Verträumter Inselsüden Rügens vergessenes Outback

Hünengräber, Mäusewinkel, Hühnergötter: Kultstätten und sagenhafte Orte gibt es zuhauf in Rügens Süden, das Dreieck zwischen Zudar, Garz und Poseritz ist eine fast magische Region. Zwischen Bodden und Biotopen finden Wanderer das, was den überfüllten Seebädern der Insel fehlt - Stille.

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Florian Melzer

Gemächlich zieht ein Storch über den Raps. Er dreht ab in Richtung Bodden, als blende ihn so viel Gelb. Weil er aber nicht nach Fischen sucht, schwenkt er zurück aufs Feld. Schmetterlinge tanzen nach einer lautlosen Musik, Möwen fliegen hoch, in der Ferne steht ein Bussard fast bewegungslos im Blau. Aus dem nahen Wäldchen brechen Rehe aus, sie sehen kurz herüber und beginnen zu äsen. Ach, nur Wanderer.

Nichts scheint die Ruhe dieser Gegend zu stören. Autos sind kaum zu sehen, das Lauteste sind die Wellen, die gegen das Ufer plätschern. Schweigend geht die Gruppe weiter. Es gibt nichts zu sagen, nur zu schauen.

"Unter den magischen Eiben in Swantow" war Stunden zuvor der Treffpunkt für eine Tour, die zu Fuß und im Auto durchs südliche Rügen führt - den stillen, grünen Teil der Insel. Unter den Urlaubern ist Erika, eine ehemalige Kunsterzieherin. Sie verspricht sich nicht viel von dieser Tour, sie bekam sie geschenkt: "Ich war auf Samoa, das ist eine Insel." Außerdem ist Hans-Jürgen dabei, ein dicker, bayerischer Autoverkäufer, der sich drauf freut, seinen Geländewagen "mal so richtig Gassi fahren" zu können. Und Katja, die sich als "pensioniertes Naturweib" vorstellt. Ein halbes Dutzend sind es am Ende, die gemeinsam unterwegs sein wollen.

Swantow ist ein verträumter Ort im Irgendwo von Südrügen. Die Eiben des Pfarrgartens, gepflanzt vor rund 200 Jahren, bilden mit ihren Kronen ein regendichtes Dach. Darunter tranken die Pfarrer einst ihren Tee. Die Kirche wurde auf den Resten einer slawischen Kultstätte errichtet. Katja schließt die Augen: "Spürt ihr die Schwingungen?" Von den heidnischen Slawen künden nur noch die Feldsteine, auf denen die Kirchen gebaut wurden. Und Orte, die auf -ow oder -itz enden. Noch heute, heißt es, seien unter den Eiben bei Vollmond unerklärliche Stimmen zu hören. Es sollen die Slawen sein, die die Christen verfluchen. "Eigentlich hätten wir uns hier um Mitternacht treffen müssen", sagt Volker Rösing, der Wanderführer, lächelnd.

Natur als Monarchin

Doch dann hätte man die Farbenpracht dieser Gegend verpasst. Die Gruppe geht wie durch das Gemälde eines Impressionisten. Sattgelb sticht der Raps gegen das Azur des Meeres, dazwischen das Rot des Klatschmohns, das Blau der Kornblumen. Und immer wieder bunte, weite Wiesen. Auf Südrügen - in diesem weltverlorenen Dreieck der Orte Poseritz, Garz und Zudar - regiert die Natur, beinahe als Monarchin.

Nur alle paar Kilometer erreicht die Gruppe einen neuen Ort, die meisten zählen keine tausend Einwohner. Dazwischen liegen Alleen, durch die man wie durch grüne, rauschende Tunnel fährt. Sogar die Dörfer scheinen aus dem Boden gewachsen zu sein, umrankt von Efeu, wildem Wein und unter den Kronen ehrwürdiger Bäume. Vor ihren Fischerkaten sitzen die Nachbarn und klönen über die Heldentaten ihrer Großväter, legendäre Seefahrer allesamt. In den Zweigen hocken die Stare und lachen über den Gesang der Frösche. Und zwischen dem Katzenkopfpflaster der Straßen wächst das Gras.

