderen Zugangsweg gefunden habe. Und sogar Kimchi ist okay...
Die Einzelmeinung 15.02.2018
3. Sauerkraut
Abgesehen davon dass es unzählige Varianten von Kimchi gibt, und dazu noch mehr Verwendungszwecke und Zubereitungsarten, ist es doch unserem Sauerkraut geschmacklich etwas ähnlich. Etwas Chili und Gewürze schon gibts deutsches Kimchi-kraut. Ich habe mich leider vor ein paar Jahren etwas an dem Zeug überfressen, so dass ich nun eher selten darauf Lust habe.
widower+2 15.02.2018
4. Ich bin auch keinBerliner
Zitat von anders_denkeraber kein BERLINER bin, daran könnte es liegen, muss durchaus mal die Frage erlaubt sein - Kimchi gibt es nur in Südkorea? Wirkt ja fast so als gäbe es mit dem Bessersüdi ein Koreanisches Pendant zum Besserwessi!
Wer hat denn behauptet, dass es Kimchi nur in Südkorea oder Berlin gibt? Ich habe das erstmals Mitte der Achtzigerjahre im "Seoul" in Bremen gegessen.
kumi-ori 15.02.2018
5.
Kimchi gibt es seit Anfang der Neunziger Jahre überall in Deutschland. Aber das ist auch kein Wunder. Unser Nachbarland Frankreich hat eine alte Sauerkraut-Tradition und Kimchi ist praktisch das Gleiche. Nur die Gewürze untersscheiden sich.
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