Hierher verirrt sich kaum ein Tourist. Denn was Südrügen nicht hat, das sind die breiten Sandstrände, die weißen Balkone und die Brücken, die weit ins Meer führen. Hier sind keine schroffen Kliffs, hier fehlt der breite Asphalt. Das alles gehört zum Norden und Südosten der Insel, zu den Halbinseln Jasmund oder Mönchgut. Dort ist die Steilküste. Dort sind die Seebäder mit ihren überfüllten Promenaden. Dort ist das zu finden, wofür Rügen steht. Südrügen ist das vergessene, grüne Outback der Insel.

Man gelangt hier "in die Stille", sagt Volker Rösing. Der 60-Jährige ist Naturschutzwart, seit Jahren führt er kleine Gruppen durch Südrügen. Kreuz und quer geht es die nächsten Stunden, rund 60 Kilometer stehen am Ende auf dem Tacho. Und auch zum Wandern gibt es genügend Gelegenheit. Denn selbst die Trecker der Bauern kommen in dieser urwüchsigen Gegend manchmal kaum durch.

Schwäne und Schabernack

Hans-Jürgen murrt ein wenig, weil er seinen Wagen stehen lassen musste - einer reichte für die Gruppe. Was hätte sein SUV in dieser Gegend aufdrehen können, grummelt er, während Rösing mit seinem Wagen an einem Feldrain kapituliert und ihn am Wegesrand abstellt. Die Teilnehmer stapfen nun Uferwege entlang, schlagen sich durch die Büsche. Rösing weiß, hinter welchem Gebüsch sich neue Wege auftun oder welche Routen im Nirgendwo enden.

Zwischen zwei Äckern taucht der Mellnitzer See bei Poseritz auf, ein renaturiertes Biotop. Auf vergilbten Karten des vorletzten Jahrhunderts ist der See noch eingezeichnet, dann trocknete ihn die DDR-Landwirtschaft aus. Vielleicht gibt es hier irgendwann wieder ein "Vogelparadies", wie es die "Rügener Zeitung" vor gut hundert Jahren bewunderte.

Die Chancen stehen gut. Wildgänse und Stockenten schnattern bereits um die Wette, Blässhühner flattern auf, in der Ferne Schwäne ziehen übers Wasser wie große, weiße Flocken. Silberreiher steigen aus dem Schilf. "Die waren noch nie hier", jubelt Rösing. Offenbar ist Südrügen auch bei Alteingesessenen immer noch für eine Überraschung gut.

Der Trupp kommt vorbei an Häusern, die "Zuckerhut" heißen, an einem Orten mit dem Namen Schabernack. Auch vokabularisch ist Südrügen eine einzigartige Gegend. Der "Mäusewinkel" ist nicht mehr als eine total verstrüppte Ecke nahe Zudar. In sagenhafter Zeit waren zu Mäusen verhexte Kinder hierher geflüchtet. Ernst Moritz Arndt, der Lyriker des deutschen Freiheitsdrangs, hat es in einem Gedicht beschrieben. Er wurde nicht weit von hier, in Groß Schoritz, geboren.

Hühnergötter und fossile Austernschalen

Es geht über Erdlöcher, über Betonwege, durchs Unterholz. Es riecht nach Meer und tausend Blüten, nach wilden Margeriten, nach Kamille. Hinter Büschen verbirgt sich ein Hünengrab der Ureinwohner: Es handelt sich um ein paar zu einem Kreis gelegte Findlinge. In ihrer Mitte tanzten einst die Schamanen. Hunderte dieser sagenhaften Kultstätten gibt es in Mecklenburg-Vorpommern, die meisten in Rügens Süden.

Für bereits geplante Bettenburgen sollten die Artefakte entsorgt werden. Rösing aber half als Mitarbeiter beim Umweltamt des Kreises mit, dass alles beim (Ur-)Alten blieb. Der Naturschutzwart und viele Gleichgesinnte stimmten gegen die Verschandelungen. "Wir waren Investitionshemmer", sagt er stolz.

Durchs Grün winden sich also keine Autoschlangen, sondern Blindschleichen, Ringelnattern und immer mal wieder eine Kreuzotter. Katja, das Naturweib, ist auf einmal sehr aufgeregt. "Ein Adler", ruft sie und zeigt nach oben. Tatsächlich, überm Hügel, der steil zum Bodden abfällt, schwebt der König der Lüfte. Alle pirschen sich in seine Richtung. "Vorsicht", ruft Rösing, denn plötzlich stehen sie am Rand der Küste.

Findlinge bedecken den Strand. Das Wasser ist glatt, die Bodden sind die friedfertigen Brüder der See. Der bayerische Autoverkäufer Hans-Jürgen greift sich einen flachen Stein und lässt ihn übers Wasser flutschen. Er hat Blasen am Fuß und freut sich drüber. Katja zieht ihre Schuhe und Socken aus und läuft durch den algengrünen Ufersaum.

Erika wühlt im Kliff, entdeckt Donnerkeile, versteinerte Seelilien, fossile Austernschalen. Sie findet einen Hühnergott, einen kleinen Stein, in den das Meer ein Loch gewaschen hat. Das verheißt Glück, so sagt der Wunderglaube der Fischer. Wenn man jetzt so in Erikas strahlende Augen sieht, mag was dran sein.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
cycokan 09.07.2012
1. Wirklich schade
Wenn der kleine Bodden nicht die Klärgrube Bergens wäre und man unbedenklich darin schwimmen könnte, dann wäre es wirklich herrlich. Wunderschöne Aussichten, relativ erschwingliche Immobilien mit Seeblick und zu den Seebädern ist es letztlich auch nur ein netter Cabrio- oder Bikeausflug. Aber, aber, die Wasserqualität.
MrStoneStupid 09.07.2012
2. Naturschutz geht vor Tourismus
Hübsch aber generell soll die Natur vor zu viel Tourismus geschützt werden. Wie viel Touristen ein Ort abkann ist unterschiedlich aber wenn es Probleme (relevante Umweltschäden) gibt, soll der Tourismus begrenzt werden und i.a. dürfte das am einfachsten mit einer Gebühr zugunsten der Natur zu machen sein, die so hoch gesetzt werden muss, bis der Tourismus wieder auf einen akzeptables Ausmaß geschrumpft ist. Selbstverständlich sollte es genug Natur und Erholungsgebiete für alle geben, dafür soll der Staat auch was tun aber nicht jeder muss gefährdete Natur kostenlos belästigen dürfen. Man kann auch zwischen Tourizentren und schützenswerter Natur unterscheiden, d.h. es darf durchaus große Tourizentren geben aber wichtig ist halt, dass schützenswerte Naturgebiete geschützt werden. (alles imho)
chinsa 09.07.2012
3. OUTBACk?????
Kann man eine deutsche Insel nicht in deutscher Sprache beschreiben? Kann der Herr Brandenburg kein Deutsch? Ich lebe seit 21 Jahren in einem englischsprachigem Umfeld, aber derartiges wuerde in keiner englischen oder australischen Zeitung zu finden sein. Oder denken Sie, die wuerden schreiben " the Hinterteil of the island"?
bolonch 09.07.2012
4. Komisch
Zitat von chinsaKann man eine deutsche Insel nicht in deutscher Sprache beschreiben? Kann der Herr Brandenburg kein Deutsch? Ich lebe seit 21 Jahren in einem englischsprachigem Umfeld, aber derartiges wuerde in keiner englischen oder australischen Zeitung zu finden sein. Oder denken Sie, die wuerden schreiben " the Hinterteil of the island"?
Hatte ich auch schon geschrieben, der Beitrag wurde aber nicht publiziert... "Hinterland" ist aber schon ein gängiger Begriff im Englischen...
Moxie 09.07.2012
5.
Zitat von chinsaKann man eine deutsche Insel nicht in deutscher Sprache beschreiben? Kann der Herr Brandenburg kein Deutsch? Ich lebe seit 21 Jahren in einem englischsprachigem Umfeld, aber derartiges wuerde in keiner englischen oder australischen Zeitung zu finden sein. Oder denken Sie, die wuerden schreiben " the Hinterteil of the island"?
Aber das Herrn Brandenburg wahrscheinlich überhaupt nicht peinliche alberne Denglisch hat doch einen großen Vorteil: man kann schon an der Überschrift erkennen, wofür man keine wertvolle Lebenszeit zum Lesen aufwenden muss. Man kann auch noch mehr erkennen, was ich aber im Interesse der Veröffentlichung dieses Beitrages lieber nicht schreibe.
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